Full text: Hessenland (42.1931)

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errichtung der lutherischen Geineinde in Kaff ei und 
von dem Neubau ihrer Rirche wird nirgends Notiz 
genommen: nur die Ankunft einiger Personen, die 
mit ihr zusammenhängen, erinnert an das Ereignis, 
das doch für Raffel damals äußerst wichtig war. Das 
gesellschaftliche und wirtschaftliche Leben Kassels da 
gegen erscheint in voller Lebendigkeit, wenn man die 
Bekanntmachungen und Anzeigen aufmerksam studiert. 
Schon allein die Bekanntgabe dessen, was verloren 
oder gefunden wird, gibt wertvolle hinweise. Nicht 
nur goldene Uhren, sondern auch Eßbestecke oder Teile 
von ihnen werden verloren, letztere nahm man zu 
Gastereien von pause mit; punde der verschiedensten 
Rasse stehen auch auf der Verlustliste, unrer ihnen be 
sonders die Möpse, die Modehunde jener Zeit. Andere 
Verlautbarungen der Zeitung erzählen von Sen ver 
schiedenen Fuhrwerken, deren sich die Gesellschaft be 
diente: von der im Riemen schaukelnven Glaskutsche 
bis zum Phaeton; die Portchaisen (Sänften) vertra 
ten die Stelle der späteren Droschken und hatten ihren 
festen, polizeilich geprüften Tarif, auch war ihren 
Trägern im Dienst der Genuß von Alkohol und das 
Tabakrauchen verboten. Dann hören wir von Toilette 
bedürfnissen der Gesellschaft, von den Spiegeln aus der 
landgräflichen Spiegelmanufaktur (die sich in der Spie- 
gelmühle bei Rnickhagen befand und in Rassel eine 
Niederlage hatte), hören von Parfümhändlern, Ge 
würzkrämern, von den verschiedensten ausländischen 
Produkten, mit denen man schon damals verstand, sich 
das Leben angenehm zu machen. Stellengesuche lassen 
erkennen, wie man auch schon damals durch Anpreisung 
seiner Fähigkeiten um die Existenz rang, wir hören 
vom Buchhandel und von alten Büchern, die zum Ver 
kauf gestellt werden. Daneben preisen die Gastwirte, 
deren es im damaligen Raffel etwa 50 gab, ihre Lokale 
an. Eines davon, am Graben, kündet sogar an, daß 
dort außer der Rasseler noch zwei fremde Zeitungen 
ausliegen. Der Fremdenverkehr jener Tage, der an 
den Toren kontrolliert und registriet wurde, wird sorg 
lich mitgeteilt in der Zeitung; auch werden bei ange 
seheneren Personen ihre Absteigequartiere mitgeteilt. 
Die Fuhrleute, die Raffel passierten, geben ihre Routen 
bekannt und daß oder wann sie Frachten für diese an 
nehmen. Es waren oft recht beträchtliche Strecken, 
die von diesen Fuhrunternehmern zurückgelegt wurden. 
Neben ihnen sind noch fremde pändler, so solche mit 
Ranarienvögeln aus dem parz oder Nürnberg, bemer 
kenswert; auch fremde Schauspielertruppen oder andere 
Sehenswürdigkeiten werden angepriesen. 
Den Umfang des Zeitungsblattes des ganzen Wahres 
berechnete Schmitt auf ^28 Seiten in Ser Größe eines 
Schulheftes; der auf der ersten Nummer tm Roxsbilde 
erscheinende Posaunenengel kommt später nur noch an 
jedem Jahresanfang vor. 
An der nun folgenden Aussprache, an der sich Zoll 
direktor Moringer, Paul pe-idelbach, Dr. pallo und 
B. Jakob beteiligten, wurden dann noch Einzelheiten 
des Bildes ergänzt. Zur Geschichte der Gasthöfe und 
insbesondere der der „Stadt Stockholm", des ersten 
Gasthofes in Raffel, wurde noch des Besuches des 
Rönigs Rar! XII. von Schweden und der Anwesen 
heit Bachs gedacht; Dr. pallo verstand es, aus dem 
reichen Schatze seiner Forschungen, namentlich anhand 
der Museumsakten, feine Ergänzungen zu bieten. Lei 
der mußte der vorgeschrittenen Zeit wegen sein Vor 
trag, den er noch in Aussicht genommen hatte, aus 
das nächstemal verschoben werden. 
Zolldirektor Morin ger besprach dann noch 
die Geschichte eines Raubüberfalles auf der Straße 
über den Enkeberg und Spickershausen nach Mün 
den im Jahre 1615. Zwei Protokolle des Amt 
manns Seng zu Raffel vom 28. und 29 . Dktober 
jenen Jahres geben darüber Auskunft, nur ist leider 
über den weiteren Ausgang nichts mehr zu erfahren. 
Zwei pandwerksgesellen waren auf jenem Pfade gen 
Rassel gezogen, als sie am Fuldaübergange von meh 
reren Spickershäusern angehalten wurden, die sie als 
Deserteure aus dem Braunschweigischen Lager anspra 
chen. Lin Reiter entriß einem von ihnen den Mantel 
unter dem Vorgeben, daß sie Rundschaster seien, denn 
Handwerksgesellen trügen keinen Mantel. Mehrere 
Leute mit pellebarten sahen untätig zu. Der 
Vorgang zeigt, wie schon vor dem Dreißigjährigen 
Rrieg es überall gährte. Anlaß zur Zusammen 
ziehung der braunschweigischen Völker damals war 
wahrscheinlich der braunschweigische Erbfolgestreit. — 
Im Anschluß daran machte Moringer noch aufmerk 
sam auf eine neue Schrift von p. A. Schmidt „Lands 
knechtwesen und Rriegführung in Niedersachsen 1533 
bis 1 5^5", in welcher dieser sich mit dem Problem der 
„arbeitslosen" Landsknechte auseinandersetzt. Ein Bei 
spiel läßt erkennen, wie sich bei drohendem Rriege die 
beiden Parteien, hier Landgraf Philipp von pessen, 
dort Perzog peinlich von Braunschweig-lVolffenbüttel, 
bemühten, die pausen reißiger Rnechte solange bereit 
zuhalten, bis sie ihrer bedurften, aber auch dafür zu 
sorgen, daß sie nicht dem Gegner zuliefen. Die Schrift 
bietet wertvolles Material zur Geschichte namentlich 
des 16 . Jahrhunderts. — Gegen }i\\ Uhr konnte 
dann Zolldirektor Moringer als 2 . Vorsitzender den 
schönen Abend schließen. —c.— 
Am 7 . Januar begannen die für die nächsten Machen, 
jedesmal Mittwoch 3 Uhr angesetzten Museumsfüh 
rungen des pefsischen Geschichtsvereins mit einer sol 
chen des perrn Rusios Dr. Möbius durch die prähisto 
rische Abteilung des pefsischen Landesmuseums. An 
hand der Zeittafel führte der Vortragende in den 
prähistorischen Geschichtsablauf ein, zeigte dann die 
verschiedenen Steinwerkzeuge in ihrer hinsichtlich der 
Technik steigenden Ausführung, gab Einzelheiten der 
Bearbeitungstechnik und wandte sich dann den ver 
schiedenen Reramiken zu, die in ihrem Dekor Anhalts 
punkte für die Besiedelung bieten. Dann zeigte er 
anhand der verschiedenen Pausmodelle die Entwicklung 
des steinzeitlichen Mohnhauses, so jenes vom Frauen 
berg bei Marburg, wo sich noch die Mände dachförmig 
über den Mohngruben dieses Sippenhauses schließen 
und Reste von Stakenlehm erkennen lassen, wie Fitz 
gärtenwerk sich zwischen die Balken legte. Das paus 
von Paldorf mit viereckigem Grundriß nebst Vorhalle 
zeigt dann einen späteren und fortgeschritteneren Typus. 
Dann wurden die Grabstätten von Züschen, wo das 
gewaltige Steinkistengrab liegt, und von Ellenberg, wo 
ein Menhir mit ornamentaler Ausarbeitung ein pü- 
gelgrab mit Steinsetzung bezeichnet, besprochen und das 
Michtigste darüber mitgeteilt. 
Langsam schiebt sich in das Bild der jüngeren Stein 
zeit die Metallkultur, zuerst Rupfer, dann Bronze und 
Eisen. Von den ersten Anlehnungen an die steinzeit 
lichen Geräte ausgehend, entwickelt sich die Technik 
des Metallgusses mit eigenen Formen, Gold und 
Bernstein gewinnen als Pandelsware Bedeutung, wie 
wir auch erkennen können, daß schon vorher manche 
Geräte der Steinzeit als pandelsgut des internatio 
nalen Verkehrs vom Balkan, von Irlanv und von der 
Schweiz aus zu uns gekommen sind, Beziehungen, die 
mit dem Fortschreiten zu feineren Techniken wachsen. 
Und als die Reiten Europa besiedeln, stehen sie schon
	        

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