Full text: Hessenland (42.1931)

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wie du!" — Frau Orthia hob hinter dem Rücken 
ihres Mannes bittend die Hände zu dem erregten 
Bruder, der auch aufgestanden war. Der Schäfer 
gab keine Antwort, aber eine Falte hatte stch 
zwischen seine dichten Augenbrauen gegraben, und 
eine Nöte lag auf seiner Stirn, die Frau Orthia 
nnd Tochter fürchteten. Jetzt wandte stch der Va 
ter barsch zur Tochter. „Da fitzest du und hältst 
Maulaffen feil und vergissest bei den amerikani 
schen Wnnderverzählungen, was du zu tun hast. 
Die Hunde müssen mit mir fort und haben noch 
keinen Bissen gekriegt. Der Gerechte erbarmt stch 
seines Viehes!" 
Das Mädchen eilte erschrocken und rot gewor 
den bei dem Tadel in die Küche und lockte Luchs 
und Flink hinter sich her. Füllgräbe verließ bald 
danach, ohne die Stube noch einmal betreten zu 
haben, mit seinen beiden Gehilfen und seiner 
Schippe das Haus. — „Er muß wieder hinaus, er 
schläft jede Nacht auf dem Felde bei den Scha 
fen", sagte die Frau entschuldigend zu dem Bruder. 
— „Seid wohl froh, du und die Gela, daß Ihr 
wenigstens nicht auch noch in der Nacht mit Gottes 
Wort gefüttert werdet", sagte Andreas mitleidig 
lächelnd zur Schwester, indem er ihr über den früh 
ergrauten Scheitel strich. Da griff die Frau nach 
der Hand des Heimgekehrten, drückte sie an ihre 
Augen und ein Schluchzen ging durch ihren abge 
magerten Körper. 
Zu einer Aussprache zwischen den Geschwistern 
kam eö an diesem Abend nicht mehr. Es war 
schnell im Dorf herum, daß ein Gast darin weile, 
der über das große Master gekommen sei. Den aus 
dem Felde zurückkehrenden Nachbarn rief man es 
aus Türen und Fenstern zu, die Frauen erzählten 
sich die Neuigkeit beim Wasserholen. Überall 
Staunen, Neugier. In dem eintönigen Leben der 
Dorfleute wirkte die Rückkehr des Andreas Wol 
lenhaupt etwa so, wie ein Stein, der in ein stilles 
Gewässer geworfen wird und Kreise um Kreise 
zieht. Der Hunger nach Abwechslung, nach 
Neuigkeiten, nun gar aus fremdem Lande, nagte 
in jedem, zumal in einer Zeit, in der noch kaum ein 
Tagesblatt im Orte gelesen wurde. So kamen 
denn gleich am ersten Abend Nachbarn und Ver 
wandte zu Füllgräbeö, um den Ankömmling zu be 
grüßen. Heute gingen viele im Dorf später zur 
Ruhe, als es sonst üblich war. 
Auch der Dorfschäfer saß noch bei seiner Herde 
an diesem milden Abend. Die Tiere lagen oder 
standen im Pferch umher. Ein hungriges Meckern 
der jungen Lämmer, die sich unter die Nahrung 
gebenden Mutter drängten, müdes Blöken der 
alten Schafe. Über allem lag der ein wenig bei 
ßende Geruch von fettiger, schmutziger Wolle. 
Neben dem Pferch stand die zweiräderige Schäfer 
hütte. Ihr Türchen war geöffnet und das ÜÜond- 
licht zeigte den blauweiß gewürfelten Überzug eines 
Kistens. Füllgräbe mochte noch nicht schlafen 
gehen. Zu viel hatte er zu bedenken, zu viel mußte 
noch sein ganz von religiösen Vorstellungen nnd 
Gedankengängen erfüllter Kopf bewältigen. 
Der Mann setzte sich auf die Deichsel seines 
Karrens, die durch eine große Holzgabel gestützt 
und in wagerechter Lage gehalten wurde. Johannes 
Füllgräbe hielt sein Neues Testament zwischen den 
braunen Händen und grübelte. Warum war der 
Andrees, der seit Jahren schon nichts mehr von sich 
hatte hören lasten, gekommen? Mußte er Unruhe 
und Unfrieden, Weltlust und Fleischeslust in sein 
Haus bringen? Ja, früher war er, Johannes 
Füllgräbe, selbst ein Weltkind gewesen, hatte mit 
dem Orthe Kirmes gehalten, auch ein Schnäpschen 
oder ein Glas Bier nicht verachtet. Seit ihn aber 
der Herr Pfarrer mit einer besonders schönen Pre 
digt wachgerüttelt hatte, war er in sich gegangen 
und hatte sich bekehrt. Nun, da Gottes Wort sein 
ständiger Begleiter und seine liebste Geisteökost 
war, wußte er, daß nichts Bestand hat und von 
Wert ist auf dieser Welt. Nur das bleibt, was 
droben ist. — Mit dem Orthe, da hatte er seine 
liebe Last gehabt, bis er es von seinem weltlichen 
Sinn abgebracht hatte. Es gab Tränen genug, 
bis dem Weib die Lust am Spinnstubengehen ab 
gewöhnt war. Endlich hatte Orthe eingesehen, daß 
dabei mehr geschwatzt wird über andere Leute, als 
gesponnen. Und die Schrift sagt doch: „Du sollst 
deinen Nächsten lieben als dich selbst." Mü dem 
Gela hatte er stch auch abgequält, mit dem welt 
lichen Ding. Das war hoffärtig, weil es wußte, 
daß es hübsch war. Das Gela wollte durchaus die 
Kirmes mitmachen und unter der Linde tanzen, als 
es in die Jahre kam. Aber er hatte der Tochter 
schön heimgeleuchtet bei ihren irdischen Gelüsten! 
Sein einziges Kind sollte ehrbar bleiben. TFenn 
das Mädchen durchaus freien wollte, so suchte er 
ihr einen Mann nach seinem Sinn aus. Wozu 
war er der Vater! M>er seine Tochter lieb hat, 
der züchtigt ste. Das hatte das Gela noch erfahren 
müssen, als es längst aus der Schule war. 
Alleweile, da Frau und Tochter stch endlich be 
kehrt hatten und in seinen Wegen wandelten, die 
doch Gott wohlgefällig waren, kam auf einmal der 
Andrees, der Windhund, ins Haus geschneit und 
erzählte lügenhafte Wunderdinge aus dem gottlosen 
Amerika, wo doch die Leute nichts mehr vom Him 
mel, Gott und ewigem Leben wissen wollen, wo ste 
nur noch dem Gott Mammon dienen. 
(Schluß folgt.)
	        

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