Full text: Hessenland (41.1930)

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Grundlage, die besonders dann völlig abwegig sei, 
wenn sie unter dem Gesichtspunkt des Vorranges 
einer Großstadt propagiert werde. Bei der Neu 
abgrenzung von Verwaltungsbezirken sei von dem 
Grundsatz der größten Zweckmäßigkeit für die Ver 
waltung auszugehen, wobei die Bedürfnisse der 
Selbstverwaltung besonders berücksichtigt werden 
müßten. Entscheidend sei hierfür die Größe der 
Verwaltungsbezirke. Der Landeshauptmann der 
Provinz Sachsen hat an anderer Stelle 5 ) unter 
ausdrücklichem Hinweis auf die Forderung der 
größten Zweckmäßigkeit, die Gliederung Mittel 
deutschlands in 3 Bezirke vorgeschlagen, deren 
Größe i4 800, 14 992 und 25 600 qkm und 
deren Einwohnerzahl 2,1, 3,2 und 4,9 Mill. be 
trägt. Mrt großem Nachdruck tritt die vorstehend 
erwähnte Entschließung ferner für die Erhaltung 
des historisch Gewordenen ein; keinesfalls dürfe 
durch die Neubildung von Verwaltungsbezirken die 
Stellung der Landschaften und der Städte in ihnen 
verschoben und damit der natürlichen geschichtlichen 
Entwickelung vorgegriffen werden. Ebenso wie in 
einem zentralistisch verwalteten Großmitteldeutsch 
land mit der Hauptstadt Leipzig, würde in einer 
Großprovinz Rheinfranken mit der Zentrale Frank 
furt kein Raum für Selbstverwaltung und keine 
Entwickelungsmöglichkeit für die mit der Landschaft 
organisch verbundenen, kulturellen Mittelpunkte 
mehr vorhanden sein. Ist denn schon ermittelt 
worden, wie die Städte Darmstadt, Wiesbaden, 
Mainz, Gießen, Kassel, Mannheim, Ludwigs- 
Hafen, Trier, Koblenz, die doch alle nur verlieren 
müßten, wenn die Großprovinz Rheinfranken Wirk 
lichkeit würde, diesen Vorschlag beurteilen? Daß 
die Stadt Frankfurt a. M. und ihr Oberbürger 
meister °) diesen Plänen nicht ablehnend gegenüber 
stehen, ist selbstverständlich; nur scheinen über dem 
Wunschbild, innerhalb der Großfrankfurter Bann 
meile ein kleines Washington erstehen zu sehen, die 
zu überwindenden technischen und psychologischen. 
Schwierigkeiten zu gering eingeschätzt zu werden. 
Den Staat und den Steuerzahler dürfte die Frage 
besonders deshalb sehr interessieren, weil offenbar 
wird, daß der Zweck dieser revolutionären Ratio- 
nalisterungsmaßnahme, nämlich die Erzielung von 
Ersparnissen, wenn er auf diesem Wege überhaupt 
6) Zeitschrift „Reich und Länder", Dezember 
heft 1929 „Die Neugliederung Mitteldeutschlands". 
6) Soeben hat Oberbürgermeister Dr. Land 
mann-Frankfurt a. M. im Januarheft von „Reich 
und Länder" zur Frage der Gliederung des Rhein- 
Main-Gebietes Stellung genommen. Er stimmt 
den Weitzelfchen Gedankengängen bedingungslos 
und ohne Vorbehalt zu. 
zu erreichen ist, auf Jahrzehnte hinaus illusorisch 
werden würde. 
Wenn aber dem Staat und dem Steuerzahler 
kein Vorteil erwächst, muß allen Ernstes die Frage 
aufgeworfen werden, wer Nutznießer der vorge 
schlagenen Maßnahme ist. Die überwiegende 
Mehrheit der auf die Behörden angewiesenen Be 
völkerung, deren Lage sich durchweg verschlechtern 
würde, wird es jedenfalls nicht sein. 
Dieselben Gründe, die gegen die Bildung zu 
großer Provinzen sprechen, müssen auch gegen die 
Schaffung „weiträumiger" Landkreise, derart wie 
sie Weitzel glaubt empfehlen zu sollen, angeführt 
werden. Regierungspräsident Friedenöburg hat vor 
kurzem in beachtlicher Weise zu dieser Frage Stel 
lung genommen 7 ). Er gibt in seinen Ausführun 
gen der Meinung Ausdruck, daß die Landkreise 
gerade wegen ihrer verhältnismäßig kleinen Ein 
wohnerzahl, der Stabilität und Übersichtlichkeit der 
Verhältnisse eine „dankbare und fruchtbare, übri 
gens auch in der Regel viel sparsamere Grundlage" 
für die Entwickelung der Selbstverwaltung böten, 
im Gegensatz zu den Großstädten „wie Berlin, 
Hamburg, Frankfurt a. M., Köln", die kaum 
mehr als Stätten Steinfchen Selbstverwaltungs 
geistes anzusprechen seien. Die durchschnittliche 
Größe der heutigen preußischen Landkreise hält 
Friedensburg für angemessen und widerrät, die 
Kreisgrenzen, ohne zwingenden Grund, der nur in 
Ansnahmefällen gegeben sein werde, zu ändern. 
Im rheinisch-westfälischen Industriegebiet find 
durch die kommunale Neuregelung keine weiträu 
migen Kreise gebildet worden. Die dort neueinge 
teilten Landkreise find durchweg nicht größer als 
300 bis 600 qkm, halten sich also noch unter der 
genannten Durchschnittszahl. 
Im folgenden mögen dem Weitzelschen Vor 
schlage andere auf die Gliederung des Rhein-Main- 
Gebiets bezügliche Vorschläge gegenübergestellt 
werden. 
Der Bund zur Erneuerung des Reiches lehnt in 
seiner bekannten Denkschrift 8 ) den Gedanken ab, 
„zn ganz anderen Begrenzungen der Glieder des 
Reiches zu kommen, mehrere preußische Provinzen 
und einige kleinere Länder zu noch größeren Gebil 
den zusammenzufassen oder völlig neue Abgrenzun 
gen nach rein wirtschaftlichen Gesichtspunkten auch 
unter Zerreißung heutiger preußischer Provinzial 
verbände zu gestalten". Man sollte die zu lösende 
Aufgabe nicht dadurch komplizieren, daß man „ohne 
7) Die Forderungen der Landkreise für die Preu 
ßische Verwaltungsreform, Zeitschrift für Selbst 
verwaltung vom 13. März und i. April 1929. 
8) Reich und Länder S. 60 ff.
	        

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