Full text: Hessenland (41.1930)

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ger Linie, die, durch den Landgrafen Ernst zum katho 
lischen Bekenntnisse zurückgeführt, fast stets im Kampfe 
mit der Kasseler Hauptlinie lag und selbst nicht davor 
zurückscheute,, die ihr zugefallene hessische Festung 
Rheinfels, das Bollwerk des Mittelrheins, an die 
Franzosen zu verraten. Dem erwähnten Landgrafen 
Ernst wäre dieser, beim Gelingen für ganz Deutschland 
verhängnisvolle Streich geglückt, wenn nicht im letzten 
Augenblicke Landgraf Karl von liessen-Kassel die 
Festung besetzt hätte. Eingehender verweilte der Red 
ner dann noch bei der Lebensgeschichte des Landgrafen 
Karl von Husten-Rotenburg, des „eito^en de Hesse“, 
der den: hessischen Fürstenhause keine Ehre machte. 
Der letzte Teil des Vortrags beschäftigte sich mit der 
voin letzten Kurfürsten von Hessen angeordneten cura 
ventris über die letzte rotenburger Landgräfin, Prin 
zessin Eleonore von Salm-Reifferscheid-Krautheim. Da 
der Vortragende den Inhalt seines Vortrages bereits 
in ausführlicher Weise im Drucke veröffentlichte *), 
dürfen wir hieraus verweisen. Über den oben er 
wähnten Landgrafen Karl von Pessen-Rotenburg, hat 
Arthur Kleinschmidt in Band 35 der Zeitschrift des 
Vereins für hessische Geschichte und Landeskunde ein 
gehend berichtet. 
Zu Beginn des zweiten Unterhaltungs 
abends, am 2. Dezember j 9 2 9 , wies der 
Schriftführer, Erster Bibliotheksrat Or. Israel, darauf 
hin, daß der Leiter des Abends, Zolldirektor i. R. 
Woringer, wenige Tage vorher, am 29. November, 
die 25 jährige Zugehörigkeit zum Vorstände des 
Hauptvereins feiern konnte, und widmete dem Ge 
nannten warme Worte der Ehrung und des Dankes. 
Zolldirektor Woringer dankte und berichtete in humor 
voller Rede über seine erste Tätigkeit, damals als 
Schriftführer des Lfauptvereins, in welcher die Erhal 
tung des Schlosses Spangenberg, die Gründung des 
Hessischen Landesmuseums und die Bickell'sche Erb 
schaft sehr mühsame, aber auch sehr interessante und 
lohnende Arbeit brachten. Lebhafter Beifall wurde den 
Ausführungen des stellvertretenden Vorsitzenden zuteil. 
Dieser erteilte sodann das Wort dem Volkswirt 
Bruno Jacob zu seinem Vortrag über „die Geschichte 
des Kasseler Patriziats". 
Die Geschichte des Kasseler Patriziates, die mit der 
scharfen Eäsur von ^ 39 ^ abbricht, fast ohne auch nur 
die geringsten Spuren zu hinterlassen, ist noch so gut 
wie völliges Neuland. Wenn Karl Lamprecht 
in seiner „Deutschen^Geschichte" die Patriziatsgeschichte 
auf durchschnittlich drei Generationen berechnet und 
für das \ 2 . und 13 . Jahrhundert ansetzt, so trifft das 
für die von ihm herangezogenen Beispiele aus dem 
Rheingebiet, aus Flandern und Magdeburg zu, für 
unser Hessenland dürfen wir aber etwa die Zeit von 
1280 bis J 39 J als die Zeit der Patriziatsherrschaft 
ansprechen. Die furchtbare Zerstörung des Akten 
materials im Kasseler Stadtarchiv nötigt uns, auf das 
vorhandene Aktenmaterial des Staatsarchivs und auch 
besonders auf die Urkunden der Klösterarchive zurück 
zugreifen. Das Bild wird immer lückenhaft bleiben, 
und was hier geboten wird, soll mehr die Probleme 
aufzeigen als eine abgeschlossene Geschichte des 
Patriziates in Kassel bieten. 
Zunächst ist es nötig, den Kreis der Familien zu be 
stimmen, die dem Patriate zuzurechnen sind. Wir 
können da drei Schichten unterscheiden: Die älteste der 
patronymen Geschlechter, der Bernonis, Brunonis, 
Gifelonis usw., vielleicht gehören hierher auch noch die 
i) Neuhaus, Der Iakobinerprinz und andere Geschichten, tzerrfeld. 
Hans Dtt Verlag. 
Familien mit pausnamen, wie Am Markt oder Von 
dem Tore. Die zweite Schicht sind wohl Freie, bie 
aus dem umliegenden Dörfern in die junge Stadt zo 
gen, sich dort nach ihrem Herkunftsorte, wo sie meist 
noch begütert waren, nannten; später haben sie auch 
noch Grunderwerb in anderen Dörfern getätigt, bezw. 
wurden sie mit fortschreitender Entwickelung Renten 
bezieher aus ihren Gütern. Die dritte Schicht ist die 
der neuen Reichen, die aus dem Handwerk und der 
Kaufmannschaft nur in geringem Maße in den Rat 
der Altstadt eindrangen, dafür aber vornehmlich im 
Rate der Freiheit auftreten. Es sind die Kellnir, 
Färbir usw., die also ihren Berufsnamen zum Fa 
miliennamen wandelten, wie das schon früher der 
Münzer (Monetarius) tat, der wohl der General- 
pächter der Kasseler Münze und der Bankhalter war, 
so wie das Falkenheiner für Fritzlar schildert .und 
Butte für ein Mitglied der Familie Friese in Hursfeld 
nachweist. — Keine der drei Schichten darf als in sich 
geschloffene Kaste betrachtet werden, gegen Ende des 
s 3 . Jahrhunderts treten Mitglieder der ersten Schicht 
neben Landadeligen als „Ritter und Bürger" gleich 
zeitig auf, die Ritterfamilie Langschenkel in der Neu 
stadt scheint verwandt und verschwägert mit anderen 
Patriziatsfamilien und ist selbst doch niemals im Rate 
zu finden. Wir finden auch andere Familien, wie die 
Habemann, Ratmann, Balhorn u. a. mit Patriziats 
geschlechtern verwandt, ohne daß sie selbst dem Rate 
angehören. Wie wenig man scharfe Kastenscheidung 
kannte, beweist uns das Beispiel getaufter Juden, wie 
jener Schulteiß Dietrich Diktus Iudäus zu Kassel, der 
dem Rate vorsteht, wie uns denn auch seine Ver 
wandten im Dieniellande als Amtleute usw. begegnen. 
Auch an der mittleren Werra begegnen wir einem 
Rittergeschlecht, das den Namen „Der Iutemann" 
trägt, auch hier war wohl ein getaufter Jude voni 
Hörigen zum Ministerialen geworden und somit in den 
Ritterstand, den Wehrstand des Lehnsstaates, auf 
gestiegen. 
Sehr weitschichtig sind die Probleme wirtschaftlicher 
und sozialer Art, denen wir begegnen. Wir sehen, wie 
die Patriziatsfamilien ihren Grundbesitz langsam 
mobilisieren und m Geschäften anlegen, für die Syden- 
fchwänze z. B. sind Fälle des Lombardskredites, den 
sie Bauern gewähren, nachweisbar. Aber auch das 
Ahnaberger Kloster und das zu Weißenstein erscheinen 
als Punkte der Kapitalbildnng, die durch die Ge 
währung von H?pokhekarkrediten den Übergang der 
Geschlechter zur mobilen Kapitalswirtschaft beschleu 
nigen helfen. Ausfallend ist das häufige Vorkommen 
von patrizifchem Grundbesitz im Dorfe Wolfsanger, 
wo unter anderem die Familie Geismar und die ihr 
verschwägerte der Steinbul große Liegenschaften hat 
ten, deren teilweise Mobilisierung wir beobachten. 
Aber es bleibt noch genug, um den später in Wolfs- 
anger befindlichen adeligen Grundbesitz aus der 
Lehensverteilung nach dem Sturze des Patriziats zu 
erklären. — Bemerkenswert ist auch das vordringen 
des römischen Rechtes in Hessen, das sich feit etwa 
J 370 aus dem Umstande ablesen läßt, daß nicht mehr 
der Rat in dem alten Umfange Beurkundungen vor 
nimmt, sondern daß viele Verträge vor dem Notar 
abgeschlossen werden. 
Wenn die erstgeborenen Söhne der Geschlechter in 
den Besitz des Vaters und in dessen öffentliche Ämter, 
vornehmlich den Rat, hineinwuchsen, dann sehen wir 
die jüngeren Söhne in geistlichen Stellungen, wobei ein 
mal Stiftungen der Familie vielfach eine Pfründe 
schufen, andererseits aber auch der Gheim den Neffen
	        

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