Full text: Hessenland (41.1930)

\ 
52 
Die Marburger Töpferwerkstätten. Von L. Schneider. 
Zu Anfang des vergangenen Jahrhunderts waren 
verschiedene Töpferzentren zu unterscheiden, in denen 
irdene Geschirre gefertigt wurden. Am bedeutend 
sten waren die Töpfereien am Niederrhein, Hessen 
und in Thüringen. Diese ausgesprochenen Zentren 
bestehen heute nicht mehr. Der Niederrhein scheidet 
vollkommen aus und Thüringen zum größten Teil, 
da die noch arbeitenden Betriebe bis auf ganz we 
nige industrialisiert worden sind. Das Handwerk 
liche wurde meistenteils abgelegt, und nur noch in 
Hessen und zwar in dem früheren Hauptsitz Mar 
burg sind einige Werkstätten, die den Rest und den 
Stamm des einst so blühenden Handwerks bilden. 
Dieses Gebiet wird charakterisiert durch das Ge 
schirr, welches unter dem Namen „M a r b u r g e r 
D i p p e r ch e r" zusammengefaßt wird und seit 
altersher weit über das hessische Gebiet bekannt ge 
wesen ist. 
die Ntarburger Kunsttöpferei-Erzeugnisse seilboten.. 
Die herrlichen Krüge, Schüsseln, Töpfe, Vasen,. 
Teller usw. drangen bis nach Frankreich, nach Eng 
land, der Schweiz und nach Übersee. Bemerkens 
wert dürste die Tatsache sein, daß in Avignon die 
Marburger Ware den Vorzug hatte, obwohl der 
Nus der dortigen Töpferei nicht der geringste war. 
Rumps beziffert die Zahl der Werkstätten um 18^0 
aus 30, der Gesellen aus 30 und der in den Töpfe 
reien tätigen Menschen auf 600. Die jährliche Pro 
duktion wurde auf 100 000 Taler geschätzt. Nach 
deni deutsch-französischen Kriege ließ der Absatz in 
Frankreich nach. Wenn auch vor dem Weltkrieg 
der bekannte Hoflieferant Ludwig Schneider noch 
beträchtliche Lieferungen nach London hatte und das 
hessische Landhaus des russischen Zaren mit Mac 
burger Ware ausstattete, so sank doch die Zahl der 
Töpferwerkstätten mehr und mehr. 1884 bestanden 
An der Töpferscheibe 
Diese Marburger Töpferkunst, deren Ansänge 
Architekt Rumps bis in die frühe La-Tene-Zeit zu 
rückführt (Hessenkunst 1923), soll in Dreihausen 
zuerst ihren Weg genommen haben, doch drängte 
das schnell erstehende Marburg den KonzentrationS- 
punkt dieses handwerklichen Zweiges bald unter den 
Schutz seiner Mauern. Hier entwickelte sich im 
Lause der Zeit ein reiches Töpferleben, so daß 
ganze Familien als Händler in die Lande zogen und 
Musieren der Gegenstande 
noch 16 Werkstatten, 1896 noch 10 und 1920 ar- 
beiteten noch 4 Meijter und ein Geselle in alter 
Weise. 
AuS den Resten des alten Topferhandwerks er- 
wuchs im letzten Jahrzehnt des 19. JahrhundertS 
die moderne deutsche Keramik. AuS Marburger 
Werkstatten kamen die keramischen Arbeiten vorr 
Nikolaus Dauber, die in der JahreSausstellung im 
Münchener Glaspalast 1899 so glanzende Auf-
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.