Full text: Hessenland (41.1930)

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schält, das von Dialektgrenzen fast frei ist, das also 
einen Dialekt von „hochgradiger" Einheitlichkeit 
darbietet. 
Wie wenig fich dieses Gesamtbild vor den Tat 
sachen halten laßt, soll unsere Karte 2 darlegen, 
die zu der Maullschen eine aus einer Durchsicht des 
gesamten Sprachatlas gewonnene typische Auswahl 
hinzunimmt. Der Übersichtlichkeit halber ist daher 
darauf verzichtet worden, noch mehr Linien, die Frank 
furt vom Süden oder Norden abtrennen, einzutra 
gen. (Nördlich der Linie, an der Perfekt steht, gilt 
das Imperfekt, etwa in ,er kam: er ist gekommen'.) 
Sie zeigt auch dem blödesten Auge, daß Frankfurt 
keineswegs der Mittelpunkt eines einheitlichen Dia 
lektgebietes ist, daß vielmehr um Frankfurt herum 
die Mundarten in einer Zersetzung begriffen find, 
die sich in dem Gewirr der Sprachlinien deutlich 
abzeichnet. Man erkennt viel eher etwa um Kaisers 
lautern und um Marburg, Gießen einheitliche Ge 
biete als eine hochgradige Einheit um Frankfurt. 
Dieser Zersetzungsprozeß läßt fich noch heute in der 
unmittelbarsten Umgebung von Frankfurt klar beob 
achten. Wenn man, um nur e i n Beispiel anzu 
führen, die Sprachatlaskarten Brot und Ohren, 
die beide in der Stammsilbe altes langes o haben, 
auf einem Pausblatt vereinigt, so steht man, daß 
die Verteilung der hessischen Brut und Uhren- 
formen gegenüber den südlichen (binnenfränkischen) 
Brot-, Ohren - formen bei beiden Beispielen ganz 
verschieden ist. Bei Brot haben Frankfurt, Bocken- 
heim, Hausen, Rödelheim, Griesheim, Heddern 
heim, Eschersheim, Bonames und Vilbel die Form 
mit o, alle anderen Orte nördlich des Main da 
gegen Brut. Bei Ohren haben aber Schwan 
heim, Nd. Ursel, Ginnheim, Preungesheim, Ber 
kersheim, Seckbach, Enkheim, Fechenheim auch 
Ohren, während umgekehrt Bockenheim und 
Eschersheim Uhren sagen, aber Brot. Die urkund 
lichen Formen und die Beobachtung der älteren 
Dialektschriftsteller (bis auf Stoltze) ergeben, daß 
das gesamte Gebiet einmal Brut und Uhren ge 
sprochen, somit die Formen des hessischen Nor» 
den gehabt hat. Der sprachliche Kampf tobt also 
heute noch in den Mauern von Groß-Frankfurt. 
Wie die Arbeit von Paul Freiling in dem Buche 
„Rund um Frankfurt" (Frankfurt 1924) immer 
wieder laut- und wortgeographisch belegt, hat Frank 
furt bis vor fünfzig, sechzig Jahren durchaus wetter- 
auisch gesprochen. Die sprachliche Zugehörigkeit 
Frankfurts zum hessischen Norden wird auch histo 
risch verständlich, wenn man hört, daß der größte 
Teil der Einwohner der Stadt im Mittelalter aus 
vem Norden stammte, und daß die Hälfte der im 
14. und 15. Jahrhundert Zugezogenen aus dem 
Norden kam. Erst später vollzog sich die Entwick 
lung zur „süddeutschen" Stadt (Freiling S. 208). 
Sprachlich löst sich aber Frankfurt erst in jüngster 
Zeit immer mehr aus diesem Zusammenhang und 
setzt sich an die Spitze einer Kampfkolonne von süd 
lichen oder der Schriftsprache nahestehenden For 
men. Frankfurt sagt z. B. Bruder, während der 
Hesse im Norden Brourer und der Süden Bru- 
rer spricht. Es tritt also für das nördliche hessische 
Gebiet durchaus zerstörend auf, nicht sammelnd. 
Wenn wir nun noch einmal auf das Ge 
samtbild sehen, so weiß jeder, der die Methoden 
der modernen, am Sprachatlas erwachsenen Dia 
lektforschung kennt, daß die heutigen Dialektgren 
zen Niederschläge der territorialen Verhältnisse des 
Mittelalters find, vie erst durch die jüngste Ent 
wicklung von Wirtschaft und Verkehr verwirrt 
und zerstört werden. Sie sind abhängig von histo 
rischen Bindungen und Prozessen. Es ist also die 
selbe Zersplitterung und Zerristenheit zu erwarten 
wie bei den historischen Kartenbildern überhaupt. 
Neben den Einwirkungen der Kleinbewegungen 
innerhalb der Territorien hat die moderne Forschung 
aber auch über die Länder hinausgreifende Groß 
bewegungen sehen und erkennen gelernt. Was da 
von schon zu beobachten ist, zeigt deutlich, daß 
Frankfurt nie derTräger solcher 
Großbewegungen gewesen ist, sondern 
daß es jahrhundertelang inmitten der wetterauischen 
Sprach- und Kulturlandschaft sein Genüge gefun 
den hat. 
So erweist fich die hochgradige Einheitlichkeit der 
Mundarten im Rhein-Main-Raum als ein 
Trugbild. Der auf ihr aufgebaute Beweis ruht 
auf falschen Voraussetzungen, ist als unhaltbar und 
verwirrend nachdrücklich abzulehnen.
	        

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