Full text: Hessenland (41.1930)

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unter ihr aufgewachsen war und vielleicht für ihre 
Vergnügungen nur wenig Interesse zeigte, von vorn 
herein eine starke Antipathie hegte: von ihr gehen 
die Bezeichnungen „blöder Hesse", „Baccalaureuö", 
„Student" aus, die sich bis in die 1567 geschrie 
bene Reimchronik gerettet haben. Sie beweisen 
jedenfalls, daß Hermann zu einer höheren aka 
demischen Würde nicht gelangt war. 
Wenn also die Ritter den gewesenen Theologen 
mit höhnischen Ausdrücken ablehnten, nahmen sich 
seiner die Geistlichen (und Geistliche waren alle 
Geschichtsschreiber jener Zeit) um so eifriger an. 
Drückten ihn jene geringschätzig herab, so erhoben 
ihn diese zu höherer Würde als er sie selbst er 
reicht hatte. 
Ich möchte hier die Vermutung einschalten, daß 
die Bezeichnung des jungen Fürsten als eines 
^elerclsn (Kslarcken), wenn sie auch als fester 
Beiname erst sehr spät auftaucht, in Wirklichkeit 
recht wohl alt sein kann — nur hat sie zunächst 
etwas ganz anderes, sehr viel ansprnchloseres aus 
gedrückt, als wir heute unter dem „Gelehrten" 
verstehn. Man denke nur an den ritterlichen Dich 
ter Hartmann von Aue (um 1200), der von sich 
selbst sagt: 
Ein rittcr so geleret was, 
daz er an den buochen las 
swaz er daran gescbriben vant . . 
„Gelehrt" war eben jeder der lesen und schreiben 
gelernt hatte — und gegenüber den hessischen Rit 
tern und Standesherren seiner Zeit war Prinz 
Hermann ohne Zweifel ein „Gelehrter". Als er 
zur Regentschaft gelangt war, da konnte diese Be 
zeichnung im Munde der Einen geringschätzig, im 
Munde der Andern als Lob erscheinen — keines 
falls aber steckte in ihr jemals die Emphase, welche 
„Hermann den Gelehrten" neben „Nloritz den Ge 
lehrten" zu stellen scheint, diesen Fürsten, der seinen 
Beinamen im Sinne eines Zeitalters mit Recht 
führte, das ein Dilettieren auf den verschiedensten 
Wissensgebieten als Gelehrsamkeit würdigte. 
Werfen wir nun noch einen flüchtigen Blick auf 
die hessischen Chroniken. Landgraf Hermann ist 
1413 gestorben — das einzige heimische GeschichtS- 
werk, das man als zeitgenössisch allenfalls an- 
^>rechen könnte, die sog. Riedeselsche Chronik, 
schließt in ihrer ursprünglichen Fassung schon vor 
der Zeit Heinrichs II. ab; die von Diemar (Zeit 
schrift des Geschichts-Vereins, Bd. 35, 37) auf 
1433/38 festgelegte „Hessische Fürstenreihe" sagt 
nichts über Hermanns geistliche Iugendjahre. Die 
in Kassel entstandene „Hessische Congeries" (deren 
Chronologie und Überlieferung noch immer auf eine 
gründliche Untersuchung wartet) meldet freilich 
z. I. 1369 (!), daß der alte Landgraf seinen 
Neffen Hermann, der Domherr in Magdeburg 
war, von dort als Mrtregenten „holen ließ", doch 
dürfte auch diese knappe Nachricht aus einer jünge 
ren Quelle stammen. Erst in der „Kleinen Heffen- 
chronik" (Auög. Diemar, Zeitschr. 37, S. 37 ff.), 
die im Jahre 1471 abgeschlossen zu sein scheint, fin 
det sich ein ausführlicher Bericht, für den keine 
schriftliche Gewähr zu ermitteln ist und den ich des 
halb als original hier abdrucke, weil er den sicht 
baren Ausgangspunkt für die ganze spätere Dar 
stellung bietet (S. 38): 
Und nochdem dan lantgreve Lodewig sich des lants 
in vurgeschriebener maesse entirbet hatte, hait er 
synen son lantgreven Hirman ad studia geschiehet in 
Franckridh und auch ghen Präge in Beheym, in 
meynunge ien geistlich zu machen. Und sin vitter der 
bischoff von Magdeburch hait den eynen canonicken 
zu Magdeburch gemacht, in meynìnge nodi iem ien 
an den stillt zu brengen. Also ist derselbe lantgrave 
gewest eyn canonick, daselbest auch eyn zyt gewont 
und hutz gehalten. 
Dazu weiterhin (S. 39) : 
Und schickete da sobalde ghen Magdeburch noch sins 
bruders son lantgreven Hirman, und lieh ien holen, 
und macht ien zu eynem lantgreven zu Hessen usw. 
Diese Nachricht ist gleich im Eingang konfus: 
der Grebensteiner Ludwig ist bereits 1345 gestor 
ben, als sein Sohn Hermann kaum 3 Jahre alt 
war, er kann ihn also nicht so energisch auf die 
„gelehrte" Laufbahn gebracht haben, wie es hier 
geschildert wird, am wenigsten konnte er ihn nach 
Prag schicken, dessen Hochschule erst 1348 eröffnet 
wurde. Wir dürfen aus der Feder eines so wenig 
gewissenhaften Autors auch die weiteren Nach 
richten nur mit Vorbehalt entgegennehmen. Sie 
find nur allenfalls Zeugnisse dafür, wie man etwa 
zwei Menschenalter nach Hermanns Tode sich seine 
Iugendgeschichte ausmalte. Der fürstliche Vater,
	        

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