Full text: Hessenland (41.1930)

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lich zeitweise die Absicht, sich im Geburtslande der 
hl. Elisabeth festzusetzen. Der ungarische König 
Andreas II. berief 1211, also im gleichen Jahre, 
in dem er seine vierjährige Tochter an den thürin 
gischen Hof sandte, die Deutschritter in das im 
Südosten Siebenbürgens gelegene Burzenland, nm 
sie allerdings schon 1225, wohl eifersüchtig auf ihre 
schnell sich festigende Machtstellung, wieder zu ver 
treiben. In dieser kurzen Zeitspanne hat nun der 
Orden im Burzenlande eine Anzahl von Burgen 
und Kirchen errichtet, unter denen die Kirchenburg 
in Tartlan durch die Besonderheit ihrer Anlage 
und deö Kirchengrundrifses einen hervorragenden 
Platz einnimmt. Inmitten eines gewaltigen 
Mauerrings von 5 Meter Stärke und beträcht 
licher Höhe, an dessen Innenseite sich in drei Stock 
werken Wohnkammern herumziehen, liegt eine 
frühgotische Zentralkirche mit hohem Mrttelturm 
und vier gleichen im halben Sechseck abschließen 
den Kreuzarmen. Der vierte Arm ist allerdings, 
wie Phleps zeigt, in spätgotischer Zeit um das 
Doppelte verlängert und zu einer Art Langhaus 
ausgebaut worden. Phlepö nimmt auf Grund 
der heute noch bestehenden drei Konchen und des ge 
meinsamen Bauherrn engere Verwandtschaft mit 
der ZNarburger Elisabethkirche an, bezeichnet 
Tartlan sogar als Vorstufe zu dieser, wobei er auf 
die bekannte von D e h i 0 aufgestellte Zentralbau 
theorie hinweist und auch in Nckarburg eine ur 
sprünglich geplante vierarmige Zentralanlage für 
möglich hält. 
Daß an zwei sich zeitlich so nahestehenden Bau- 
unternehmungen des Deutschen Ordens die Anord 
nung von polygonal abschließenden Chorarmen um 
die Vierung vorkommt, ist in der Tat recht auf 
fällig und legt den Gedanken nahe, daß der Orden 
gerade diesen Grundriß bevorzugt habe. Anderer 
seits läßt sich an beiden Kirchen die Planung 
zwanglos und überzeugend aus der Besonderheit 
der Banaufgabe erklären. In Tartlan handelt 
es sich um eine Kirchenburg, in der für die Kirche 
ein ziemlich kreisrunder von der hohen Uin= 
Mauerung eingeschlossener Platz zur Verfügung 
stand. Schon das mußte auf einen Zentralbau 
hinführen, überdies scheint die Anlage auf einen 
schon in romanischer Zeit ausgebildeten Typ zu 
rückzugehen, für den in der Krukenburg bei Hel- 
marshansen ein interessantes Beispiel erhalten 
ist 0). Auch hier haben wir als Kern der Burg 
einen stattlichen Zentralbau mit vier Kreuzarmcn, 
von denen allerdings nur der östliche eine Apfis auf 
weist. 
6) Dgl. Jahrbuch der Denkmalpflege jm Reg.-Bez. Kassel I 
Ts. 116. 
Bei der Elisabethkirche galt es, für die Begräb 
nisstätte der Titelheiligen einen Sonderraum zu 
schaffen, der dem für den allgemeinen Gottesdienst 
reservierten Ostchor an feierlicher Abgeschlostenheit 
gleichkam. In romanischer Zeit hatten derartige 
Bedürfnisse zur Entstehung des doppelchörigen 
Kirchentyps wesentlich beigetragen. So lag eö 
auch in Marburg nahe, einen mehrchörigen Grund 
riß zu wählen, wie ihn die zeitgenössische Baukunst 
eben in der Dreikonchenanlage darbot. Für die 
Annahme eines engeren Zusammenhangs zwischen 
Marburg und Tartlan ergibt sich also keine zwin 
gende Notwendigkeit, zumal die beiden Kirchen in 
Aufbau und Einzelformen ganz verschieden find. 
Rückschlüsse auf einen ursprünglich auch in Mar 
burg geplanten Zentralbau find bei den ganz an 
dersartigen Zwecken, denen die Elisabethkirche die 
nen sollte, m. E. nicht zulässig. Nur ganz allge 
mein wird man also sagen können, daß der Drei- 
konchengrundriß im Gesichtskreis des Deutschen 
Ordens als Bauherrn lag. Möglich, daß dabei 
die Erinnerung an jene verehrungswürdige Kirche 
im heil. Lande mitschwang. Aber mehr noch lag 
der Plan im Gesichtskreis der Architekten, sowohl 
in Tartlan, wo man sich eng an benachbarte Zister 
zienserbauten anschloß 6 7 ), als auch in Marburg, 
wo in Aufbau und Formensprache augenscheinliche 
Beziehungen zum Rhein und zur nordfranzöstschen 
Baukunst bestehen. 
Daß man den Baumeister der Elisabethkirche 
von vornherein auf einen bestimmten Grundriß — 
noch dazu auf den eines unter ganz anderen Ver 
hältnissen entstandenen und anderen Zwecken die 
nenden Bauwerks — festgelegt hätte, ist auch an 
gesichts der großen Einheitlichkeit und Geschlossen 
heit der Marburger Kirche höchst unwahrschein 
lich. Zu eng verbunden und wechselseitig bedingt 
erscheinen in Marburg Grundriß und Aufbau, 
als daß der Orden seinem Baumeister befohlen 
haben könnte, den gotischen Bau in die Maße 
einer konstruktiv ganz andersartigen altchristlichen 
Basilika hineinzuzwängen. In der überzeugenden 
Einheitlichkeit des Aufbaus, in der sich die des 
Grundrisses spiegelt, liegt allein die Gewähr da 
für, daß jene Verbindung von Dreikvnchenchor und 
Bafilikagrundriß von Anfang an beabsichtigt 
war 8 ). Im engen Zusammenwirken von Bau 
herrn und Baumeister wird diese Planung erfolgt 
7) Dgl. Phleps a. a. O. — Sehr zu beacht» n ist in 
diesem Zusammenhang, daß die 1202—1219 erbaute Kirche 
der französischen Zisterzienserabtei Chaalis (Oise) den Orei- 
komb engrundriß aufweist. De llasteyrie, a. a. O. S. 221 . 
8) Oie Meinung, daß es sich bei der Elisabethkirche UNI 
eine einheitliche Dauschöpfung handelt, hat von jeher nameut-
	        

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