Full text: Hessenland (41.1930)

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Die 9. endlich erschien 148z bei Anton Koberger 
in Nürnberg. Die Zainer-Bibel von 1473 ist mit 
73 Holzschnitten illustriert; fast dieselben Motive 
kehren in der Schweizer Bibel von i4?4 wieder, 
ein Zeichen, daß dieselben Holzstöcke häufig für 
verschiedene Drucke verwendet wurden. So hat 
beispielsweise unsere Koberger-Bibel von 1483 109 
Holzschnitte, die von denselben Stöcken abgezogen 
find wie die der Kölner Bibel von 1480. Koberger 
hat lediglich die Randleisten fortgelafsen und im 
N. T. die Zahl der Holzschnitte verringert (nach 
Muther). Unser Koberger Bibeldruck kann also 
rn kunsthistorischer Hinsicht als Ersatz für die (übri 
gens erste niederdeutsche) Kölner Bibel gelten, 
die ihrer Holzschnitte wegen berühmt geworden ist 
(vgl. Muther). 
Die letzte deutsche Bibel vor Luther war eine 
niederdeutsche („Biblia Dudesch"), zu Halberstadt 
bei Ludwig Trutebul 1320 gedruckt (1322 be 
endet). Sie ist ein kostbares seltenes Stück. Nach 
Walther konnten nur 7 Exemplare ermittelt wer 
den. Auch fie enthält Holzschnitte im engen An 
schluß an die der Kölner Bibel, außerdem noch drei 
Blätter anderen Stiles, die nach Muther mit 60 
signiert find, was nicht eindeutig zu erkennen ist. 
(Es könnte auch 0 8 oder C D fein). Von dieser 
Bibel sagt Walther, der ihre Sprachgewalt 
rühmt: „Wäre diese Bibel nur nicht so kurze Zeit 
vor dem Erscheinen der Übersetzung Luthers ge 
druckt, so würde fie gewiß eine große Verbreitung 
gefunden haben." 
An Lutherbibeln besitzt die LB zwei sehr wert 
volle Gesamtausgaben: die zweibändigen von 1333 
und 1338—1360. Jene ist ein getreuer Zweit 
druck der berühmten ersten Gesamtausgabe von 
1334, wie diese gedruckt von Hans Lufft in Wit 
tenberg. Die Holzstöcke für die Initialen und 
Textbilder stammen von Melchior Schwarzenberg 
(M 8 signiert). Diese Stöcke, später nach Prag 
verkauft, find noch heute erhalten. Sie dienten zur 
Illustrierung einer ganzen Reihe von tschechischen 
und polnischen Bibeln in den Zähren 1349 bis 
1373. Luther soll die „Figuren" zum Teil selber 
angegeben haben, „wie man fie hat sollen reisten 
nnd malen" (Hambg. Ausstellg. 1922). 
Das Exemplar von 1338—60 ist die 2. Auf 
lage (zum Unterschied von Zweit druck) der 
ersten Gesamtausgabe, die Hans Lufft nach 
Luthers Tode herausbrachte. Unsere beiden Bände 
find auf Pergament gedruckt und mit zum Teil 
signierten (H-B ..= Hans Brosamer?) Holzschnit 
ten reich illustriert, die — leider — koloriert wur 
den. Die Prachtausgabe war ein Geschenk des 
Kurfürsten August von Sachsen an den Land 
grafen Philipp den Großmütigen. Sie gehören zu 
jenen ältesten Beständen der Bibliothek, die im 
engsten Sinne die Jubilare des 330jährigen Ge 
denktages find. Die Einband ist späteren Datums 
(1672). 
Zu den Jubilaren zählen noch zwei weitere Bi 
beln: der zweite Band der Wittenberger Bibel von 
1541 mit Holzschnitten aus Lukas Cranachs 
Werkstatt und eine Züricher Ausgabe vom Jahre 
1340. Beide Bibeln enthalten mit Rötel ausge 
führte Unterstreichungen von Textstellen und Rand 
bemerkungen Philipps des Großmütigen, und zwar 
so ausgiebig bis in die Vorreden hinein, daß fie ein 
weiterer willkommener Beleg find für die Anficht, 
Philipp habe nicht nur aus politischer Berechnung 
sich der Reformation angeschlossen, sondern sich in 
tensiv und geistig mit den religiösen Problemen aus 
einandergesetzt. Die Züricher Ausgabe von 1540 
zeigt auf der Innenseite des Deckels die in einem 
Zuge hingehauenen kräftigen Anfangsbuchstaben: 
PH. 
Aus der Zahl der übrigen deutschen Gesamtaus 
gaben der Bibel seien hier noch zwei genannt: die 
nach der Übersetzung von Markus VIII, 12 zi 
tierte „Straf-mich-Gott-Bibel", Herborn 1602 bis 
1632. Und eine zwar sehr späte, aber um so 
merkwürdigere und seltenere Bibel aus dem Jahre 
1743. Sie wurde zu Germantown als erste 
deutsche Bibel Amerikas gedruckt. Der Text ist 
ein Abdruck der 34. Cansteinschen Ausgabe der 
Lutherbibel. Auf deutschen Bibliotheken find mit 
dem unsrigen nur 9 Exemplare nachweisbar (Ham 
burger Ausstellung 19.22, wo unsere Bibliothek 
nicht als Fundort angegeben wird!). 
Ich komme zum Schluß. Die letzte Gruppe 
bildet die große Zahl der fremdsprachigen mono- 
glotten Bibeln. Holländische, englische Übersetzun 
gen, Bibeln in den Sprachen der nordischen Länder 
bis hinauf nach Grönland, Lappland, Finnland lie 
gen auf. Da find französische (einschließlich des 
Bretonischen), italienische (einschl. des Rhaeto-Ro- 
manischen), portugiesische und spanische Verstonen, 
unter ihnen die von Schmincke erwähnte Ausgabe 
des Casstodor Reina von 1569. Ferner polnische, 
russische und böhmische Texte, ein N. T. in „Cro- 
batischer Sprache mit glagolischen Buchstaben" 
(Schmincke). 
Dann die Bibeln, die mit ganz entlegenen Zun 
gen reden: Türkisch, Mongolisch, Chinesisch, Hin- 
dostanisch, Persisch und Arabisch; Äthiopisch, Ma- 
labarisch, Malaiisch und sogar ein N. T. in der 
Zulu-Sprache. Man verzeihe, wenn ich die eine 
oder andere Sprache vergesten habe.
	        

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