Full text: Hessenland (41.1930)

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„Utilitätsrückfichten" damals noch mit bescheidensten 
Ansprüchen auftraten; daß auch durch den Über 
gang der Bibliothek an den Staat in dieser Be 
ziehung keinerlei Änderung eingetreten sei, daß 
im Gegenteil der alte Grundsatz eine neue Bestäti 
gung gefunden habe. Die beiden Bibliothekare 
waren als die verantwortlichen Beamten um so 
weniger gegen die Einbeziehung der Naturwifsen- 
schaften in den Anschaffungsplan der Bibliothek, 
als dadurch eigentlich der alte Zustand wiederherge 
stellt worden wäre. Die Bibliotheksordnung vom 
Jahre 1875 führte denn auch die „Naturwisten- 
schaft, und darunter vorzugsweise die die Land- und 
Forstwirtschaft betreffende Literatur" als neues 
Hauptfach an 3. Stelle nach Geschichte und Geo 
graphie auf. 
Diese Einreihung und starke Hervorhebung der 
Naturwissenschaften war auf die Annahme ge 
gründet, daß sie durch eine anderweitige Verteilung 
der unverändert bleibenden Anschaffungsmittel ge 
tragen werden könne; man hatte nicht genügend be 
rücksichtigt, daß es sich hier um eine bedeutsame Er 
weiterung des Arbeitsgebietes handelte, für die wohl 
einige Grundlagen vorhanden waren, die aber nicht 
ausreichten, befriedigende Ergebnisse zu ermöglichen. 
Da an eine entsprechende Erhöhung der Mättel 
nicht gedacht werden konnte, brachte die Neufassung 
der Bibliotheksordnung vom Jahre 1883 den Rück 
schlag: die Naturwissenschaften stehen nun an 6. 
Stelle — ihnen folgen nur noch „Nationalöko 
nomie und Statistik, landwirtschaftliche und forst 
wirtschaftliche Literatur". 
Damit haben diese Erweiterungsversuche ihr 
Ende gefunden; die zur Verfügung stehenden Mät- 
tel reichten und reichen auch heute nicht aus, um 
auch auf diesen Gebieten einigermaßen befriedigende 
Bestände zu beschaffen; das war und ist um so we 
niger möglich, als die steigende Bedeutung der Na 
turwissenschaften in allen ihren Einzelheiten eine 
solche Vermehrung der hierher gehörenden Literatur 
gebracht hat, daß jeder Versuch, hier auch nur 
einigermaßen mitzukommen, von vornherein zum 
Scheitern verurteilt ist, so lange nicht neue erheb 
liche Mättel dafür flüssig gemacht werden können. 
Unsere Zeit ist nichr dazu angetan, solche weitauö- 
schauende Aufgabenerweiterung, bei der übrigens 
nicht so sehr die praktischen Auswirkungen als das 
rein Geistige der Naturwissenschaften selbst in 
Betracht kommt, sofort und nachdrücklich in An 
griff zu nehmen. Da aber schon seit Jahren 
starke Nachfrage nach naturwissenschaftlicher Lite 
ratur besteht, die im Lande — außer in der Univer 
sitätsbibliothek Marburg, die aber durch ihre 
eigentliche Aufgabe stark gebunden ist — nicht be 
friedigt werden kann, so wird man nicht mehr lange 
an dieser Aufgabe vorübergehen können und ihre 
Lösung durch vorbereitende Arbeit wenigstens für 
absehbare Zeit ins Auge fasten müssen. Auf 
keinen Fall darf aber der Versuch wiederholt wer- 
den, das durch Kürzung anderer Fächer zu erreichen, 
in denen die Bibliothek z. T. ausgezeichnet und 
nicht unerheblich über dem Durchschnitt anderer für 
den Vergleich in Betracht kommender Bibliotheken 
ausgestattet ist; die Folge könnte wie in dem Jahr 
zehnt 1873—1683 rrur die fein, daß auf allen 
Seiten Halbheiten erwüchsen, die bisherige Linie 
verhängnisvoll gebrochen und auch auf der neuen 
nur Stückwerk geschaffen würde. Die Landes- 
bibliothek muß um der inneren Wahrheit willen 
ihren historischen Charakter betonen und die Pflege 
der Geschichtswissenschaft mit allen ihren Aus 
strahlungen in die vorderste Linie stellen. Hierdurch 
wird aber auch ihr Verhältnis zu den übrigen Wis 
senschaften bestimmt: ebenso wie die Mnchardsche 
Bibliothek der Stadt Kassel in Ansehung der 
Staatswifsenschaften muß sie im Hinblick auf die 
Geschichte auch andere Zweige der Wissenschaft so 
weit heranziehen, als sie dem Studium der Ge 
schichte förderlich find. Daraus ergibt sich z. B. 
für die Philologie, daß rein grammatische und 
linguistische Einzeluntersuchungen nicht in Betracht 
kommen können, die Literaturgeschichte aber alö ein 
Zweig der allgemeinen Entwicklungsgeschichte der 
Menschheit zu pflegen ist. Die Denkmäler der 
Literatur, die Hauptwerke der Dichter und Schrift 
steller stellen sich zur Literaturgeschichte wie die 
Ouellenwerke der Geschichte zur Geschichtschrei 
bung — sie müssen vorhanden sein. Aus diesem 
Beispiel ergibt sich die Einstellung der Landeöbiblio- 
thek zu den von ihr gepflegten Wissenschaften; der 
sorgsamen Beachtung der hierin liegenden Grund 
linien verdankt sie ihre steigende Leistungsfähigkeit 
auf allen für ste in Betracht kommenden Gebieten. 
Unter diesen nimmt die Rechtswissenschaft insofern 
eine besondere Stellung ein, als zu berücksichtigen 
ist, daß ein Teil der juristischen Literatur von den 
Fachbibliotheken vor allem des Kasseler Ober 
landesgerichts beschafft wird. Auf der anderen 
Seite macht es die große Zahl der jüngeren Ju 
risten notwendig, daß von der Landesbibliothek nicht 
nur die wissenschaftlich wichtigsten Kommentare, 
sondern auch die grundlegenden darstellenden Werke 
beschafft werden, wobei freilich auch hier von der 
Literatur über Einzelfragen abgesehen werden muß. 
Die Landesbibliothek kann sich auf diesem Gebiet 
auf die Pflege der Literatur des Zivil- und des 
Strafrechts beschränken, nachdem die Murhardsche 
Bibliothek die Beschaffung der Literatur ans dem
	        

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