Full text: Hessenland (41.1930)

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ien, die dem Land schweren Schaden brachte und die 
eingesessenen Beamten und sonstigen Bevölkerungs 
kreise aufö tiefste verstimmte. Auch die Bibliothek 
mußte es sich gefallen lassen, daß einer dieser frag 
würdigen Gestalten im Jahre 1777 ihre Leitung 
übertragen und deshalb der bisherige und in treuer 
Arbeit bewährte i. Bibliothekar Friedrich Christoph 
Schmincke auf die 2. Stelle zurückgesetzt wurde. 
Konnte man es doch dem Marquis de Luchet, dem 
schon wenige Neonate nach seinem Auftauchen in 
Kassel eine ganze Reihe von z. T. nicht unwichtigen 
Ämtern unter Beilegung des Charakters als „Ge 
heimer Legationsrat" übertragen worden waren, 
nicht zumuten, sich einem „Regierungsrat" — die 
sen Titel führte Schmincke — unterzuordnen! Lei 
der hat sich Schmincke diese Zurücksetzung gefallen 
lassen, vielleicht weil er sich klar darüber war, daß 
er mit Widerspruch unmöglich dnrchdringen konnte 
und höchstens seine Stellung gefährdete. Luchet 
hatte irgendwo in Frankreich eine größere Schloß 
bibliothek kennen gelernt und beeilte sich nun, seine 
Eignung zum Bibliotheksleiter dadurch nachzuwei 
sen, daß er den in der Bibliothek vorhandenen Sach 
katalog durch einen neuen ersetzen ließ, desten 
System eben jener Schloßbibliothek entlehnt war. 
Daß dieses für eine ganz anders geartete Bibliothek 
zugeschnitten war und daher auf die Kasteler und 
hessischen Verhältnisse gar nicht passen konnte, 
machte ihm wenig Sorgen. Er wußte sich der Zu 
stimmung des Landgrafen sicher, ließ die vor allem 
von Strieder erhobenen Vorstellungen unberücksich 
tigt, schenkte auch der Tatsache, daß mit einer sol 
chen in keiner Wbise begründeten Änderung die 
Arbeit von Jahrzehnten mit einem Schlag ver 
nichtet wurde, wenig Beachtung und erzwang die 
Durchführung seines Plans, für die Hilfskräfte, 
die natürlich ungeschult und meistens auch gänzlich 
ungeeignet waren, eingestellt wurden. Ilm das 
Verhängnis voll zu machen, fiel die Zeit dieser 
revolutionären Umgestaltung der Bibliothek zusam 
men mit der Vorbereitung für den Umzug in das 
neue Gebäude — die unausbleibliche Folge war ein 
ungeheuerliches Durcheinander, in dem die Bücher 
aus allen gegebenen Zusammenhängen gerissen wur 
den und noch dazu teilweise auch Schaden erlitten. 
Der Skandal war so groß, daß man auch außer 
halb Kassels und Hessens darauf aufmerksam 
wurde — in der Gothaischen Gelehrten Zeitung 
von 1781 wurde das Ganze einer vernichtenden 
Kritik unterzogen. Das Vertrauen, das Friedrich 
in seinen Günstling setzte, konnte aber durch nichts 
erschüttert werden; Luchet blieb im Amte und 
konnte vor allem Strieder seine Ueberlegenheit 
fühlen lasten, bis das plötzliche Ableben Fried 
richs IT. und der Regierungsantritt Wilhelms IX., 
der so ganz anders geartet war wie sein Vater, der 
unheilvollen Franzosenwirtschaft auch auf der Bi 
bliothek ein Ende machte. Luchet raschstens zu 
entfernen wurde um so leichter, als eine Revision der 
Bibliothek ergab, daß der saubere Herr sich auch 
als Lieferant der Bibliothek eingeschaltet und dabei 
ausgezeichnet in seine Tasche zu arbeiten verstanden 
hatte. Glücklicherweise hatte Strieder, der in 
diesen Jahren den Glauben an eine bessere Zukunft 
nie verloren hat, die alten Kataloge vor der von 
Luchet angeordneten Vernichtung zu retten gewußt; 
sie kamen nun wieder zu Ehren, dienten Strieder 
als Grundlage eines neuen Katalogs, den er mit 
voller Anpassung an die tatsächlich vorhandenen 
Bestände und die gegebenen Notwendigkeiten in 
Jahren hingebender Tätigkeit ausarbeitete. iWie 
lange er still und unverdrossen hat arbeiten müssen, 
meldet kein Aktenstück; als aber die neue Fran 
zosenzeit hereinbrach, vor der Strieder das Feld 
räumte, und als die Verhandlungen über die nun 
mehr „königliche" Bibliothek ein Zurückgreifen auf 
die Kataloge notwendig machten, standen diese 
wohldurchgearbeitet und zuverlässige Auskunft 
gebend zur Verfügung. Striederscher Zähigkeit 
und Striederschem Opfersinn allein ist es zu danken, 
daß die Bibliothek diese „Revolution" ohne dauern 
den Schaden überwunden hat! 
Daß die Bibliothek in ihrem inneren Aufbau, 
dem Charakter ihrer Bestände von den Liebhabereien 
oder auch wissenschaftlichen Neigungen des jeweili 
gen Landeöherrn wesentlich beeinflußt wurde, war 
unvermeidlich, so lange sie Hofbibliothek war, deren 
Benutzung dem Untertanen nur aus Gnaden ge 
währt wurde, über deren Art und Vermehrung nie 
mand Rechenschaft verlangen konnte. Immer wie 
der waren eö gelegentliche Erwerbungen ganzer 
Büchersammlungen und kostbarer Werke, die den 
Zuwachs ausmachten, ^aber keine klare Anschaf 
fungspolitik verraten konnten. Man war bis zum 
Ende des 18. Jahrhunderts von der Absicht ge 
leitet, bei den Neuanschaffungen alle Fakultäten 
zu berücksichtigen — hatte man doch in Kastel in 
dem Collegium illustre Carolinum eine Art 
Universität, der in vollem Umfange gerecht zu wer 
den als dringendes Gebot empfunden wurde. Und 
doch läßt sich schon seit der Mitte des 18. Jahr 
hunderts eine gewisse Bevorzugung der Geschichte 
und Altertumskunde, der Naturwissenschaft und 
des Staatörechtg feststellen. 
Seit der Vereinigung der Bibliothek mit den 
natur- und kunstgeschichtlichen Sammlungen im Ge 
bäude des Museum Fridericianum und der im 
Jahre 1777, also gleichzeitig mit der Grundstein 
legung des Baues erfolgten Begründung der 80- 
ciété des Antiquités durch Landgraf Friedrich II.
	        

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