Full text: Hessenland (41.1930)

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teuerung und eine erhebliche Erhöhung der Kam 
merumlage für die Mitglieder zur Folge haben 
würde. 
Bei dieser Sachlage dürfte es nicht ohne Inter 
esse sein, sich die landwirtschaftlichen Verhältnisse 
beider Bezirke kurz zu vergegenwärtigen. 
Der Regierungsbezirk Kassel hat, im ganzen 
gesehen, durchaus ländlichen Charakter. Die 
Landwirtschaft ist hier der wichtigste Erwerbs 
zweig. Im Regierungsbezirk Wiesbaden kommt 
den industriellen Erwerbszweigen eine weit größere 
Bedeutung zu als der Landwirtschaft. Aber auch 
dieser wird dort durch den im Rheinmaingebiet 
vorherrschenden gartenmäßigen Feldbau, durch 
die Kultur von Obst und Gemüse sowie den Wein 
bau ein eigentümlicher Charakter verliehen. 
Im Regierungsbezirk Kassel find 37 v. H. aller 
Erwerbstätigen in der Land- und Forstwirtschaft 
beschäftigt, während sich die entsprechende Zahl 
für den Regierungsbezirk Wiesbaden auf nur 21 
v. H. ftelli. 
Auch die Befiedelungsverhältnifse, so wie sie in 
der Statistik zum Ausdruck kommen, lasten Un 
terschiede deutlich erkennen. Im Kasseler Bezirk 
wohnt der überwiegende Teil der Bevölkerung — 
nämlich 69,2 v. H. — in ländlichen Gemeinden 
von weniger als 3000 Einwohnern, der Rest in 
kleineren und mittleren Städten und in der einzi 
gen Großstadt, in der nur 14,8 v. H. aller Ein 
wohner ansässig sind. Im Regierungsbezirk Wies 
baden konzentriert sich annähernd die Hälfte der 
Einwohner auf die beiden Großstädte Frankfurt 
und Wiesbaden, von denen die erste allein 38,0 v. 
H. der Bevölkerung in ihren Mauern vereinigt, 
während nur 42,5 v. H. in Gemeinden mit weni 
ger als 3000 Einwohnern leben. 
Im letzten Menschenalter ist sowohl für das 
Reichsgebiet wie für Preußen eine Abnahme der 
für landwirtschaftliche Zwecke benutzten Wirt 
schaftsfläche zu beobachten. Im Regierungsbezirk 
Wiesbaden hat sich diese Tendenz stärker geltend 
gemacht, während im Kasseler Bezirk umgekehrt 
eine Zunahme der Wirtschaftsfläche zu verzeichnen 
ist. Die folgenden Hundertsätze geben hierüber 
Auskunft. 
Landwirtschaftlich genutzte Fläche 
Reg.-Bez. Kassel Reg.^Bez. Wiesbaden 
CO 
CO 
100,0 
100,0 
1907 
108,4 
107,0 
1923 
I 12,8 
103,6 
Hessen Kassel ist ganz überwiegend Bauernlanv, 
es herrschen hier die mittel- und großbäuerlichen 
Betriebe von 3 bis 100 Hektar landwirtschaftlich 
genutzter Bodenfläche erheblich vor, während in 
Nassau der Parzellen- und Kleinbetrieb prädomi 
niert. 
Auch dies sei auf Grund der Reichsstatistik vom 
Jahre 1923 zahlenmäßig belegt. 
Von 100 Hektar landwirtschaftlich genutzter 
Fläche kamen 
i. Reg.-Bez. i. Reg.-Bez. 
auf Betriebe Kassel Wiesbaden 
1882 
1925 
C 7 
CO 
CO 
1925 
bis 5 Hektar 
21,4 
28,5 
4o,8 
52,6 
von 5—20 Hektar 
40,6 
4 i ,7 
49,5 
37 ,i 
von 20—100 Hektar 
27,5 
23,0 
7,7 
8,6 
über 100 Hektar 
io ,5 
6,8 
2,0 
i ,7 
Im Jahre 1923 kamen also im Regierungs 
bezirk Wiesbaden über die Hälfte der für land 
wirtschaftliche Zwecke benutzten Fläche auf Par 
zellen- und Kleinbetriebe. Aber auch die Verände 
rung der Verhältnisse, die stch seit 1882 vollzogen 
hat, ist hier zu beachten. Im Regierungsbezirk 
Kassel ist keine nennenswerte Verschiebung der 
Verhältnisse zu verzeichnen, dagegen fällt in Nas 
sau einmal die starke Zunahme der Parzellen- und 
Kleinbetriebe, sowie andererseits die ebenso merk 
liche Abnahme der Betriebe der Größenklasse von 
3 bis 20 Hektar auf. 
Nur nebenbei fei erwähnt, daß in der von den 
beiden Bezirken eingeschlossenen darmstädtischen 
Provinz Oberhefsen — wenigstens in deren nörd 
lichem Teil — die Verhältnisse denjenigen Hessen- 
Kassels sehr ähnlich sind. In Oberhefsen find 49 
v. H. der Erwerbstätigen in Land- und Forstwirt 
schaft beschäftigt, auch hier herrschen die mittel- 
und großbäuerlichen Betriebe, die 63,3 v. H. der 
landwirtschaftlichen Wirtschaftöfläche einnehmen, 
stark vor. 
TLeiter ist die Tatsache von Bedeutung, daß 
von der landwirtschaftlichen Wirtschaftsfläche im 
Regierungsbezirk Kassel ein geringerer Anteil auf 
Pachtland entfällt, als im Regierungsbezirk Wies 
baden. So waren 1923 in der Größenklasse 3 bis 
20 Hektar im Regierungsbezirk Kassel 4,9 v. H., 
in der Größenklasse 20 bis 100 Hektar 7,1 v. H. 
der landwirtschaftlichen Wirtschaftöfläche Pacht 
land; im Regierungsbezirk Wiesbaden dagegen 
74,2 v. H. in der Größenklasse 3 bis 20 und i6,i 
v. H. in der Größenklaste 20 bis 100 . 
Von großer Bedeutung find ferner die Ge 
wohnheiten, die sich hinsichtlich der Vererbung des 
ländlichen Besitzes herausgebildet haben. Hier 
stehen sich in der Hauptsache zwei Systeme gegen 
über. Nach dem einen, dem Anerbensystem, wird 
durch eine besondere Verfügung des letzten Be 
sitzers der gesamte Grundbesitz auf einen Nachfol 
ger übertragen, wogegen die übrigen Erben in Geld
	        

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