Full text: Hessenland (41.1930)

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eine verheiratete Droste-Hülshoff aus INünster 
mit zwei Mädchen, wovon die älteste Jenny was 
recht angenehmes und liebes hatte und dem Rickchen 
Reichardt sTochter des Kapellmeisters Reichardt 
aus Kastell außerordentlich ähnlich war, dann zwei 
Jungen sBrüder von Jenny von Drostei, der 
älteste von etwa 14 Jahren hatte fast ganz dem 
Riebeling sFreund der Brüder Grimms sein 
Gesicht; dann die Metternich sDorothea Wil 
helmine geb. von Haxthausens Frau des hiesigen 
Präfekten mit 3 Kindern und noch drei Fräulein 
von Haxthausen, wovon ich eine Caroline noch nicht 
gekannt hatte. Ich habe die Zeit angenehm zuge 
bracht, Märchen, Lieder und Sagen, Sprüche 
u. s. w. wißen sie die Menge; ich habe eine ganz 
gute Partie aufgeschrieben, wie andere der August, 
die er ins reine noch schreiben will; selbst die kleine 
Elwine Metternich haben mir erzählt, auch wieder 
die Localsage vom Kaiser Rotbarth. Sodann ist 
ein Schneider und ein Dienstmädchen abgehört 
worden. Ich müßte etwa 4 —6 Wochen daseyn, 
um alles ruhig und genau aufschreiben zu können, 
eins stört das andere mit Beßerwißen, Gespräch 
dazwischen u. s. w. Die Fräulein aus dem Müu- 
sterland wußten am meisten, besonders die jüngste 
sAnnette von Droste-Hülshoffj, es ist schade, daß 
sie etwas vordringliches und unangenehmes in ihrem 
Wesen hat, es war nicht gut mit ihr fertig werden; 
sie ist mit 7 Monat aus die 2 Lelt gekommen und 
hat so durchaus etwas frühreifes bei vielen An 
lagen. Sie wollte durchaus brilliren und kam von 
einem ins andere; doch hat sie mir fest versprochen, 
alles aufzuschreiben was sie noch wiße und nachzu 
schicken. Die andere (Jenny von Droste-Hülshoffs 
ist ganz das Gegenteil, sanft und still; die hat mir 
versprochen zu sorgen, daß sie Wort hält. Morgen 
und Nachmittag ward so oft es anging geschrieben, 
Abends gingen wir in den kleinen Park und einen 
anliegenden schönen Wald, nach Tisch aber Abends 
ward gesungen bis in die Nacht, die Brüder bliesen 
Waldhörner und August die Flöte und die 9 Näd- 
chen sangen; einige Volkslieder haben außerordent 
lich schöne Melodien." 
Zum Dank für ihre freundliche Unterstützung 
widmete er Jenny von Droste-Hülshoff bei seinem 
Abschied von Bökendorf am 23. Juli 1813 ein 
von ihm selbst verfaßtes Märchen. Von den Da 
men des Bökendorfer Märchenkreises hat Jenny 
von Droste Wilhelm Grimm am nächsten gestan 
den. Es war mehr als nur das gemeinsame Inter 
esse an den Märchensammlungen, was die beiden 
verband. „Wir haben uns nicht viel gesehen", 
schreibt er einmal an sie, „und doch fühle ich, daß 
wir uns näher bekannt find, als andere, die stch 
täglich sehen." Von ihrem innigen FreundschaftS- 
verhältniö zeugen seine an Jenny gerichteten geist 
und gemütvollen Briefe aus den Jahren 1814 bis 
1833, insgesamt 25, die sich im Grimmschrank der 
Preußischen Staatsbibliothek befinden und zu dem 
Schönsten und Erhebendsten gehören, was die 
Grimmliteratur aufzuweisen hat. Ebendort be 
finden sich unter den Briefen der Familie Haxt 
hausen drei Briefe Jenny's an Wilhelm Grimm 
aus den Jahren 1814, 1843 und 1846. Infolge 
der Unvollständigkeit der Gegenbriefe war es bis 
her nicht möglich, einen tieferen Einblick in das 
freundschaftliche Verhältnis der beiden zu gewin 
nen, denn manche Andeutungen in den Briefen 
Wilhelmö's blieben ungeklärt. 
Inzwischen ist eö Dr. K. Schulte-Kem- 
minghausen in Münster, der sich bereits 
durch einen Beitrag „Aus dem Westfälischen 
Freundeskreis der Brüder Grimm" *) als Grimm 
forscher vorteilhaft bekannt gemacht hat, gelungen, 
die Gegenbriefe Jenny's in dem Archiv der Droste- 
Hülshoff'schen Familienstiftung in Stapel aufzu 
finden (wo sich auch die Tagebuchaufzeichnungen 
Jenny's und mehrere Bilder von Ludwig Emil 
Grimm befinden) und mit den oben bezeichneten 
Briefen Wilhelm Grimm's zusammen herauszu 
geben^). Abgesehen von ihrem wistenschaftlichen 
Wert, interessiert die sorgfältig vorbereitete Aus 
gabe durch die rein menschlichen Vorzüge und Cha 
raktereigenschaften, welche die Briefschreiber offen 
baren. Besonders Wilhelm zeigt sich hier von einer 
seltenen Tiefe des Gemütes, die wir nur gelegentlich 
in andern Briefen finden. Aber auch Jenny's Cha 
rakter erscheint hier von einer so angenehmen Seite, 
daß wir den Briefwechsel zu dem Besten, was die 
Briefliteratur auszuweisen hat, rechnen dürfen. 
Durch die Tagebuchaufzeichnungen Jenny's und 
ihre bisher unbekannt gebliebenen Briefe wird an 
mehr als an einer Stelle offenbar, daß Jenny von 
Droste Wilhelm Grimm leidenschaftlich geliebt 
hat, daß aber auch nach der Verheiratung Wil- 
helm'ö mit Dortchen Wild die Beziehungen zu 
Jenny sehr innig geblieben sind. Auch Wilhelm 
Grimm muß Jenny sehr hoch geschätzt haben. TLenn 
die Neigung nicht ernstlich von ihm erwidert wurde, 
so liegt es wohl daran, daß Jenny von Droste streng 
katholisch und Wilhelm Grimm streng reformiert 
erzogen war, und daß die religiösen Gegensätze hier 
hemmend wirkten. Daß Wilhelm Grimm 
sich lebhaft für Jenny interessiert hat, deuten ver- 
1) Westfälische Studien. Beiträge zur Geschichte der 
Wissenschaft, Kunst und Literatur in Westfalen (Lpz. 1928) 
S. 99—118. 
2) Briefwechsel zwischen Jenny von Droste-Hülshoff und 
Wilhelm Grimm (Münster 1929). Geh. 6.50 RM., geb. 
7.75 RM. YI und 168 S.
	        

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