Full text: Hessenland (41.1930)

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Heimat entstanden zunächst von den räumlichen 
Verhältnissen dieser nachbarlichen Landschaft aus 
gegangen ist, um dann erst über ganz Deutschland 
ausgedehnt zu werden. Wir meinen den Plan von 
A. W e i tz e l in Frankfurt a. M. Mit zahl 
reichen Artikeln und Aufsäßen, die mit Karten 
reich ausgestattet in großer Zahl an Interessenten 
versandt wurden *), sucht der Verfasser für seine 
Idee Propaganda zu machen. Er geht dabei von 
einem „Groß-Frankfurt" aus. Ilm dieses legt er 
einen „Rhein-Mainischen Städtekranz", der ans 
Mainz, Wiesbaden, Friedberg, Nauheim, Hanau, 
Aschaffenburg und Darmstadt besteht. Ilm diesem 
gewaltigen Industriezentrum aber auch das ge 
nügende Hinterland zu verschaffen, konstruiert er 
um es ein Gebiet, das etwa Hessen-Kassel mit 
Waldeck, den südlichen Teil Westfalens mit Sie 
gen, Nassau, den Regierungsbezirk Koblenz, das 
Saargebiet, die Pfalz, Heffen-Darmstadt, den 
nördlichen Teil Badens mit Heidelberg und Mann 
heim sowie von Bayern das ganze Aschaffenbnrger 
Ntainknie enthält, und das wie früher, so auch jetzt, 
eine ideelle oder tatsächliche Einheit bilden soll; der 
Verfasser hat es,,Rheinfranken" genannt. In der 
Neuzeit ist nun eine Einheit dieses Gebietes mit 
dem besten Willen nicht festzustellen; das beweisen 
zur Genüge W e i H e l s Karten der modernen 
Gliederung in Industrie- und Handelskammer 
bezirke, Reichsbahn- und Oberpostdirektionen und 
politische Staaten, die eine Zerrissenheit zeigen, 
gegen die der Verfasser sein ganzes schweres Ge 
schütz auffährt. So muß er denn den Beweis in 
der Vergangenheit suchen, und seine Karten, die er 
zu diesem Zweck angefertigt hat, wirken zunächst 
auch auf den allerersten Blick verblüffend, besonders 
auf den, der sie mit nngeschulten Augen betrachtet. 
In Wahrheit wird dieser Eindruck aber nur da 
durch erreicht, daß das angebliche, vom Verfasser 
erträumte „Rheinfranken" allen seinen Karten der 
Vergangenheit, die dem bekannten Schulatlas von 
Putzger entnommen find, von Jahrhundert zu Iahr- 
i) z. 23 . „Ein werdendes Rcichsland in feinem typischen 
Aufbau von unten her" (Das Rathaus, Jgg. i8 Nr. 3—5); 
„Das Problem der Reichsreform" (Oer Frankfurter Demo 
krat, Jgg. 2 Nr. 9); „Oie Territorialgel chichte des Groß 
herzogtums Frankfurt" (Hess. Demokratische Wochenschrift 
1929 Nr. i). 
hundert mit stets ver gleichen farbigen Grenzlinie 
künstlich eingesetzt wurde! Die geschichtliche Ent 
wicklung ist also nur täuschender Schein! Bei 
näherer Untersuchung entdeckt man sofort, daß das 
Gebiet alles andere als ein historisch einheitlich ge 
stalteter Raum gewesen ist. Wer versucht, mit 
wirklicher Kritik die geschichtliche Entwicklung des 
Raumes um Frankfurt zu untersuchen und dar 
zustellen, der kann nie dazu kommen, dieselbe zur 
Stützung seines Planes zu verwenden. 
Weitzels Plan gefiel, da er acl majorem 
gloriam Frankfurts diente, obgleich seine von uns 
kurz skizzierten Schwächen offen zu Tage lagen 
und ihn eigentlich unmöglich machten. Um ihn, 
was W e i H e l selbst nicht gekonnt hatte, wissen 
schaftlich zu stützen, gründete man, wie uns 
I. H. Schnitze mitgeteilt hat i) 2 ), eine besondere 
Abteilung des geographischen Institutes der Uni 
versität Frankfurt, hinter der verschiedene maß 
gebende Stellen stehen. Als Ergebnis dieser Ur- 
beiten ist kürzlich der „Rhein-Mainische Atlas" 
erschienen 3 ). Der von O. M a u l l verfaßte Text 
and zahlreiche Karten suchen politische wie wirt 
schaftliche Gliederung des Raumes um Frankfurt 
darzulegen, wobei die Abgrenzung desselben von 
W e i tz e l übernommen ist. Daß viele Karten des 
Atlasses mit den von W e i tz e l gezeichneten nnd 
versandten übereinstimmen, sei nur nebenbei er 
wähnt. Die Herausgeber des Atlasses betonen zwar 
wiederholt, daß sie keine Politik machen wollen 
„Wir lehnen ausdrücklich ab, mit unserem Atlas 
Politik machen zu wollen" (Text S. 5) und „Da 
mit gibt aber der Wissenschaftler, der Geograph, 
der ja, wie noch einmal ausdrücklich betont sei, keine 
Politik treiben will und kann, den Zeichenstift an 
den praktischen Grenzmacher ab" (Text S. 4 OH, 
angesichts der offenbaren Tendenz des Werkes 
nützen solche Ableugnungöversuche aber nicht viel. 
Denn sein ganzer Zweck ist schließlich — das schim 
mert überall hindurch — den 2 V eitze l'schen Plan 
wissenschaftlich, so gut es geht, zu stützen. Dar- 
2 ) Wirtschaft und Neugliederung im Rhein-Main-Gebiet 
(Oer Bund, Jgg. io, Heft 21/22, S. 330). 
3 ) Rhein-Mainischer Atlas für Wirtschaft, Verwaltung 
und Unterricht, Hrsg, von W.Behrmann undO.Maull, 
Frankfurt 1929.
	        

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