Full text: Hessenland (41.1930)

der Heimat hat nie aufgehört in meinem Herzen zu 
tönen, und jede Stimme, die mir von dorther kam, er 
füllte mich mit Freude und Heimatswonne", kann er 
auf ihre Bereitwilligkeit zählen. Selbst als er ihr 
schonend initteilen muß, daß sie den Ton des Blattes 
nicht getroffen hat, verliert sie die Geduld nicht, son 
dern ändert mit nur leichtem ironischen Lächeln die be 
anstandete Stelle, wenn sie auch nicht begreift, worin 
das „verpönte pantheistifche" stecken soll. 
politische Fragen werden nicht eben häufig berührt, 
nur von dem von Malwida hochverehrten Garibaldi 
will Ruhl nicht viel wissen, wobei er aber voraus 
schickt : „In Religion und Politik muß man den Glau 
ben schonen, dann bleibt man sich Freund." Rann 
fährt er fort: „Mb sich wohl Garibaldi klargemacht, 
was er an die Stelle zu setzen hat, wenn Papst, Kirche, 
Priester, alles zusammen ausgefegt wäre? „Maul 
würfe sind da, um die Erde locker und fruchtbar zu 
machen, wie der Sturm dem Meere not tut, damit 
keine Stagnation eintritt." So gibt er nur zu, daß 
Garibaldi „für das Gewebe der Menschheit nötig sein 
mag", zu größerer Würdigung kann er sich nicht ver 
stehen. 
Das wärmste Interesse zeigt er hingegen für eine 
Freundin Malwida's, die Fürstin Wittgenstein, die 
Freundin Liszt's. Diese eifrige Katholikin, deren nie 
aufgegebene Hoffnung es war, die Idealistin zu be 
kehren, zieht ihn mächtig an und er versucht, sich aus 
der Ferne ein Bild von ihr zu machen, das freilich 
erheblicher Korrektur von Seiten Malwida's bedarf. 
Sie wird dabei der originellen Persönlichkeit der streng 
katholischen Fürstin ganz gerecht, aber sie sieht doch zu 
deutlich, daß „in Rom das wirklich Große, das die 
Kirche geleistet hat, untergegangen ist im kläglichsten 
Intriguenwesen". Ruhl steht dem Katholizismus 
freundlicher gegenüber; er vermag es sogar, sich mit 
der kuriosen Tatsache abzufinden, daß die Bücher der 
Fürstin bei all ihrem Eintreten für den Vatikan doch 
aus dem Index stehen, denn „die Kirche würde ohne 
Disziplin nicht bestehen", und „mit erhabenen Emp 
findungen hält man eben keine Religion zusammen". 
Iin Grunde neigen aber sowohl Ruhl wie Malwida 
mehr zu buddhistischen Gedankengängen. Die Vor 
stellung der Seelenwanderung ist ihnen beiden sym 
pathisch und sie deuten ihre Geistesverwandtschaft gern 
aus die Abstammung aus einer gemeinsamen Heimat. 
Als das Leben des mehr als Neunzigjährigen zur 
Neige geht, treten die Gedanken an den Abschied und 
das Ende natürlich immer mehr in den Vordergrund 
und das Fazit des Lebens wird gezogen. Die Idea 
listin kann nicht glauben, daß dieser unausgesetzten 
Sehnsucht nach Vollendung, die mit dem Alter nicht 
abnimmt, sondern wächst, nicht ein au-delà winken 
sollte, Schopenhauers Freund erscheint dagegen das 
Erdenleben als „die Rätsel aufgebende Sphinx, die den 
Leuten, groß wie klein, die Hälse bricht und der letzte 
Knax tut immer weh, wahrscheinlich nicht weher als 
der erste, von dem wir nichts wissen". 
Noch einmal geht ein Brief von Kassel nach Bonn, 
in dem Ruhl das Leben „ein trauriges Blindekuhspiel" 
nennt, noch einmal erreicht ihn ein Gruß Malwida's, 
der ihm einen letzten Dank bringt für alles Gute, was 
er dem Kinde, dann der alternden Freundin erwiesen 
hat. Dann fällt der Vorhang über dein Gedankenaus 
tausch dieser zwei vornehmen, hochstehenden Menschen, 
und wir legen das Buch mit dem Gefühl aufrichtigen 
Dankes für Bertha Schleicher aus der Hand, daß sie uns 
diesen Einblick in das Wesen der zwei „vollendeten" 
verschafft hat. 
Für mich aber hat die Lektüre des Briefwechsels noch 
mehr getan; sie hat geholfen, wie durch einen leichten 
Windstoß, den Staub des vergeffens hinwegzublasen, 
der sich über die schönste Periode meiner Vergangen 
heit, über zwanzig in Rom verbrachte Jahre zu legen 
begann, „lind manche liebe Schatten steigen auf"! 
Sind sie aber wirklich „um schöne Stunden getäuscht 
vor mir hinweggeschwunden"? Muß man sie nicht Alle 
glücklich preisen, dem Ruin entgangen zu sein, den der 
Weltkrieg innerlich und äußerlich über das inter 
nationale Leben Roms gebracht hat? Wie würde Mal 
wida darunter gelitten haben! Wie wenig würde sie 
mit der ter?a Koma einverstanden gewesen sein, mit 
den lärmenden Automobilen den überlauten Kund 
gebungen des übersteigerten italienischen National- 
gesühls, und auch wohl ebensowenig mit Mussolini 
selbst. Dazu teilte sie zu sehr die Ideale Mazzini's, dev 
Roma und Amore zu einer mystischen Einheit ver 
schmelzen wollte. 
Von der herrlichen Aussicht, die sie dein Freunde auf 
die Frage nach ihrer römischen Wohnung noch so ver 
lockend beschreibt, war freilich, als ich sie Mitte dev 
neunziger Jahre zuerst in der via polveriera besuchte, 
schon nicht mehr viel übrig geblieben, aber Abends und 
Nachts hörte man doch noch auf den dann totenstillen 
Plätzen Roms nichts als das wundervolle Rauschen 
der römischen Brunnen, und der Wind trug im Früh- 
sommer den Heudust aus der Eampagna bis ins 
offne Fenster hinein. Bei Tage war es vor Malwida's 
Wohnung allerdings lärmend genug, allein es waren 
doch noch die charakteristischen römischen Laute, die oft 
ganz melodischen Ruse der Straßenverkäufer und das 
unermüdliche Geschwätz des lieben Popolino selbst, nicht 
das Hupen, pfeifen und Raffeln der nwdernen Groß 
stadt, aus dem der Lärm sich zusammensetzte. 
Es war mir die Erfüllung eines lange gehegten 
Wunsches, als Malwida's junger Freund, Dr. Bastia- 
nelli, damals noch ein talentvoller aber unbekannter 
Anfänger, jetzt der größte Ehirurg Italiens und Sena- 
tore del Regno mich bei ihr einführte, zuerst nur, 
um ihr bei allerlei kleinen und großen Leiden Hilfe 
zu leisten. Meine Jugend hatte stark unter den: Ein 
fluß ihrer Memoiren gestanden, und ihr hatte ich es 
eigentlich zu verdanken, wenn ich, auch ohne durch die 
Notwendigkeit des Broterwerbs dazu gezwungen zu. 
sein, die Krankenpflege als Beruf ergriffen hatte und 
sie freiwillig in römischen Krankenhäusern ausübte. 
Das war damals in Rom noch Pionierarbeit und da 
für hatte Malwida sich immer Verständnis bewahrt. 
Mhne besondere Empfehlung war es zu dieser Zeit 
schon etwas schwierig, Zutritt zu ihr zu erlangen. Die 
Idealistin war nach längerem halben vergessensein so 
zusagen wieder Mode geworden, und die Epoche wav 
leider lange vorbei, in der fast ausschließlich erlesene 
Geistesheroen Rom aussuchten. Die Familie Buchholz 
pflegte schon rudelweise aufzutreten, und Malwida 
traf allmählich das Schicksal, mit zu den Sehenswürdig 
keiten gezählt zu werden. So erinnere ich mich noch 
lebhaft des Briefes einer gänzlich Unbekannten, die ihr 
den Wunsch, sie kennen zu lernen, aussprach, aber zu 
gleich auch den, darüber keine Zeit zu verlieren, und 
ihr deshalb sofort ein Rendezvous auf dem Palatin 
vorschlug, wobei Malwida gütigst erlaubt werden 
sollte, die Frenrde führen zu dürfen. 
Ich wußte dem glücklichen Zufall Dank, der mir 
das Sesam öffnete, und nachdem das Staunen über 
den wirklich selbst für Rom ungewöhnlich wenig ge 
pflegten Ausgang zur Wohnung überwunden war, 
wirkte das große, mehrfenstrige Wohnzimmer mit den
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.