Full text: Hessenland (41.1930)

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steigert, die hessischen Orden verteilt, die ausländi- 
schen, 23 an der Zahl, an die betr. Regierungen 
zurückgegeben. Verteilt wurden auch die sog. pa 
triotischen Landesgeschenke, die der Kur 
fürst nach seiner Absetzung aus Hessen erhalten 
hatte; he sollten aber bis zum Tode ver Fürstin in 
Prag in den kurfürstlichen Zimmern bleiben. Das 
schönste von ihnen, der silberne Tafelaufsatz von 
Kaupert mit dem hessischen Löwen, steht m. W. jetzt 
in Oberurf. Verteilt wurden gleichfalls die Pre 
tiosen, Ringe, Nadeln usw., sowie gegen 60 ge 
häkelte Geldbeutel, die sich im Nachlasse fanden. 
Übelwollende Leser werden aus diesem Funde wohl 
wieder ihre Schlüsse auf die Geldliebe deö Kur 
fürsten ziehn. Die vielen gehäkelten Börsen be 
weisen aber nur, daß schon vor siebzig, achtzig Jah 
ren die Frage „Was schenke ich dem Papa oder 
Großpapa zu Weihnachten oder zum Geburtstag?" 
den weiblichen Gliedern auch fürstlicher Familien 
Kopfzerbrechen machte. 
Das Verzeichnis der im Prager Schloß und der 
Villa Kinfky befindlichen Bilder, die unter 
den Erben versteigert wurden, zählt 106 Num 
mern, die ziemlich mäßig taxiert waren. Nur ein 
Bild „Schafherde bei Gewitter" 5 ) von Verboeck- 
hoven in der Villa Kinsky war mit 8000 fl. 
taxiert, von den übrigen ereichte keinö die Höhe von 
1000 fl. „Der Kurfürst als kleiner Prinz, eine 
Fahne haltend" (wohl von der Hand der Kur- 
fürstin Äuguste) war mit 300 fl. angesetzt. Spä 
ter fand sich noch im Kasseler Palais der Fürstin 
eine Anzahl von Bildern, die nach Aufhebung deö 
Sequesters verteilt werden konnten. 
Einen interessanten Fund bildete ein versiegelter 
Sack voll alter Gold- und Silbermün 
zen und Medaillen von hohem Wert. Sie bil 
deten einen Teil des Kasseler Münzkabinetts und 
waren von dem mißtrauischen Kurfürsten nach der 
Beraubung dieses Kabinetts durch den Museunis- 
inspektor Appel in den 30er Jahren in Sicherheit 
gebracht worden. Trotz Einspruch deö Landgrafen 
Friedrich Wilhelm wurden sie dem Kasseler Mu- 
seum zurückgeliefert. 
Dagegen ereichte der Landgraf nach längeren 
Verhandlungen, die durch seinen Vertreter Reg.- 
Rat Reimers in Altona geführt wurden, daß ihm 3 
3) Fürst Moritz erwarb damals dieses durch 
viele Reproduktionen bekannt gewordene Gemälde 
des Brüsseler Malers, das bei der Auktion seines 
Nachlasses 1889 zu Köln für 20 000 Jl versteigert 
wurde. Heutzutage, wo der einst beliebte Mode 
maler vergessen ist, würde es schwerlich so hoch ge 
schätzt werden. 
das Kapital 6 ) der Prinzeß Charlotten 
Stiftung (zirka 23—30 000 Taler) ausge 
händigt wurde mit der Verpflichtung, eine ähnliche 
Stiftung zu Gunsten unvermählter hessischer Prin 
zessinnen zu errichten. 
Nach Aufhebung der Sequestration deö kur 
fürstlichen Vermögens konnten 1877 auch die in 
Hanau befindlichen Vermögensobjekte verteilt 
werden. Fünf große Schränke „voll seltener Bü 
cher" wurden nach Prag an das hanauische Archiv 
abgegeben, und nach Verlosung der zum Verteilen 
bestimmten Sachen (worunter sehr viel Leinewand) 
der Rest vom 18. bis 21. Juni 1877 im 8Nar- 
stallsgebäude versteigert, wobei sehr viele Kauf 
lustige erschienen und gute Preise erzielt wurden. 
Anschließend an diese Arbeit machte Rohde von 
Hanau aus eine Rheinreise und besuchte dabei in 
Ehrenbreitstein seinen ehemaligen Kollegen, den 
Kabinettörat Schimmelpfeng, der hier auf 
der Festung 6 Nkonate unfreiwilliger Muße wegen 
Majestätö- und Bismarcksbeleidigung genoß. 
Die Schlußverteilung fand im November des 
selben Jahres in Kassel statt und endete mit den 
Vorräten des kurfürstlichen 235 einkellerö, 
von denen jeder Erbe etwa 230 Flaschen erhielt. 
Prinz Heinrich von Hanau schenkte einen Teil da 
von den Exekutoren, „welches in der Folge man 
chem Kranken und Schwachen zur Labung ge 
reichte; denn nur solchem Zwecke darf jener Nektar 
dienen", wie der uneigennützige Minister Rohde 
meinte. 
Die Gesamtsumme des kurfürstlichen Bar- 
v e r m ö g e n s 7 ), das unter die neun Erben ver 
teilt wurde, betrug 2 418 170 Taler, 6 Silbergr. 
und 9 Heller, so daß jeder Erbe etwas über 268 000 
Taler erhielt, wovon freilich noch die Hofdiener 
pensionen auf lange Jahre hin bestritten werden 
mußten. 
Von dem durch die preußische Regierung b e - 
schlagnahmten Barververmögen des 
Kurfürsten erhielten die Erben keinen Heller zu 
rück. Es war von der preußischen Regierung rest 
los „zur Überwachung und Abwehr der gegen 
Preußen gerichteten Unternehmungen deö Kur 
fürsten" verbraucht worden. Was das für Unter 
nehmungen und Abwehrmaßregeln waren, wird 
man wohl nie erfahren, da die Ouittungsbelege 
darüber vernichtet wurden. Die Höhe der auf diese 
Weise verbrauchten Summe mag etwa ebenso groß 
6) Es stammte aus der Erbschaft der 1782 
verstorbenen Prinzessin Charlotte, einer Tochter deö 
Prinzen Max von Hessen. 
7) Eine genaue Aufstellung hat Preser im 
Hessenland von 1667 S. Z22 f. veröffentlicht.
	        

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