Full text: Hessenland (41.1930)

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gerie die Festhalle im Schmuck der Fahnen und 
Standarten, in der die bedeutendsten Vereine von 
Bremen bis Straßbnrg unter den Augen eines 
ehrenwerten Preisrichterkolleginms mit dem „Choral 
von Leuthen" um die Palme rangen. Heute hat 
man die Zeltstadt rund nm das ehrwürdige 
Denkmal des Landgrafen Friedrich II. auf dem 
schönen Friedrichsplatz aufgebaut. Es war als ob 
man zeigen wollte: damals war es eine deutsche und 
kaiserliche Angelegenheit, nun aber soll es Herzens 
sache der Hessen, Ausdruck der Heimat, des Volkes 
und der Zeit sein. Zn drei Zahrzehnten find die 
Dimensionen des Festes gewaltig gewachsen. War 
die Halle von 1699 für etwa 6000 Personen be 
stimmt, so faßte das jetzige Festzelt mindestens dop 
pelt so viel. Ein imposanter F e st z u g , dessen 
Vorbeimarsch fast zwei Stunden dauerte, bot die 
äußere Heerschan der stolzen Teilnehmerschar. Nrehr 
denn 20 farbenprächtige phantastische Festwagen, 
als schönster unter ihnen der prunkvolle des deutschen 
Liedes vom Vviener Sängerfest zogen vorüber, da 
bei fehlten auch der Hersfelder Lullusbrmmen, die 
Ntelsunger Bartenwetzer, die alte Burg auf dem 
Heiligenberg, der gute Vater Herkules von der 
Wilhelmshöhe, die Oberhessen in ihren reizenden 
alten Trachten, eine Original-Schwälmer Kapelle 
mit Hochzeitszug, die berühmten Fahnenschwinger, 
die alte biedermeierliche Reisepostkutsche, der Turn 
vater Zahn, der Franz Schubert auf seinem Thron 
und die deutschen NReister der Tonkunst natürlich 
nicht. Auf dem offiziellen Begrüßungs 
abend erklangen neben zuversichtlichen Reden der 
Führer, Behörden und des Sängerbundeö-Präst- 
denten, Geheimrat Professor Dr. Hammer- 
schmidt- NRünchen aus tausend Kehlen des 
Gaues Kurhefsen-Kafsel unter den Ganchormeistern 
Zschiegner und Hesse vie ersten zündenden Ntassen- 
chöre. Zu unerhörter TOucht steigerte sich dann ihre 
Wirkung in dem Festkonzert der Zehn 
tausend unter dem Bundeschormeister Dr. Ro 
bert Längs. Zn einer eigenen eindrucksvollen Ver 
anstaltung präsentierten sich die einzelnen Gaue. Zn 
den Fe st gottesdien st en und den S kün 
de n k 0 n z e r t e n bot sich daneben ein vielgestal 
tiges reiches Bild von dem Können der Einzel 
vereine ans all den Gegenden, deren Schilder dem 
gespannten Beschauer des Festzuges alle die sanges- 
freudigen Orte in ihren großen und kleinen Grup 
pen eindringlich vor Augen führten. Da der Him 
mel, abgesehen von einem Regenschauer-Schabernack 
als Auftakt des Festzuges, bei bester Laune war, 
die Stadt in Flaggen- und Birkenschmuck strah 
lend prangte, wurde es selbst in den riesigen Fest 
zelten zu eng. Nran wollte eben beweisen, daß man 
auch im neuen Deutschland aus sich heraus groß 
zügig Feste feiern kann, ja, daß man sie mit der 
nötigen Energie unä Umsicht sorgfältig vorzube 
reiten versteht, wenn Nränner mit einer unbeirr 
baren Znitiative wie der erste Bundesvorfitzende 
Emil Echzell 0a find, dem als unermüdlichen 
Vorkämpfer nicht zum wenigsten das Gelingen des 
ganzen Werkes zu danken ist. 
Auch musikalisch und künstlerisch hatte das 
Fest sein besonderes Gepräge. Wenn es auch be 
wußt nach dem Vorbild des großen Wiener Festes 
Zdee nnd Umfang im Rahmen eines Einzelbundes 
zu verwirklichen und fortzusetzen trachtete, so hat 
es doch das Ziel ins Gesamtchorische und 
Allgemein- RU usikalische wagemu 
tig vorgerückt durch die Einbeziehung der ge 
mischten und der Schulchöre, der Kammermusik 
(Stürmer-Priöca-Trio) nnd Symphonie, von Kan 
tate und Oratorium. Gesunden fortschrittlichen 
reformatorischen Geist ließen schon die S t u n - 
denkonzerte erkennen in der Berücksichtigung 
moderner Volkslied-Bearbeitungen und zeitgenössi 
scher Chorkomposttion. Gediegener Volkslied- 
k u n st widmeten ihr Können aus Fulda der 
große gut disziplinierte gemischte Chor Winfridia 
(unter H. Zillicken), aus H e r s f e l d- der tüchtige 
Sängerchor (unter Emil Biehl), aus Nieder 
hone die strebsame Liedertafel (unter Riebeling), 
ans Rotenburg die nicht minder eifrige Hefsen- 
land-Vereinigung (unter E. Bräutigam) und eine 
Reihe von Kasseler Vereinen: das Singkränz 
chen (unter Otto Scheuch), die Henschelvereinigung 
(unter Karl Hallwachg), Liederverein Kafsel-Wil- 
helmshöhe und Gesangsabteilnng der Kasseler 
Turngemeinde (unter Willi Dallmann), der NRi- 
litärgesangverein Liederkranz (unter Georg Otto 
Kahse) und das Sieboldsche Doppelquartett (unter 
Herm. Schleiden). Daß auch die ältere Art 
der Chorfingweise noch ihre unentwegten Freunde 
und Anhänger hat, bekundeten andere leistungs 
fähig geschulten Vereine wie der NR.-G.-V. Cap 
pel (unter Doerr), der NR.-G.-B. Eintracht 
Z e n n e r n (unter Fritz Esser), der Kasse- 
l e r NRännerchor des Reichsbundes der Zivildienst 
berechtigten nnd Eisenbahngesangvereins „Flügel 
rad" (unter Heinrich Küllmar), Harmonie Ober 
suhl (unter Pietz), Nr.-G.-V. Niederanla 
(unter Hoos) u. a. Unter den neueren NReistern 
iviirdc besonders bevorzugt L e n d v a i, und zwar 
vom NR a r b u r g e r Liederverein mit Elisabeth 
chor (unter Engelhardt), Ntännerqnartett 19*2 
Fulda (unter Paul Rübsam), Frohstnn- 
NR e e r h 0 l z (unter Heinr. Schirmer), der auch 
auf der Nürnberger Tagung hervortrat, dem 
Kasseler Ntännergesangverein mit Chor des 
Oberlyzeums (unter Rich. Prenzlow) und dem 
Chor der Luisenschule (unter Albert Hugues). Für 
NRatthieu N e u m a n n setzten sich der Reserve-
	        

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