Full text: Hessenland (41.1930)

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bethkirche zugegen gewesen sein^^).' Ob dieses letz 
tere der Fall ist oder nicht, kann für uns belanglos 
sein, die Tatsache genügt, daß Hermann von 
Salza stets das regste Interesse für seine Heimat 
und für das Schicksal des Ordens im Osten ge 
habt hat. — 
3 Iui diesen geschichtlichen Daten soll gezeigt 
werden, daß hessische Fürsten, Ritter und Mannen 
sich für die Kreuzzugsidee begeistert haben, daß sie 
persönlichen Anteil an den Geschehnissen im Orient 
genommen haben, daß ein festes Band die Nieder 
lassungen des Ordens im Morgenland und in 
Deutschland, insbesondere in Hessen, verbunden 
hat, daß die geistigen Führer des Ordens die innere 
Verbundenheit der verschiedenen Zweige des Or 
dens erkannt hatten und sie zu pflegen und zu för 
dern suchten, und schließlich daß die Führer und der 
Orden sich für die Heiligsprechung der hessischen 
Landesfürstin einsetzten und ihr zu Ehren den Bau 
der Gedächtniskirche in Angriff nahmen. 
Das (Morgen- und Abendland haben somit am 
Ende des 12. und am Anfang des 13. Jahrhun 
derts in engstem Verkehr gestanden. Die Kreuz 
fahrer uno Ordensritter haben zweifellos Land und 
Leute im Osten gekannt, sie werden auch die hei 
ligen Stätten in Jerusalem, Bethlehem usw. 
verehrt und bewundert haben, davon zeugen die 
Ausbesserungs- und Erneuerungsarbeiten, die sie 
an den alten Bauten vorgenommen haben, und die 
zahlreichen Neubauten, oie dort von ihnen errichtet 
worden sind. Viele abendländische (Motive sind 
von den Kreuzfahrern nach dem Heiligen Land ver 
schleppt worden, sie lasten sich an den Kreuzritter- 
bauten daselbst auf Schritt und Tritt nachweisen; 
desgleichen find aber auch morgenländische Ideen 
von den Heimkehrenden nach dem Abendland mit 
genommen worden * 15 ). — Der Verfasser ist dar 
auf, und zwar in bezug auf die Backsteinbau 
kunst, in seinem Werk „Der Backsteinbau", Leip 
zig 1925, S. 51 und 82, näher eingegangen. 
Wir lernen jetzt einen weiteren Beweis der Über 
tragungstheorie kennen, denn wir haben in dem 
ist) C. H e l d m a n n , Geschichte der Deutsch 
ordensballei Hessen, Kassel 1895, S. 25 und A. 
K 0 ch a. a. D., S. 107. 
15) Camille E nlart, Les Monuments 
- des Croisés dans le Royaume de Jérusalem, 
Paris 1925—28; vgl. auch Erich Caspar, 
Hermann von Salza usw., Tübingen ig2st, S. stö ff- 
nebst Anmerkungen. Hier wird ebenfalls nachge 
wiesen, daß die palästinensischen Verhältnisse aus 
die verschiedenen Unternehmungen des Ordens im 
Abendland einen großen Einfluß ausübten. 
Grundriß der aus dem 4. Jahrhun 
dert stammenden Geburtskirche in 
Bethlehem das Vorbild für die Grundriß 
lösung der Elisabethkirche in Marburg zu er 
blicken.' 
Der Bau Konstantins des Großen in Beth 
lehem besitzt ein fünfschiffigeö Langhaus, dessen 
Seitenschiffe sich in der Nordost- und in der Süd 
ostecke des Dreiflügelchores fortsetzen. Diese An 
lage entspricht der damaligen monumentalen Bau 
weise. Die Dreischiffigkeit des Langhauses der 
(Marburger Kirche steht jedoch zu der (Mehr- 
schiffigkeit des Konstantinbaueö in keinem grund 
sätzlichen Widerspruch, sie paßt sich den Zeitver- 
hältnissen an. In ihren Kernanlagen weichen die 
beiden Bauten nicht voneinander ab, sie stimmen 
fast vollständig überein: trennt man nämlich an der 
Geburtskirche die äußeren Seitenschiffe und die 
Fortsetzungen der Seitenschiffe auf der Ostseite des 
Querarmes ab, so liegt der Grundriß der Elisabeth 
kirche vor uns! (S. 205, Abb. 1 u. 2.) An die qua 
dratische Vierung schließen sich nach Osten, Süden 
und Norden die Arme des Dreiflügelchores, der im 
4. Jahrhundert noch den runden, im 13. Jahr 
hundert den vieleckigen, fast runden (fünf Seiten 
eines Zehneckö.') Abschluß besitzt, während nach 
Westen sich das dreischiffige Langhaus anlehnt, 
dem einmal der Narther, das andere Mal das 
Turmjoch folgt. Dieser allgemeinen Gleichartig 
keit in der Gestalt steht eine fast vollständige 
Gleichwertigkeit in den Abmessungen zur Seite. 
Aus der nachfolgenden Tabelle läßt stch die Über 
einstimmung leicht erkennen"): 
i-6) Der Verfasser konnte leider bei seinem Be 
such der Geburtskirche in Bethlehem nicht persön 
lich die Maße daselbst nehmen. Die angeführten 
Maße sind aus dem Plan abgesteckt, der bei 
R. Weir Schultz & W. Harvey, The 
Church of the Nativity at Bethlehem, Lon 
don 1910, Pl. i, veröffentlicht ist. Zum Vergleich 
wurden auch die Grundrisse, die G. D e h i 0 & ®. 
v. Bez 0 ld , Die kirchliche Baukunst usw., Stutt 
gart 1901, Taf. 77 und Taf. 453 / uns geben, her 
angezogen. In diesen Plänen stimmen die Grund 
risse noch ausfallender überein, dagegen finden wir 
bei H. Vincent & F. M. Abel, Bethléem, 
Paris 1914 etwas kleinere Maße, sie stehen neben 
bei in der Klammer. 
Die Maße der Elisabethkirche sind persönlich 
vom Verfasser aufgenommen worden. 
In dem Hinweis, daß der Bethlehemer Grund 
riß als Vorbild für die Grundrißlösung der Elifa- 
bethkirche gedient hat, ist die endgültige Entwurze 
lung der Zentralbautheorie zu erblicken.
	        

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