Full text: Hessenland (41.1930)

Gleichzeitig läßt er den Hofmeister seines Sohnes 
Wilhelm, v. Dalwigk, dem König Wilhelm sa 
gen, er sei bereit, gegen erhöhte Hilfsgelder io ooo 
Mann bereitzustellen. Als die Antwort ausbleibt, 
drängt er auf Bescheid, da Jberville von ihm eine 
endgültige Entscheidung erwarte. Jetzt vermittelt 
Ratspensionär Heinfius zwischen Dalwigk und 
'König Wilhelm, der nähere Umschreibung der 
Leistungen Hessens wünscht. Karl erwidert, falls 
sein Beitritt gefordert würde und das Reich den 
Krieg an Ludwig erkläre, müsse er sein eigenes, 
dem Feinde ziemlich leicht erreichbares Land durch 
Verstärkung seiner Miliz auf 12—13 000 Mann 
schützen. Das könne geschehen, wenn England und 
Holland ihm für 10 000 Mcknn Subsidien ver 
sprächen; dann wolle er den Rest selbst unterhalten. 
Um die Jahreswende wird daraufhin der Landgraf 
zum Beitritt zur Großen Allianz eingeladen. 
Nunmehr erhalten Dalwigk und der hessische 
Staatssekretär Klaute — der nämliche, der den 
Landgrafen auf seiner italienischen Reise 1699/1700 
begleitet und darüber einen eingehenden Bericht 
hinterlassen hat — Vollmacht zum Vertragsab 
schluß. Am 7. Februar 1702 kommen Bündniö- 
und Subsidienvertrag mit den Seemächten zu 
stande; letztere übernehmen die Unterhaltung von 
9000 Mann hessischer Truppen. Ein späterer ge 
heimer Zusatzvertrag enthält das Versprechen der 
Seemächte, dem Landgrafen zum Besitze von 
Rheinfels zu verhelfen. — Nun hatte im Som 
mer 1701 der Graf v. Rappach den Landgrafen 
ebenfalls zu Schwalbach im Auftrage des Kaisers 
umworben. Jetzt im März 1702 ließ Karl dem 
Kaiser durch seinen Rat v. d. Malsburg sagen, 
was er mit den Seemächten bereits abgemacht 
habe. In den weiteren Verhandlungen zu Wien 
verlangte Malsburg für den Landgrafen Befrei 
ung von der Stellung seines Reichskontingents, da 
er sa bereits 9000 Mann ausgerüstet habe; er 
sei jedoch zu weiteren Verstärkungen bereit, wenn 
auch der Kaiser ihn unterstütze. Als am 6. Oktober 
1702 der Reichstag nun doch beschlossen wurde, 
lehnte Leopold besondere Unterstützungen ab und 
forderte Aufstellung ves Reichskontingents. Mals- 
burg empfahl seinem Herrn, wenigstens einen Teil 
der hessischen Truppen zur Reichsarmee unter dem 
kaiserlichen Generalleutnant Markgrafen Lud 
wig von Baden stoßen zu lassen. Aber davon 
wollte Karl nichts wissen; die hessischen Truppen 
sollten zusammenbleiben, und Markgraf Ludwig 
war ihm unsympathisch, weil er im letzten Kriege 
nicht genügend für die Hessen gesorgt hatte. So 
unterblieb denn die Stellung hessischer Truppen 
zur Reichsarmee. — Diese ganzen Verhandlungen 
aber sind ein Meisterstück von Diplomatie. Zu 
nächst hält sich der Landgraf den Seemächten wie 
Frankreich gegenüber zurück, beileibe nicht aus 
Mangel an deutschem Empfinden, sondern weil 
er es im Hinblick auf seine rheinischen Gebiete nicht 
auf einen Bruch mit Frankreich ankommen lassen 
durfte, solange sich die Weiterentwickelung der 
Dinge nicht übersehen ließ. Das hatte 1692 die 
Belagerung von Rheinfels erwiesen. Und als die 
Seemächte die Subfidienfrage zunächst offen lassen, 
spielt er die Verhandlungen mit Frankreich auö. 
Es war dies kein schnödes Feilschen, sondern ein 
Gebot der Notwendigkeit. Hessen als armes Land 
war nun einmal beim besten Willen nicht in der 
Lage, eine größere Truppenmacht ohne fremde Hilfe 
zu unterhalten. Jedenfalls aber war Landgraf 
Karl der erste Reichsfürst, der der Allianz beitrat. 
Erst nach ihm folgten die „vorderen" Reichökreise 
(der österreichische, fränkische, schwäbische, ober- und 
kurrheinische), und zuletzt das Reich selbst. 
Wieder spielte der Krieg sich auf einer ganzen 
Anzahl von Schauplätzen ab, wegen der spanischen 
Niederlande in Belgien, wegen Kurkölns und 
seiner Gegner am Mittel- nnd wegen der süd 
deutschen Gegner Frankreichs am Oberrhein, wegen 
des zu Ludwig haltenden Bayerns im Herzen Süd- 
deutschlands, wegen Mailands und Savoyens — 
Viktor Amadeus II. stand bis Oktober 1703 auf 
Seiten Ludwigs XIV. und wandte sich erst dann 
der Großen Allianz zu — in Oberitalien und end 
lich in Spanien selbst. Und so begegnen wir auch 
den hessischen Truppen, deren Taten hier wenig 
stens kurz gestreift werden sollen, bald hier, bald da, 
anfangs unter persönlichem Oberbefehl Karls, des 
sen Söhne, Erbprinz Friedrich und sein jüngerer 
Bruder Wilhelm, jeder sein Regiment führten. 
In der Pfalz brachte der französische Marschall 
Tallard den Hessen am 15. November 1703 eine 
schwere Niederlage am Speyerbache bei, gerade in 
einem Augenblicke, als der Erbprinz und ein Teil 
der Truppen nicht zur Stelle waren. Diese Scharte 
wurde wieder ausgewetzt am 12. und 13. August 
des folgenden Jahres bei Höchstädt und Blindheim. 
Hier gelang es den Koalitionsfeldherren Prinzen 
Eugen und dem Engländer IUarlborough, die 
unter Tallard vereinigten Franzosen und Bayern 
entscheidend zu schlagen. Zu dem Siege hatte die 
Reiterei des Erbprinzen nicht unwesentlich beige 
tragen. Tallard selbst wurde von dem Oberstleut 
nant von Boyneburg, der das hessische Dragoner 
regiment kommandierte, gefangen genommen; der 
Erbprinz rief dem gefangenen Marschall bei des 
sen Vorführung die Worte zu: „Revanche pour 
Speyerbach!" — Weniger günstig ließ sich das 
Jahr 1703 an, in dem am 3. Mai Kaiser Leo 
pold I. starb. Sein Sohn und Nachfolger Jo
	        

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