Full text: Hessenland (41.1930)

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Landgraf Karl von Hessen als deutscher Reichssürst. 
Von Bibliotheksrat Dr. Friedrich Israel, Kassel. 
(Schluß) 
Vier Tage vor der Kriegserklärung bereits be 
gann Ludwig die Feindseligkeiten am 20. Sep 
tember 1688 mit der Belagerung von Philipps 
burg durch Vauban, das Ende Oktober fiel. Kur 
fürst Friedrich III. von Brandenburg suchte auf 
den Rat seines leitenden INinisters Eberhard von 
Danckelmann im engsten Einvernehmen mit Wil 
helm III. von Oranien alsbald eine Vereinigung 
der wichtigsten Fürsten Norddeutschlands zustande 
zu bringen. Sie gelang auch sehr schnell; in dem 
sogen. „Ntagdeburger Konzert" vom 22. Oktober 
1688 vereinbarten Brandenburg, Ernst August 
von Hannover, Anton Ulrich von Braunschweig- 
Wolfenbüttel, Johann Georg III. von Sachsen 
und Landgraf Karl von Hessen, eine Armee von 
insgesamt 22 000 Ntann gegen die Friedensstörer 
aufzubieten. In kürzester Frist standen 6000 
Hessen unter dem Oberbefehl des Generalleutnants 
Grafen von der Lippe am Rhein, neben den jachst- 
schen Truppen das erste Reichskontingent, das znr 
Stelle war. Bei Koblenz brachte Lippe den Fran 
zosen eine empfindliche Niederlage bei, besetzte dann 
die Stadt und deckte die Ntainlinie von da aus. 
Nach der Einnahme von Philippsburg ergossen sich 
die Franzosen plündernd in den deutschen Süden; 
insbesondere Württemberg hatte zu leiden. Unter 
diesen Eindrücken beschloß der Reichstag zu Re 
gensburg im Februar mit seltener Einmütigkeit 
den Reichskrieg gegen Frankreich. Die in Würt 
temberg eingedrungenen Franzosen zogen sich daher 
eiligst über den Rhein zurück. Um die deutschen 
Truppen in ihrem Nachdrängen zu behindern, be 
gann auf den Rat des französischen Kriegsministers 
Louvois die berüchtigte Verwüstung der Pfalz 
durch General Ntelacs mordbrennerische Scharen, 
die nicht einmal vor den ehrwürdigen Kaisergräbern 
im Dome zu Speyer Halt machte und über die 
Elisabeth Charlotte von Orleans, die pfälzer Prin 
zessin, in ihren Briefen ergreifendste Worte fand. 
Allein durch diese barbarische Kriegführung wurde 
der Eifer der deutschen Fürsten nur neuerdings 
aufgestachelt. Aber auch die außerdeutschen Ntächte 
sahen dank der rührigen Tätigkeit des Oraniers 
nicht untätig zu. Nacheinander vereinigten sich 
1689 und 90 Holland, England, Viktor Ama 
deus II. von Savoyen und Spanien mit Kaiser 
Leopold zu der „Großen Allianz" gegen Lud 
wig XIV. Wir brauchen hier nicht die kriegeri 
schen Ereignisse im einzelnen zu verfolgen; sie spiel 
ten sich in den spanischen Niederlanden, in der Ge 
gend des mittleren und oberen Rheins, in Savoyen, 
in Spanien und zur See ab. Nur die Kämpfe 
der hessischen Truppen seien kurz erwähnt. Im 
Juli 1689 begannen Herzog Karl IV. von Loth 
ringen und Landgraf Karl von Hessen die Belage 
rung von Nrainz, die nicht zum wenigsten durch die 
schwere hessische Artillerie so wirksam gefördert 
wurde, daß die Festung im September kapitulierte. 
Später finden wir Karl mit seinen Hessen in Bel 
gien, wo er 1691 gemeinsam mit König T8il- 
helm III. von England Lüttich, das von den Fran 
zosen belagert wurde, befreite. Im nächsten Jahre 
1692 focht er in der Pfalz. Als er den Ntarfchall 
de Lorges bei Worms fassen wollte, wich dieser 
freilich dem Kampfe aus. Am 4- September griff 
Karl bei Speyer an; in der Nacht befestigten je 
doch die Franzosen durch Schanzwerk ihre Stel 
lung so erheblich, daß der Landgraf auf weiteren 
Kampf verzichtete, denn die Erstürmung der fran 
zösischen Stellungen hätte nur mit außerordent 
lichen Verlusten erkauft werden können. 
Zum Abbruch der Kämpfe an dieser Stelle ver 
anlaßte ihn auch die verräterische Haltung seines 
Großoheims, des Landgrafen Ernst von Hessen- 
Rotenburg und Rheinfels. Ernst war der jüngste 
Sohn 8Noritz' des Gelehrten aus dessen zweiter 
Ehe mit Juliane von Nassau; ihm war entspre 
chend den Bestimmungen des Vaters gemeinschaft 
lich mit seinen drei älteren leiblichen Brüdern 
Philipp, Hermann und Friedrich die sogenannte 
Rotenburger Omart zugefallen, d. h. die Ämter 
Rotenburg, !Wanfried, Sontra, Eschwege, Lud 
wigstein, die Stadt TAtzenhausen, das Gericht 
Bilstein und die Herrschaft Plesse. Diese Be 
sitzungen sollten jedoch unter der Oberherrschaft des 
jeweils regierenden Landgrafen von Hessen-Kassel 
stehen. Da seine Brüder lange vor ihm ohne 
Nachkommen ins Grab sanken, war er seit 1658 
alleiniger Besitzer der Ouart. Sein Streben 
zielte nun darauf ab, sich der Oberherrschaft der 
Kasseler Hauptlinie zu entledigen und womöglich 
sein Gebiet als selbständiger Fürst auf deren Kosten 
zu vergrößern. 1651 zur katholischen Lehre über 
getreten, hoffte er, seine Pläne mit Hilfe des mäch 
tigen Franzosenkönigs durchführen zu können, des 
sen Stellung in konfessionellen Fragen ihm nicht 
unbekannt war. Und so glaubte er schon 1667 bei 
Ausbruch des Devolutionskrieges sich Ludwig XIV. 
empfehlen zu können, wenn er ihm die Festung 
Rheinfels auf dem linken Rheinufer bei St. Goar 
anbot, die ein wichtiges Einfallstor in Nkittel-
	        

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