Full text: Hessenland (41.1930)

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im Sachlichen umso zuverlässiger ist. Ob wir nun 
dem Geismarauer oder schon dem INarburger, oder 
beiden das Interesse an dem nachfolgenden Vor 
gang verdanken, ist gleichgiltig. Kurz, im Herbst 
des Wahres 1360 unternahm der Ordensmarschall 
Henning Schindekop einen Feldzug gegen die 
Litauer (eine „Reise"), deren Ziel in erster Linie 
die Feste Wielun war. Es begleitete ihn eine große 
Heerschar, „ganz besonders aber der edle Landgraf 
Otto von Hessen, der mit seinen zahlreichen Rit 
tern in den Streit eingriss und unter dem volks 
tümlichen Ruf „H eff enland!" unerschrocken 
kämpfte", wobei sie schließlich dem Kriegsplan ge 
mäß bis zu dem Bache Rodan vordrangen (der 
später die Grenze des Ordensgebietes bildete). Es 
handelt sich um den einzigen Sohn Landgraf Hein 
richs II., den Erbprinzen Otto, dem spätere Sage 
den Beinamen des „Schüßen" gegeben hat; er ist 
bekanntlich 1366 als Mitregent seines Vaters ge 
storben, der ihn noch um mehr als zehn Jahre über 
lebt hat. 
Hier ist also „H e s s e n l a n d!", das der Be 
arbeiter absichtlich (als vulZariter) in seinem La 
tein bestehen läßt, der Kamps- oder Schlacht 
ruf der Hessen, und als solcher mag er 
reichlich ein Jahrhundert älter sein: er stammt 
wahrscheinlich aus der Zeit des thüringisch-hessischen 
Erbfolgekrieges (1247—1264), den die Herzogin- 
Witwe Sophie von Brabant, die Tochter der hei 
ligen Elisabeth, als „Hessenlandes Herrin", clo- 
mina terrae Hassiae (wie sie sich beständig nennt) 
für ihren Sohn Heinrich durchführte. In ver drei 
fachen Geltung: als Kampfruf hessischer Krieger, 
als Aufgebot des hesstschen Landgrafen, als Not- 
ruf bedrängter Untertanen, hat er sich etwa drei 
Jahrhunderte hindurch gehalten. Das 16. Jahr 
hundert scheint er kaum überdauert zu haben. 
Eine Behandlung der Landschreie des Mittel- 
alters wäre gewiß eine schöne Aufgabe, für die 
aber bisher alle Vorarbeiten fehlen: die einzige, ge 
wiß unvollständige, Zusammenstellung, die ich 
kenne, findet sich in Alwin Schulß' Höfischem Le 
ben, 2. Ausl., Bd. II 283 f. (s. auch die An- 
merknngen). 
Uber das Klaggeschrei im allgemeinen 
und über dessen verschiedene deutsche, zum Teil auch 
landschaftlich begrenzte Formen hat Jac. Grimm 
in den „Deutschen Rechtsaltertümern" S. 876 jf. 
(4. Aufl., Bd. II 517 ff.) eingehend gehandelt; 
über „Mordro!" „Waffen!" (franz. aux armes, 
ital. all arme, woher unser „Alarm", „Lärm") 
„Zeter!", „Jodute!", in Hessen besonders 
„Heilal!" (Vilmar, Idiotikon S. 158). 
Dazu kommen dann die speziellen Land- 
schreie und Kampfrufe der Reiche und 
Länder. Am bekanntesten ist seit dem altfranzö- 
fischen Rolandölied (um 1100) der früh schon nicht 
mehr verstandene Kampfruf „Munjoie!" (Mons 
Jovis), dem gelegentlich „St. Denis" zugesellt 
wird. Ihm steht der Schlachtruf des Deut 
schen Kaisers „Rom!" (Rome) gegenüber, der in 
deutschen und französischen Ouellen vielfach bezeugt 
ist; so zuletzt wohl für die Schlacht auf dem 
Marchfelde (1276), wo ihm der böhmische Kampf 
schrei „Budweis! Prag!" entgegen scholl. Eine 
Reichsstadt wie das an Kurpfalz verpfändete Op 
penheim hatte den Notschrei „Rom und Reich!" 
— Im übrigen wechseln Städte- und Länder 
namen: in Wolframs v. Eschenbach „Parzival" 
heißt es für die Artusritter „Nantes!", in des 
selben Dichtung „VNllihalm" für die Fläminge 
„Apern!" und „Arras!" In deutschen Geschichts 
quellen find bezeugt: „Braunschweig!", „Halber 
stadt", „Mecklenburg!" — anderseits: „Bayer 
land! ", „Sachsenland!", „Meißenland!" Und 
in diese letzte Gruppe gehört als einer der ältesten, 
wenn nicht gar der älteste, unser eigener alter 
Kampfruf und Landschrei: 
H e s s e n l a n d! 
Denn ich vermute, daß ganz ähnlich wie unsere 
Zeitschrift „Hefsenland" vor einem Menschenalter 
Pate gestanden hat zu den verwandten Heimats 
blättern „Bayerland", „Sachsenland", „Hanno 
verland", sechs bis sieben Jahrhunderte früher auch 
der Kampfruf der „doinina terrae Hassiae" 
vorbildlich auf die anderen Territorien gewirkt 
haben mag. 
Aus dem Leben und Leiden eines hessischen Landpsarrers. 
.Rach einer Familienurkunde mitgeteilt van Otto Paulus, Kassel. 
In dem handschriftlichen Nachlaß meines Groß- schick ihm aufgebürdet hatte. In der Tat, ein 
Vaters, des Pfarrers Karl Paulus, befindet sich ein wahrer Hiob tritt dem Leser hier entgegen, dem er 
n6 Seiten umfassendes Schriftstück, in dem der fein Mitleid nicht versagen wird. Da aber diese 
damals Zojährige Verfasser bald in Prosa bald Leidensgeschichte eines gewissen kulturgeschichtlichen 
in kindlichen Versen mit beweglichen Worten von Interesses nicht entbehrt, wird vielleicht ein kurzer 
den unendlichen Leiden berichtet, die ein hartes Ge- Auszug in diesem Blatt eine Stätte finden dürfen.
	        

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