Full text: Hessenland (41.1930)

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ist das Lob, das eine der klügsten Frauen der Epoche 
diesem Tand spendet. Wie mußte er erst schwächere 
Geister für sich einnehmen. Ein kapitales Stück 
dieser Gattung, das aus der Sammlung Capello 
seinen Weg nach Kassel fand, hat hier ein Jahr 
hundert lang zu den größten Kostbarkeiten gezählt, 
bis es auch in Sababurg verloren ging. Es ist die 
bald als chinesisch (Prodromus Capello; Mariette, 
Traité des Pierres Gravées, Paris 1750, T, 
285), bald (Arckenholtz, Jnv. 174?, Nr. 3) als 
mexikanisch bezeichnete Phantasiegestalt eines buddha- 
artig hockenden Mannes von Bergkristall, der auf 
einem pfeildurchbohrten Herzen von rotem Glas, 
von Tieren umspielt, über hohem Sockel thront. 
Alle Gewand-, Schmuck- und Zierteile sind besetzt 
mit kostbaren Rubinen und Saphiren. Man findet 
eine genaue Abbildung des Idols auf dem ersten 
Blatt von Capelloö mehrerwähntem: Prodromus 
iconicus sculptilium gemmarum etc. Dies in 
Venedig im Jahre 1702 veröffentlichte Idol mit 
seiner östlich schweifenden Phantastik mutet wie eine 
Vordeutung auf alle kommenden Höroldchinesen an 
1710 verkaufte Capello das Stück zugleich mit dem 
griechischen Schmuck an Landgraf Karl. 
Der Schmuck wird weder in Klauteö Diarium 
der Reise Landgraf Karls, die ihn 1700 doch zu 
Capello in Venedig führte, noch im Prodromus 
(und, wie Voelkel bemerkt, auch nicht bei Mont- 
faucon, der einmal bei Capello war) erwähnt; da 
nach scheint Capello ihn selbst erst kurz vor 1710 
erworben zu haben. Als Vorbefitzer glaubte Voel- 
kel Don Livio Odeöchalchi, Herzog von Bracciano 
(gest. 1713) ansehen zu dürfen, und, da dieser Her 
zog Teile der Sammlungen der Königin Christine 
von Schweden aufgekauft hatte, stand er nicht an, 
den Schmuck, der ihm unter dem Namen des Paläo- 
logischen zuging, auf diese berühmteste und legen 
därste Fürstin der Barockzeit zurückzuführen Z. 
Mir scheint, daß diese Hypothese Voelkels auf 
schwachen Füßen steht. Der Einwand, den er sich 
selbst macht, daß doch der Biograph Christinens, 
Rat Arckenholtz, der um 1750 die Kasseler Samm 
lung verwaltete und den Schmuck inventarisierte 
(freilich ohne mehr zu sagen alö: ein Schmuck für 
eine DameH, hierüber schweige, ist doch nicht so 
leicht mit der Annahme von Arckenholtz' Unkennt 
nis der Sachlage abzutun. Hat doch Arckenholtz 
an anderer Stelle (Memoiren II, 323) den Über 
gang von Kunstwerken aus der Sammlung Chri 
stines über Bracciano in das Museum von Gotha 
aufgezeichnet. 
Wir haben den Schmuck heute nur noch als 
Ansgang zu buchen. Denn selbst in dem recht un 
wahrscheinlichen Fall, daß er noch einmal auftau 
chen sollte, ist sein Verlust verjährt und sein Ruhm 
vor neuen Sternen verblaßt. 18 
18) Voelkel sagt in seinem Vortrag über die 
Gemmensammlung 1603, im Museum befänden sich 
zu dem byzantinischen Schmuck ein samtbezogenes 
Pappkästchen mit einer Descriptio Thesauri 
in Museo Odeöcalche. Beides scheint verloren. 
Das Nahlsthe Haus in Kassel in Abbruchsgefahr. 
Die wirtschaftlichen Verhältnisse bedrohen 
eines der vornehmsten Spätbarockhäuser Nord 
deutschlands. 
Die spätbarocke Erweiterung der Stadt Kassel 
von Simon Louis du Ry gruppiert sich um den 
kreisrunden Königsplatz, dessen alter Häuserbestand 
heute leider schon allzu sehr aufgelichtet ist, und 
den rechteckigen Friedrichsplatz, dessen eine Längs 
seite Monumentalbauten wie die katholische Kirche, 
die Landeöbibliothek und die Schlösser einnehmen 
Von Dr. M. M a r c a r d. 
und an dessen einer Schmalseite sich die jetzige 
Hauptstraße entlangzieht. An dieser ausgezeich 
neten Stelle erbaute sich 1771 der alternde Bild 
hauer Johann Nahl sein eigenes Wohnhaus, das 
als Prototyp norddeutschen Spätbarocks angesehen 
werden muß. Es ist ein langgestreckter, zweistöckiger 
Bau mit leichtvorgezogenen Mittel- und Eckrisa 
liten und wohl abgewogenem plastischem Schmuck 
im Giebelfeld und an den Fensterumrahmnngen, 
eine Architektur, die ruhiger und schlichter wirkt 
als die pompösen süddeutschen Barockanlagen (z. B.
	        

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