Full text: Hessenland (41.1930)

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als Besitz ihres Bundesgenossen nach Möglichkeit 
gut behandelten, daß andererseits die evangelischen 
Heere das evangelische Marburg und besonders 
seine Universität auch oft schonten und mit Sicher 
heitsbriefen bedachten. 
Zwar an dem allgemeinen Kriegselend, am 
Darniederliegen von Handel und Verkehr, an den 
von der flüchtigen Landbevölkerung oder durch 
marschierenden Heeren eingeschleppten Seuchen, be 
sonders der Pest, an Lieferungen für den Unterhalt 
dieser Heere litt auch M'arburg, aber es wurde 
doch nicht, wie so viele niederhesfische Städte, ganz 
niedergebrannt und nur einmal am Schluß des 
Krieges geplündert. Auch die unserer „Inflation" 
von 1923 in ihren Auswirkungen täuschend ähn 
liche „Kipper- und Wipperzeit" hat der Stadt 
sehr geschadet. War das steuerbare Vermögen der 
Bürgerschaft vor dem Kriege ans 312 000 Guloen 
geschätzt worden, so betrug es 1623, als der Krieg 
der Stadt zum erstenmal wirklich nahekam, nur 
noch 148000. Der Reichstaler hatte auch nur 
noch */20 seines früheren Wertes. Viele reiche 
Leute waren bettelarm geworden. (Mit größter 
Strenge durchgeführte Maaßregeln der Regierung 
schufen endlich Abhilfe. Diese Strenge wurde den 
ganzen Krieg hindurch aufrechterhalten und schützte 
die Bevölkerung wenigstens vor dem Verhungern. 
'Alle Preise von Lebensmitteln, aber auch die Löhne 
wurden auf das frühere Maß herabgesetzt und 
scharf überwacht. So mußten z. B. noch 1643 
zwei Bäcker, deren Ware zu leicht befunden wurve, 
ihr ganzes Gebäck an die Siechenhänser und das 
Hospital abliefern, je 30 Rtlr. Strafe zahlen (das 
entsprach dem Wert von drei Kühen!) und bis zur 
Zahlung ihrer Strafe in den Turm. 
Nach Verlust der Hofhaltung war die Ilniver- 
fität der bedeutendste wirtschaftliche Faktor der 
Stadt. 1608 hatte die Zahl der Neuimmatriku- 
lationen 213 betragen, 1618 noch 123, im Jahre 
1633 nur noch 33. Die gewaltsame Einführung 
der „Verbefserungspunkte" des Landgrafen (Moritz 
mit Vertreibung der Marburger Professoren der 
Theologie und Absetzung von über 60 streng luthe 
rischen Pfarrern in Oberhefscn hatte Darmstadt 
veranlaßt, 1607 in Gießen eine eigene Universität 
zu gründen, die nach der Besitzergreifung von 
M'arburg 1623 unter großen Feierlichkeiten nach 
M'arburg zurückverlegt wurde. Aber während bis 
dahin die Hälfte der von Philipp dem Großmütigen 
gestifteten Univerfitätseinkünfte aus dem südlichen 
Hessen von Darmstadt gesperrt wurden, sperrte 
nun Kassel die andere Hälfte aus dem nördlichen 
Hessen. So kam auch die Universität in den 
Nöten des Krieges immer mehr herunter. Sie 
hatte, als 1645 die Niederhessen (Marburg wieder 
eroberten, nur noch fünf Professoren. Da diese der 
Kasseler Negierung den Treueid weigerten, wurven 
sie in einer Kutsche nach Gießen gefahren. Be- 
wunderswert ist ihre Uberzeugungstreue; trotzdem 
sie jahrelang ohne Gehalt gewesen waren und 
Kassel ihnen volle Zahlung des rückständigen Ge 
haltes zusicherte, ließen sie sich nicht wankenv 
machen. Gleiche Charakterstärke zeigte übrigens 
auch die Bürgerschaft. Der Rat verstand sich erst 
unter den schwersten Drohungen zur Huldigung 
und schob in einer angefügten Erklärung die Sünde 
dem zu, der sie zu solchem Eide zwinge. Nach dem 
Kriege gründete Darmstadt die Universität Gießen 
neu und Niederhefsen verlegte seine inzwischen in 
Kassel unterhaltene Universität wieder nach (Mar- 
bnrg. 
Von wirklichen Kämpfen hat Marburg weit 
weniger erlebt als die meisten anderen hessischen 
Städte. Die erste Besitznahme erfolgte ganz un 
blutig. Nachdem das kaiserliche Gericht in Re- 
gensburg die Stadt 1623 den Darmstädtern zu 
gesprochen hatte, legte Tilly einige Kompanien in 
die Vorstädte. Die niederhesfische Besatzung des 
Schlosses wurde ausgehungert. Von da an blieb 
M'arburg bis 1643 von eigentlichen kriegerischen 
Ereignissen verschont. Natürlich brachte der Vor 
beimarsch der Heere — und Marburg liegt an 
einer der wichtigsten Heerstraßen — ungeheure 
Lasten. Noch im (Mai 1637 befindet sich der Stadt 
schreiber, der 1636 bei dem Marsch der niedcr- 
hesfisch-schwedischen Truppen zur Befreiung Ha 
naus gefangen war, in schwedischer Gefangenschaft 
llttd im Juli 1637 muß die Stadt einem kaiser 
lichen Heer täglich allein 400 Pfund Brot liefern. 
Sonst ist Marburg im schlimmsten Kriegsjahr 
Hessens, 1637, dem „Kroatenjahr" der hessischen 
Ortschroniken, ziemlich glimpflich durchgekommen, 
hat z. B. seine sechs Märkte, wenn auch mit weit 
geringerem Besuch als sonst, abhalten können. 
Schlimmer wurden erst die letzten drei Kriegü- 
jahre. Im März 1643 fordert erst Geyso für 
seine niederhesfischen Truppen 10 000 Pfd. Brot, 
Anfang (Mai marscbieren die weimarischen Völker 
Turenneö durch, ihnen folgen die bayerischen Trup 
pen auf dem Fuße, gegen Ende (Mai wieder hes 
sische, weimarische und schwedische Völker, die 
200 000 Pfd. Brot und andere Lebensmittel ver 
langen. Die Stadt tut, soviel sie kann, kommt 
aber in große Gefahr, da das, was geliefert wird, 
nicht hingefahren wird. Bürger und geflüchtete 
Bauern haben ihre Pferde versteckt. Als man end 
lich nach Durchsuchung der Häuser vier Gespanne 
zusammen hat, werden die Wagen zwar vor die 
Tore gefahren, aber dann von den Fuhrleuten ab-
	        

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