Full text: Hessenland (41.1930)

sein Gebetbuch, damit wolle er nichts zu schaffen 
haben. Lins über den Durst zu trinken, galt ihm hin 
gegen als erlaubt. Daher hockte er bei den: Kästchen 
nieder, goß ein Glas nach dem andern hinter die 
Binde und fang bierselig vor sich hin: 
„Mein Vater ist ein Nagelschmied, 
Mas er sieht, das nimmt er mit, 
Drio, drio, la, la! 
Meine Mutter is ein altes Weib, 
Meil sie soviel Kaffee säuft, 
Drio, drio, la. la! 
Mein Bruder is im Arbeitshaus, 
Kommt sein Lebtag net inehr 'raus, 
Drio, drio, la, la! 
Meine Schwester is eine hohe Dam', 
Sieben Kinder und kein Mann, 
Drio, drio, la, la!" — — — 
Draußen hörnte der Nachtwächter zwölf. Da öffnete 
sich die Tür, und die Annegret, des Napoleon Schwester, 
schwankte herein. Line Munde klaffte an ihrer Stirn. 
Ihr Mann, der Glemotz, war toll und voll aus dem 
.Ritter' heimgekommen. Als sie ihm feine lästerliche 
Aufführung verwies, hatte er sie blutrünstig geschlagen. 
Lieher wollte sie betteln gehen, heulte sie, als daß sie zu 
dem Teufelsbrand zurückkehrte. Sie bat ihren Bruder 
für die Nacht um Unterschlupf. 
Die Meiber hörten das Lamento mit offenen Mün 
dern an, die Männer legten die Karten hin. 
Der Napoleon aber sprang auf und schrie: 
„bfimmelsterngranatemordgewitter! Alleweil is das 
Dippe voll!" Krebsrot im Gesicht, mit funkelnden 
Augen verließ er die Stube, schritt über den vof auf 
die Gasse hinaus und war eine Minute später in seines 
Schwagers tfaus, das er seit sieben Jahren nicht mehr 
betreten hatte. 
Lben kam der Glemotz aus dem Gberstock die Treppe 
herunter. Lr schwang ein Beil in der Lfand und 
brüllte: 
„Lckewischern, wo steckst du?" 
Jetzt gewahrte er beim Lichtschein, der aus der 
Mohnstube drang, seinen Schwager. Linen Augenblick 
stutzte er, dann drang er auf ihn ein. 
Der Napoleon als der Stärkere wand ihm im Nu 
das Beil aus der tfand, gab ihm einen Stoß, daß er 
rücklings zu Boden schlug und wie tot liegen blieb. 
„Is he nu eweg?" stieß er hervor, weißen Schaum 
vor dem Mund. „Ich glaub's noch net. So ein Luppel 
hat neun Leben wie eine Katz." 
Nahebei lag ein Maschseil. Das nahm er kurz ent 
schlossen, schlang's dem Glmotz um den Lfals, schleppte 
ihn in die Mohnstube und hängte ihn am Mehlkrappen 
auf. Darauf schraubte er die blakende Lampe niedriger 
und ging. 
Auf der Straße sog er die frische Luft begierig durch 
die Nüstern. Ls war ihm, als fei ihm ein Mühlstein 
vom kferzen gefallen. Der Glemotz, der schlechte Kerl, 
den er gehaßt, der seine Schwester mißhandelt und die 
ganze Familie verunehrt hatte, war rackemaustot. — 
Gott Lob! Gott Lob! 
Jeder Empfindung bar, daß er ein verbrechen be 
gangen, begab er sich wieder in feine Behausung, wo 
die Männer ein zweites Fäßchen angesteckt hatten und 
die Frauen sich an Kaffee und Kuchen labten. 
„Ich fein drüben gewest", sprach er mit fester Stimme 
zu feiner Schwester, deren Stirn die plätschmüllerin 
verbunden hatte, „he tut dir nix mehr, he hat sich am 
Mehlkrappen uffgehunken." °) 
Die Meibsleut schrien auf, von Entsetzen gepackt. 
Die Annegret gab keinen Laut von sich. Ihre Blicke 
aber bohrten sich in ihres Bruders Augen. In diesem 
Augenblick wußte sie's: er hatte den Glemotz kalt ge 
macht. — 
Am nächstfolgenden Tag wurde der Selbstmörder ohne 
Sang und Klang begraben. 
Kaum daß er eingescharrt war, stellte sich die Mine 
wieder ein. Mutter und Tochter nahmen sich mit Fleiß 
und Umsicht der verlotterten Mirtschaft an und dingten 
einen tüchtigen Knecht. 
Seit mehr denn zwanzig Jahren hatte im Dorf nie 
mand kfand in sich selbst gelegt. Kein Münder, daß die 
Erregung eine allgemeine war, daß der Tod des Gle 
motz für Mochen und Monate den Gesprächsstoff lie 
ferte. Die einen meinten, er habe sich im Säufer 
wahnsinn das Leben genommen, die andern rasauner- 
ten, es könne nicht mit rechten Dingen zugegangen sein, 
es müsse noch etwas dahinter stecken, was der Aufklä 
rung bedürfe. Im „Ritter", wo die Feinde des plätsch- 
müllers ihre Zusammenkünfte hatten, wurde geradezu 
ausgesprochen, der Napoleon habe seinen Schwager 
aufgehängt. Doch war man sich darüber klar, daß man 
diese schwere Beschuldigung nicht weitertragen dürfe, 
weil man nichts beweisen konnte. Dessenungeachtet 
ging das „Gebischper" von Mund zu Mund. Am Ende 
bekam auch der Napoleon Mind davon, wessen man 
ihn bezichtigte. Furchtlos stand er zwischen seinen 
Korn- und Meizensäcken und sprach: 
„Mann ich den schlechten Lsund erwisch, der d'as auf 
gebracht hat, schlag ich ihm alle Knochen kaputt!" 
Der „schlechte ksund" war nicht zu ermitteln, aber 
die Flüsterstimmen wollten nicht schweigen. — — — 
Und es geschah, daß der Napoleon im benachbarten 
Lschenbach Saatkartoffeln kaufte und seinem Sohn be 
fahl, sie heimzuschaffen. 
Der kfannfried war ein schöner Bursch, seiner Eltern 
Augenweide. Nur daß er gar zu leutselig war, be 
hagte seinem Vater nicht. Blies der Alte sich wie ein 
Truthahn auf und sah die mittelschlägigen und kleinen 
Bauern über die Achsel an, war der Junge die Schlicht 
heit selbst und bezeigte Ehre, wem Ehre gebührte. 
Der Lfannfried spannte den Schimmel an und fuhr 
nach Lschenbach. Dort belud er seinen Magen mit den 
Saatkartoffeln, und weil ihm bei der Arbeit warm ge 
worden war, ging er ins „Lamm", sich an einem Trunk 
zu erquicken. 
In der Mirtsstube faß der rote Boller, ein Messer 
held, der schon zweimal mit dem Gefängnis Bekannt 
schaft gemacht hatte. Der griente den Müllersohn an 
und fragte: 
„Mann hängt dann dein Vater wieder ein' uff?" 
Der tfannfried, sonst duldsam und verträglich, ver 
stand in dieser Sache keinen Spaß. Lr war von feines 
Vaters Unschuld fest überzeugt und hatte daheim schon 
mit größter Erbitterung von dem „infamen Gedrätsch" 
gehört. Nun, da ihm zum ersten Mal die schreckliche 
Beschuldigung so unverblümt entgegenklang, erfaßte 
ihn eine wilde Mut, daß er sich vor den roten Boller 
stellte und schrie: 
„Sag das noch emal, du gemeiner Lump!" 
„Gelle, du hast Stoppe") in den Ghren?" höhnte der 
Boller und wiederholte: „Mann hängt dann dein Vater 
wieder ein' uff?" 
5) Aufgehängt, 
s) Stopfen.
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.