Full text: Hessenland (41.1930)

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wird. So ein Abteil erster Klasse neuesten Stils 
mutet an wie das Boudoir einer Frau: Bequeme 
mausgraue Polstersessel, entzückende Vorhänge an 
den Fenstern, dezente Beleuchtungskörper, ein Ther 
mometer zur Regulierung der Wärme, versenkbare 
Armstützen — ein Patent der Firma, bind schaut 
mau in den Speisewagen des Königs von Ingo 
slavien, den unser Bild zeigt, so glaubt man doch 
Der Napoleon. 
In der Wirtschaft zum Ritter in Bettenhausen hat 
ten die Stammgäste eines Abends den Ludwig Wall 
bott, den glücklichen Besitzer der Plätschmühle, in der 
Pechel, wobei der Iockelsheinrich die Äußerung tat: 
„Was batt*) dann all das Geschneubel?') Den Nopp 
reißt ihr ihm doch net ab, dem Napoleon!" 
Die Ghren singen das Wort auf, die Mäuler trugen 
es weiter, und von Stund an hatte der Plätschmüller 
den Spitznamen „Napoleon". Mit einiger Berechtigung 
sofern hier zum Ausdruck gebracht werden sollte, daß 
er ein großspuriger, herrschsüchtiger Mensch sei, der 
Mittel und Nittel besaß, seinen Willen durchzusetzen. 
Dazu kam, daß der Mann sich ein Ansehen gab, als ob 
er die Gescheitheit mit Löffeln gegessen habe, und sich 
rühmte, noch von keinem hinters Licht geführt worden 
zu sein. Das war freilich bloß Dicktuerei. Sein 
eigener Schwager, der Glemotz, hatte ihn einmal 
gründlich beschuppt. Die Sache hatte sich folgender 
maßen zugetragen. Der Napoleon und der Glemotz 
spekulierten schon lange aus ein Grundstück, das 
zwischen ihren Posreiten lag. Dieser brauchte ein Stück 
davon, um einen bequemeren Zugang zu seinem Gar 
ten zu gewinnen, jener wollte aus der verbleibenden 
größeren Fläche eine Scheune erbauen. Endlich wurde 
der Platz seil und sollte öffentlich versteigert werden. 
„Schwager", sprach der Glemotz zum Napoleon, 
„wollen wir zwei uns treiben? I 's wär zum Lachen. 
Bleib du ruhig deheim. Ich steiget der: Blacken und 
geb dir hernach ab, was du brauchst." 
Der Napoleon, der bis dahin keinen Anlaß gehabt 
hatte, feinem Schwager zu mißtrauen, war's zufrieden. 
Der Glemotz ging zur Versteigerung und erhielt den 
Zuschlag aus sein Gebot. Als nun der Napoleon sei» 
Teil haben wollte, sagte der Glemotz: „Ich hab mir's 
überlegt, ich behalt's für mich." 
Da spuckte der Napoleon seinem Schwager ins Ge 
sicht und war ihm todfeind. — 
Der Glemotz hatte einen schönen Pos, aber der 
Schnapsteusel tat's ihm an, daß er oft betrunken nach 
Paus kam und sein Weib schlug. Peimlich schlich die 
Annegret zu ihrem Bruder und klagte ihm ihr Leid. 
Der Napoleon hielt aus Familie. Daß seine 
Schwester, für die er etwas übrig hatte, so schlecht an 
gekommen war, nagte wie ein Wurm an seinem Per 
zen. Er hätte ihr gern geholfen, er wußte nur 
nicht wie. 
Ist eine Eheschast unglücklich auf dem Land, denkt 
kein Mensch an Scheidung. Man schreckt vor den 
Aus dem Novellenband „Pestenlust", Deutsche Ver 
lags-Anstalt, Stuttgart. 
0 Nützt. 
2 ) Geschwätz. 
3) Bei der Versteigerung überbieten. 
eher an die Terasse eines alpinen Hotels als einen 
Wagen, die nunmehr bereits im Dienste der jngo 
slavischen Staatsbahn auf den Schienen rollt. 
Für ihre Arbeiterschaft hat die Firma Gebrüder 
Credü & Co. außer den gesetzlichen viele kleinere 
sanitären Einrichtungen, eine Betriebskrankenkasse 
und eine eigene Badeanstalt geschaffen. 
Novelle von Alfred Bock. 
Schwierigkeiten, zumal vor der Zersplitterung des Ver 
mögens zurück und läßt's lieber laufen, wie's läuft. 
So trug die Annegret ihr Nreuz und wurde alt und 
grau vor der Zeit. 
Ts war acht Tage vor Fastnacht. Der Napoleon 
batte zwei Schweine geschlachtet und verwandte und 
Bekannte abends zum Schmaus geladen. Zuerst gab's 
Wurstsuppe mit Brotscheiben, darauf Sauerkraut, 
Erbsenbrei und Nesselspeck. Bei diesem Gang erhob 
sich der Pausherr, ein Glas Branntwein in der Pand 
und sprach: 
„Daß sich die LrwesI mit dem Speck vertragen, 
wollen wir emal eins trinken." 
Zum Beschluß des Festmahls trug die Plätsch- 
müllerin Bratwurst mit getrockneten Zwetschen aus. 
während man wacker einhieb, erschienen vermummte 
Burschen und Mädchen und sangen: 
„Wir haben gehört, 
Ihr habt geschlacht 
Und Wurst gemacht, 
Schenkt uns eine 
Und keine kleine." 
Unter allgemeiner Peiterkeit wurde das „Bettelvolk" 
gespeist. 
Inmitten seiner Gäste saß der Napoleon breit und 
protzig. Was ging ihm auch ab? 3» seiner Mühle 
wurde der Molterkasten nicht leer, Tag und Nacht 
hörte man die Mahlgänge klappern. Am ersten jeden 
Monats fuhr er in die Stadt und brachte fein Geld auf 
die Bank. Ja, wer's Glück hatte, dem kalbten die 
Gchsen, und wenn er Brennesseln säte, gingen Dick 
wurz auf. 
„Greift zu, ihr Leut!" ries er gut gelaunt. „Wann 
man beim Essen saubere Arbeit schasst, gibt's schön 
Wetter, vom schlechten sein ich kein Freund." Seine 
Blicke glitten über die eifrigen Schmauser. Die Ver 
wandtschaft war vollzählig. Nur seine Schwester, die 
Annegret fehlte. Als Frau^des Glemotz war sie gar 
nicht eingeladen worden. Ihr war beschieden, den 
Nelch des Unglücks bis auf die Pefe zu leeren. Wie 
lang war's her? Acht, vierzehn Tage. Da war ihre 
Tochter, die Mine, auf und davon gegangen, weil sie's 
bei dem greulichen Vater nicht aushalten konnte. Es 
hieß, sie habe in der Stadt einen Dienst angenommen. 
Ja, der Glemotz, der Satansknochen! Wenn er an 
den dachte, lief ihm die Galle über. — 
Gegen zehn Uhr legte der Pannsried, des Napoleon 
einziger Sohn, ein Fäßchen Bier auf. 
Die Weiber rückten zusammen, um ungestörter mit 
einander tuscheln zu können, die Männer griffen zu den 
Narten. Nur der Stoffel aus der Gickelsgasst tat 
nicht mit. Die Narten, meinte er, seien dem Teufel 
4 ) Erbsen.
	        

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