Full text: Hessenland (41.1930)

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verlebte er wieder in der hessischen Heimat und 
zwar in Marburg an der Lahn, wo er über ein 
Menschenalter eine stavtbekannte und hochgeachtete 
Persönlichkeit war. Hessin war auch seine L e - 
bensgefährtin aus dem alten Geschlecht der 
Freiherren Rau von Holzhausen. 
Über die wissenschastliche Leistung des ungewöhn 
lichen Nrannes berichten Berufene, Ich möchte 
heute nur ein paar Einzelheiten zu dem Bilde des 
M e n s ch e n Carl Ochsenius beitragen. 
Hatte er wirklich schon sieben Jahrzehnte hinter 
sich, als ich ihn kennen lernte? Es wird mir heute 
noch schwer, es zu glauben. Der lange Übersee 
aufenthalt hatte seiner kernfesten Gesundheit nichts 
anzuhaben vermocht. Weißhaarig, aber unge 
brochen, klaräugig, frisch im Vollbesitze seiner Gei 
steskraft, das war „der alte Konsul", wie er in 
Marburg hieß; niemand würde ihn einen Greis 
genannt haben. So lebensvoll wirkte er beim 
ersten Anblick, und so habe ich ihn anderthalb 
Jahre im täglichen Umgang gekannt. Für seine 
innere Beweglichkeit führe ich nur einen kleinen, 
aber ungemein bezeichnenden Zug an. Nie habe 
ich einen Nrann seines Alters so ohne alle üm- 
stände verreisen sehen. Er brach auf und kehrte 
heim, als wenn es sich nur um Straßenbahnfahr 
ten handelte. Jahreszeit und Wetter spielten für 
ihn keine Rolle; auf seine Bequemlichkeit Rücksicht 
zu nehmen, fiel ihm nicht ein. 'Dabei waren es 
keineswegs Vergnügungsfahrten, die er unternahm, 
sondern Reisen, zu denen ihn seine Tätigkeit als 
angesehener Kalifachmann zwang. Doch glaube 
ich fast, daß er sie gar nicht als Zwang empfunden 
hat; so sehr liebte er es noch in vorgerückten Jah 
ren, Land und Leute unterwegs zu beobachten. Seine 
immer wache Aufmerksamkeit bescherte ihm an 
regende Eindrücke, wo andere gleichgültig vorüber 
eilten. Eile war nun allerdings das Einzige, was 
dem sonst so Rüstigen versagt war; im Gehen war 
er behindert, seit er durch einen Unfall auf der 
Eisenbahn den halben rechten Fuß verloren hatte. 
Er dachte aber nicht daran, sich deshalb allen ruhe 
störenden Ansprüchen zu entziehen; sich vorzeitig 
aufs Altenteil zu begeben, war seine Sache nicht. 
Daheim in Marburg freilich verließ er sein 
herrlich gelegenes Grundstück nur selten. Nicht 
nur, weil das steile Auf und Ab der Marburger 
Gassen ihm das Gehen besonders erschwerte; wohl 
mehr noch, weil er eigentlich alles, was er zu Arbeit 
und Freude brauchte, um sich herum hatte. Nicht 
weit unterhalb des Schlosses hatte er sich inmitten 
anderer Gärten einen eigenen großen Garten statt 
lich ausgebaut. Aus allen Fenstern seines Hauses 
sah man ins Grüne, ünd still war es da! Kein 
Wagen, der nicht unbedingt mußte, fuhr dort hin 
auf. Nur zuweilen klang ein Studentenlied von 
einem der Verbindnngshäuser sommerlich herüber. 
Oder das Tal war bis herauf von Geläut erfüllt: 
mit Glockenstimmen rief die Kirche der Heiligen 
Elisabeth. Abends ertönte wohl ein Waldhorn aus 
der Nachbarschaft. Sonst hatten nur die Vögel 
im Garten das Wort. Ja, es wohnte sich schön, 
an der Renthofstraße, schön und naturnah. Der 
alte Konsul kannte seden Strauch auf seinem 
Grund und Boden und übersah nicht leicht etwas, 
was da blühte. 
Auch was er zur Arbeit nötig hatte, war ihm 
in seinen vier Wänden zur Hand. Im Erdgeschoß 
hatte er sein Reich, NUneralienkabinett und Stu 
dierstube. Dort saß er bei uneuropäisch hoher Zim 
mertemperatur, umgeben von seinen „Papieralien", 
wie er nach dem Beispiel von „Mineralien" 
Schriften und Drucksachen, die sich um ihn häuf 
ten, scherzend zu nennen pflegte. Dort arbeitete er 
an seinem Schreibtisch, ünd wie er noch ar 
beitete! Ich habe ihn nie müde gesehen. Er war 
einer von denen, deren geistige Spannkraft nicht 
erlahmt. In erster Linie Naturwissenschaftler, 
doch darum nicht teilnahmslos gegenüber Er 
scheinungen, die außerhalb seines eigenen Studien 
gebietes lagen, stets aufnahmebereit, aber keiner 
Mode verfallen, sich immer sein unabhängiges Ur 
teil wahrend, durch und durch ein Eigener, so lebt 
er fort für die, die ihn näher gekannt haben.
	        

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