Full text: Hessenland (40.1928)

86 
ftere Stirne, ein ,unter dem Berge' hervor 
spähendes Auge, feste, schmale Lippen sind 
fast Allen eigenthümlich; dazu kommt die ro 
mantische Trägheit, worin sie wie in ihrem 
eigentlichen Elemente schwimmen, ihr ge 
brochenes Deutsch, welches bei Vielen so un 
verständlich wird, daß man sich des Englischen 
zur Auskunft besser bedient, und ihre bün 
digen Erzählungen, wie drüben an den 
Dünen ein Schiff vor ihren Augen unter 
gegangen sey, und sie nicht helfen konnten 
oder wollten, weil der Capitain den gefor 
derten Preis zu hoch fand." Auf diesem Mo 
tiv ist auch die genannte Novelle Dingelstedts 
„Das Mädchen von Helgoland" aufgebaut, 
zu dem wahrscheinlich Ludolf Wienbarg mit 
seiner Erzählung „Die Helgoländer" die An 
regung gab. 
So sah der Dichter die Männer lagern, 
„oben am Fallm, auf der Treppe, am 
Strande, die Pfeife, häufiger noch die Cigarre 
im Munde, den breiten Schifferhut mit her- 
abgeschlagener Krämpe tief in die kurz ver 
schnittenen Hare gedrückt, kleine, gedrungene 
Körper voll Kraft und Behendigkeit, deren 
schlotternden, langsam-bequemen Gange man 
den Seemann auf hundert Schritte weit an 
merkt. Die nicht Badende zur Sandinsel füh 
ren oder nicht zum Fischfang ausziehen, stem 
men die Hände geduldig auf die Brüstung des 
Fallms, in die Taschen der kurzen Matrosen 
jacke; Gewerbstätigkeit, Stillsitzen, Stuben 
hocken ist ihnen verhaßt, sie sehen gleichmütig 
zu, wie ihre Weiber mit beträchtlichen Lasten 
Trepp' auf, Trepp' ab keuchen, und schlendern 
indessen am Strande oder auf dem Oberlande 
umher, den Fremden nach, die Augen aber 
immer unstät über die Wellen schweifend." 
Dingestedt schildert, wie sein Tag auf Hel 
goland im allgemeinen verlief: „Spät am 
Morgen weckte die Sonne, die über das blaue, 
glänzende Meer in die Scheiben schien. Welche 
Stunden, wenn wir, eine holländische Thon 
pfeife anbrennend, im Fenster saßen, durch 
das ein frischer, angenehm-feuchter Wind 
fächelte, zu unsern Füßen das wimmelnde 
kleine Eiland, geteilt in Unterland und Hoch 
land, gegenüber die Dünen, auf denen schon 
früh Badende in Bewegung waren, und 
ringsum der sonnenklare Meeresspiegel, oder 
einmal ein Dichter, auf den Wellen flattern 
der Nebel, aus dem ihr Brausen in langen 
Takten herausquoll! Um 11 oder 12 Uhr 
pflegten wir zu baden, gegen vier Uhr Diner 
bei Mohr, bei Franz, bei Prüß, wohin eigene 
Laune oder fremder Wille uns bestimmte, 
nach Tische im Pavillon am Strande, wo man 
Dampfschiffe kommen sah oder eine Partie ar 
rangierte, am Abend ein Gang zum Leucht- 
thurme, um die Sonne sinken zu sehen, eine 
Fahrt um die Insel im Mondlicht, und dann 
die Soiroe im Kurhaus, sei es Ball oder bloße 
Konversation, öder auch noch eine Stunde an 
dem vortrefflich arrangierten Theetisch von 
Frau Mohr. Auf der ganzen Insel lebt man 
bis spät in die Nacht hinein, immer, wir 
mochten heimkehren, wann wir wollten, fan 
den wir noch spekulative Bootsmänner, die 
uns versuchten, das Meer leuchten oder den 
Mond aufsteigen zu sehen, und im Oberlande, 
bei dem Scheine des prächtigen Leuchtthurmes, 
lustwandeln auch wohl noch in so später 
Stunde Arm in Arm vergnügte Pärlein, die 
kichernd an uns vorüberschlichen. Heim ge 
langt, noch einen Blick auf die flimmernden 
Lichtlein am Strande. Die Kähne lagen ge 
fesselt auf den Wellen und wiegten sich, schier 
wie dunkle zerstreute Rosse auf der Weide an 
zusehen. Drüben auf den Dünen alles ver 
hüllt und stumm; wie ein Räthsel; groß und 
glühend tauchte aber der Mond dahinter auf. 
Die Lampe erlosch, dann schwamm in die halb 
verhüllten Fenster sein weicher Strahl, und in 
das langsame, eintönige, dumpfe Brausen am 
Strande mischten sich die gezogenen Klänge 
eines Helgoländer Schifferliedes, gesungen 
von spät zurückkehrenden Fischern oder von 
nächtlichen Müßiggängern am Fallm." 
Die Abendstunden brachte Dingelstedt auch 
mehrfach in dem kleinen Kurtheater der Insel 
zu. Obwohl er noch nicht Bühnen 
leiter war, brachte er doch schon seit lan 
gem dem Theater das stärkste Interesse ent 
gegen und hatte sich auch in Hannover und 
Kassel als Theaterkritiker betätigt. Freilich 
hatte, was er auf Helgoland sah, mit hoher 
Kunst nichts gemein. Wir hören: „das Theater 
war in einem niedrigen Häuschen an der 
Leuchtthurmstraße aufgeschlagen. Durch einen 
vielversprechenden Laubgang vor der Thüre, 
woran allzeitfertige Jugend Spalier gebildet 
hatte, gelangt man an die Kasse, dargestellt in 
der Person eines alten Helgoländers, der mit 
der einen Hand Euch für acht Schillinge ein 
schmutziges Billet in die Eurige schob, wäh 
rend die andere die nachdrängende und vor 
überschlüpfende Jugend nachdrücklichst zurück 
wies." Die Inneneinrichtung war denkbar 
primitiv, so wurde das Theater denn auch 
mehr von Einheimischen, als von den ver 
wöhnten Fremden besucht. Die Ankündigung
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.