Full text: Hessenland (40.1928)

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Baumeisters Hans Jakob von Ett 
lingen verknüpft, des Erbauers des Iun- 
ker-Hansenturms in Neustadt, der Burgen 
Herzberg, Friedewald und Schweinsberg. 
Den Fortschritten der Entwicklung des Ge 
schützwesens mußte Rechnung getragen wer 
den. So entstand in Marburg 1478, weiter 
hinausgerückt, das „Bollwerk im Graben" 
l^exenturm) mit vier Meter starken Mauern. 
Dadurch wurde der Südwestturm überflüssig 
und mit dem Westbau zu Wohnräumen der 
Landqräfin verwandt. Die Gebäude der Süd 
front wurden in die Höhe geführt. Ein ganz 
neues Schloß aber ließ das Bedürfnis nach 
größerer Bequemlichkeit und Geräumigkeit 
in dem „Neuen oder Wilhelmsbau" (Stock 
haus) entstehen (1493). Ihm mußte der Berg 
fried im Osten weichen, auch hatte der Bau 
des neuen Flügels die Anlage eines breiten 
Zugangsweges auf der Südseite des Schlosses 
zur Folge. Hans Jakob von Ettlingen versah 
seine Türme mit hohen, spitzen Helmen; so 
haben wir uns auch den Hexenturm ähnlich 
wie den Iunker-Hansenturm vorzustellen, der 
Wilhelmsbau trug 32 Fuß hohe Helme. 
Unter Landgraf Philipp wurde nur ein 
großes Bollwerk mit acht Meter starken Mau 
ern zum Schutz des Westeingangs errichtet, 
das aber bereits 1605 von Landgraf Moritz, 
zusammen mit dem großen Turm im Vorhof, 
entfernt wurde. 
Eine letzte Blütezeit als Residenz ver 
schaffte Marburg Landgraf Ludwig (1567 bis 
1604), dem nach dem Tode seines Vaters 
Oberhessen zugefallen war. Mit der Ausfüh 
rung umfassender baulicher Veränderungen 
wurde von ihm der auch als Mechaniker be 
kannte Ebert Baldwein betraut, der 
1567 als Architekt in seine Dienste trat. Von 
seiner künstlerischen Tätigkeit in der Stadt 
zeugen noch die Herrenmühle, die Kanzlei 
(Landgericht) und der Rathausanbau. Bald 
wein beseitigte im inneren Schloßhof alle 
Treppen, die er in das Innere des Gebäudes 
verlegte und alle Anbauten, z. B. den südöst 
lichen Eckturm des Saalbaues. Umgestaltet 
wurden die Wohngemächer des Südflügels, in 
dem ein Stockwerk neu eingezogen wurde. 
Von Baldwein rührt weiter her der Anbau 
an der Kapelle (1572) und der neue Marstall 
im Vorhof. Im großen Herrensaal entstanden 
damals die prachtvollen Türumrahmungen, 
ein Werk Nicolaus Hagenmüllers, sowie eine 
neue Kaminverkleidung. An Baldweins ge 
wiß tief eingreifenden Veränderungen rühmte 
der Vortragende, daß sie sich dem Vor 
handenen, in ganz anderem Geist Gebauten, 
in ihrer Wirkung vortrefflich angepaßt haben. 
Als eine ganz besonders wertvolle Quelle 
für die Ansicht des Vorhofes und der West 
front wurde ein von Valentin Wagner 163" 
gezeichnetes Bild gezeigt. Auf ihm fiel der 
giebelartige Aufbau am Frauenzimmerbau. 
die Ecktürmchen in der Gestalt aus Ett- 
linaers Zeit, vor allem die Zinnenbe- 
k r ö n u n g der Saalbautürme auf. 
In den folgenden Jahrzehnten wirkt sich 
der Festungscharakter des Schlosses immer 
mehr aus. Landgraf Moritz baute die Batte 
rie mit ihrer hohen Mauer nach Bückings 
Garten zu, der Lustgarten wurde in das Be 
festigungssystem einbezogen. Die Wohnge 
bäude aber werden nur notdürftig unter 
halten und verlieren allmählich ihren Zierrat 
und ihre charakteristische Bauform. Dem 
Frauenzimmerbau wurde der hohe Giebel 
und ein ganzes Stockwerk genommen, der 
Dachfirst also beträchtlich tiefer gelegt, das 
hohe Dach des Westtores war schon vorher ge 
schwunden, und die drei Ecktürme des Saal 
baues verloren ihre Zinnen. 
Sie wurden 1671 durch welsche Hauben 
ersetzt, die das Eindringen von Regen und 
Schnee wirksamer verhindern sollten. 
Hatte die Südfront unter der militärischen 
Verwendung des Schlosses weniger als die 
Westfront zu leiden gehabt, so sorgte die 
Einrichtung zum Gefänanis (1815) für eine 
öde Gleichmäßigkeit der Front, die die Dächer 
des West- und Südflügels auf eine Höhe 
brachte, die Fachwerke der Landgrafen 
wohnung verschwinden ließ und die Maß 
werkfenster der Hochgotik z. T. vermauerte. 
Die Umwandlung zum Staatsarchiv 1869 
mit der Forderung von Feuersicherheit und 
großen Räumen veränderte das Innere des 
Schlosses vollkommen, aber auch die alten 
Dachkonstruktionen wurden entfernt und 
durch eiserne ersetzt. Für das Aeußere ver 
suchte Karl Schäfer Wiederherstellung frübe- 
rer Zustände. In Anlehnung an die Ansichten 
von Dilich und Merian (um 1600) erhöhte er 
das Dach des Westbaues und brachte eine An 
zahl Erker mit spitzen Helmen an, die freilich 
in ihrer Häufung ungeschichtlich sind und da 
her heute wohl entfernt werden können. Die 
welschen Hauben von 1671 mußten spitzen 
Helmen weichen, einer Form, die niemals 
vorhanden gewesen ist und durchaus nicht zum
	        

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