Full text: Hessenland (40.1928)

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beim Holzfällen im Hag einen starken Wolf 
auf, der ihnen viel zu schaffen machte, bis sie 
ihn zur Strecke brachten. Dieser Wolf lebt 
noch heute im Namen und im redenden Wap 
pen der Stadt. An ihrem alten Rathaus prangt 
ein steinernes Wappenschild. Höchst lebensvoll 
sieht man darauf den Wolf durch die drei 
Bäume springen, die den Hag vorstellen. Wie 
aber die drei Stämme ein mangelhaftes Abbild 
des Hages sind, so ist auch der Wolf nicht gut 
konterfeit. Das wilde Tier im Namen und 
Wappen der Stadt, der beim Burgbau aufge 
scheuchte Wolf im Hag, ist wahrscheinlich ein 
Rittersmann gewesen und zwar einer aus dem 
uralten hessischen Adelsgeschlecht der Wölfe 
vom Gudenberg. — Die Ruinen der beiden 
Gudenburgen liegen über Oberelsungen, zwi 
schen Wolfhagen und seinem Nachbarstädtchen 
Zierenberg. Wie das niederhessische Gudens- 
berg war auch der Gudenberg im sächsischen 
Hessen in heidnischer Vorzeit ein Heiligtum des 
Hauptgottes Wuotan. Zu Wotans heiligen 
Tieren gehören die Wölfe. Das Wappentier 
der edeln Sippe, die an der alten Wotanstätte 
saß, war ursprünglich nur ein Wolf, und zum 
Unterschied von ihren Stammesvettern nann 
ten sie sich danach die Wölfe. 
Mit einer Jungmannschaft aus seinen Dör 
fern, d. h. mit den jüngeren, nicht erbberech 
tigten Bauernsöhnen, mag nun einstmals ein 
Herr von Wolf ausgezogen sein, um im 
Walde roden und ein sogenanntes Hagendorf 
anlegen zu lassen. Er blieb Erb- und Ge 
richtsherr in seinem Wolfhagen, hielt dort 
Thing und Gericht — vielleicht im Juli, zur 
Zeit des heutigen Viehmarktes — von seinem 
Hagestol(stuhl) sprach er Recht über seine 
Hagestolten oder seine — Echten! Das alte 
Wort Ehe, dessen Sinn heute viel enger ist, 
liegt als Stammwort dem Wörtchen „echt" zu 
Grunde. Jener gestrenge Ritter war mit dem 
neuen Dorf in einen Bund getreten, hatte so 
zusagen eine Ehe mit den Hagendörflern ge 
schlossen. Sie waren seine Ehaften oder Ech 
ten, die er beschützte, vor die er seinen Schild 
hielt, er war ihr echter, angestammter Herr, 
dessen Rechtsspruch sie sich unterwarfen, dem 
sie allein zinsten. — Was wußte der ferne 
Landgraf von Thüringen in der wirren Zeit, 
wo sein Geschlecht im Absterben lag, von dem 
armen Heckendörfchen Wolfhagen, nah an der 
Grenze seines Gebietes? 
Aber die Männer, die er zum Burgbau aus 
sandte, scheuchten den Wolf im Hag auf! 
Schwierigkeiten über die Besitzverhältnisse ent 
standen. Wohl konnte der Landgraf neben 
Wolfhagen seine Burg bauen, aber zäh 
hielten der Wolf und seine Echten an ihren 
Rechten fest. Da mag es zum ersten Male als 
Schlachtruf erklungen sein: Hie Echte von 
Wolfhagen! — Endlich aber ergab sich der 
Wolf, und der Landgraf belehnte ihn mit der 
Burg Wolfhagen! Aus dem Hagendorf aber 
machte er die Stadt, aus den Echten die Bürger 
von Wolfhagen. 
Die Wölfe vom Gudenberg errichteten sich 
ein festes Steinhaus in Wolfhagen. Sie saßen 
lange als erste im Rat der Stadt, waren Burge- 
meister und zugleich Burgmannen daselbst. Im 
Namen des Landgrafen hielten sie Thing für 
seine Hintersassen, die Landgräflichen, und 
richteten als echte Erbherrn weiter über ihre 
Echten vom alten Wolfhagen. War am Ge 
richtstag der ernste Spruch getan, so begann 
ein fröhliches Feiern. Da buken die Weiber 
der „Echten" als Festgebäck die runden Kuchen, 
die „Echten"! Den Landgräflichen kamen die 
nicht zu. Noch heut sondert sich der alteinge 
borene Wolfhager streng ab von den Zugezoge 
nen. Es dauert einige Generationen, bis eine 
Familie zu den einheimischen zählt. Man kann 
im Städtchen geboren und doch kein „Echter 
von Wolfhagen" sein. 
Aber trotzdem hat der Landgraf treue Bür 
ger dort gehabt. Tapfer wußten sie seine 
Stadt zu verteidigen, und im Grenzkrieg, wenn 
sie von Türmen und Wällen schossen, oder aus 
den Toren brachen, war der Ruf „Hie Echte 
von Wolfhagen!" dem Feind kein willkomme 
ner. Ob der alte Ruf nun ganz verklungen, 
auch auf den hessischen Messen und Märkten 
als friedlicher Lockruf verschollen ist? 
So sind wir denn von einem aufs andere ge 
raten. Ob die Vermutungen richtig sind? 
War jenes beim Burgbau aufgescheuchte wilde 
Tier kein Werwolf, sondern ein edler Wolf 
vom Gudenberg? Stammt der Wolfhagener 
Wappenwolf über das Wappentier der adligen, 
noch blühenden Familie hin direkt von einem 
Wotanswolf ab? Und das Nationalbackwerk, 
— die Hauptsache bei unserer Gebäckstudie —, 
die Echten, sind sie wirklich der frohen Feier 
und dem Fest ihrer Wiederkehr — dem Ehe 
bund zwischen dem edlen Wolf und seinen Ech 
ten entsprossen? Ein Gelehrter muß beim 
siebenhundertjährigen Geburtstagsfest der 
Stadt Wolfhagen unsere Fragen beantworten. 
Ganz sang- und klanglos dürfen wir Hessen den 
Tag nicht vergehen lassen. Wie der alte Hers 
felder Ruf: „Broder Lolls!" darf auch der 
Wolfhagener nicht untergehen: 
„Hier Echte von Wolfhagen!"
	        

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