Full text: Hessenland (40.1928)

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1430 in dessen Glashütten. Hauptgebiete für 
die hessische Glasproduktion waren schon da 
mals Kaufunger- und Reinhardswald, wenn 
auch in den übrigen hessischen Wäldern, so be 
sonders im Knüll, stets Glashütten bestanden 
haben. Im 16. Jahrhundert wurde Hessen 
dann ein Mittelpunkt der Glasbereitung, mit 
dem nur noch Böhmen und Lothringen kon 
kurrieren konnten. 
Der Vorrang Hessens war bedingt durch 
seine günstige Lage und seinen Vorrat an 
Rohstoffen. Hessen, fast zur Hälfte mit Wald 
bedeckt, war reich an Holz; dazu kamen dann 
die schon 1503 nachweisbaren Großalmeröder 
Tongruben, die ja auch heute noch, nach dem 
Weltkrieg, mit ihren Gloshäfen fast die Glas 
hütten der ganzen Welt versorgen; ferner 
kamen hinzu der vorzügliche Quarzsand am 
Pfaffenberg, der feinkörnige weiße Sand des 
Hirschbergs und das Salz der Saline Sooden 
der Allendorf. Der Absatz selbst wurde durch 
die Nähe der schiffbaren Ströme und der Han 
delsplätze erheblich erleichtert. 
Nach der Beteiligung der Spessarter Gläs- 
ner am Bauernaufstand 1525 war der schon 
1406 erwähnte Spessartbund der Glasmacher 
erschüttert, und man verlegte die Zunftstätte 
nach Großalmerode, zumal Hessen den Spessart 
auch an Produktion längst überflügelt hatte. 
Die Grenzen dieses Gläsnerbundes umfaßten 
nun Spessart, Harz und das westliche Thürin 
gen; später waren selbst die schleswig-holstei 
nischen und dänischen Glashütten ideell in den 
Bund mit einbegriffen. Alljährlich am Pfingst 
montag war zu Großalmerode Gerichtstag, der 
alle in den riesigen Gebieten verstreuten Glas 
macher, Hüttenmeister wie Knechte, vereinigte. 
Im Jahre 1557 waren 200 Gläsner auf diesem 
Bundestag versammelt. Aber gerade diese 
Interterritorialität des Bundes verursachte 
auch seinen Verfall, da die anderen Länder in 
der Befugnis des Obervogtes, des Landgrafen 
Philipp, fremden Untertanen Bußen aufzu 
erlegen, einen Eingriff in ihre Hoheitsrechte 
sahen. Als man vollends anfing, auch ander 
wärts in Deutschland guten Glashäfenton zu 
finden, bröckelten die einzelnen Länder nach 
und nach vom Bunde ab. Der letzte Zunft 
brief datiert von 1629 und gesteht bereits das 
Ende des allgemeinen Gläsnerbundes ein; 
übrig blieb nur noch eine niederbestische, auf 
sechs Hütten beschränkte Innung. 
Es liegt auf der Hand, daß die hessischen 
Landgrafen mit ihren ungeheuren Waldbestän 
den einen großen finanziellen Gewinn aus den 
Glashütten zogen, bis dann die nicht voraus 
gesehene, durch die Glashütten verursachte 
Waldverwüstung die Forstbehörden zur Ab 
schaffung der Hütten zwang. Denn die bei 
direkter Holzfeuerung notwendige Schmelz 
temperatur von 1000—1200 Grad erforderte 
gewaltige Holzmengen. Auch zum Aschebren 
nen wurden nur gute Stämme verbraucht, ehe 
man später zu der auch schlechtes Holz vertra 
genden Pottasche überging. Der jährliche 
Holzverbrauch einer einzigen Hütte belief sich 
auf 600—800 Klafter. Dabei wurde beim Fäl 
len der Stämme ein beispielloser Raubbau ge 
trieben und das Gebot der Wiederbepflanzung 
der abgeholzten Bezirke kaum beachtet. Dazu 
kam noch — bei mangelhafter Forstkultur — 
der große Holzverbrauch durch die Eisenhütten 
und Hämmer. Nachdem zu Ende des 16. Jahr 
hunderts die Glashütten des Kaufunger Wal 
des für abgeschafft erklärt waren, verlegte sich 
der Schwerpunkt der hessischen Glasproduktion 
in den Reinhardswald. 
Aus dem eigentlichen Rahmen der Wald 
glashütten traten im 16. Jahrhundert zwei 
Unternehmungen des kunstsinnigen Land 
grafen Wilhelm IV. heraus. Zunächst richtete 
er auf Veranlassung des Pfarrers Johannes 
Rhenanus, der selbst auf dem Meißner seine 
Versuche anstellte, in Kassel und auf dem Ha 
bichtswald Glashütten ein, die angesichts des 
zunehmenden Holzmangels und des Vorhan 
denseins zahlreicher Braunkohlenlager statt des 
Holzbrandes im Glasofen die Braunkohlen 
feuerung verwandten, was gleichzeitig zur 
ersten Herstellung von Koks führte. Um so 
dann seinen Bedarf an venetianischen Gläsern 
aus eigener Hütte zu decken, legte der Land 
graf 1583 in der einstigen Kasseler Niederlas 
sung der Kogelherren im Weißen Hof eine 
Christallinglashütte an, wozu er italienische 
Glasmacher anwarb. Neben venetianischen 
Gläsern erfolgte Massenfabrikation der billi 
gen volkstümlichen Gläser. Aber man ar 
beitete mit Unterbilanz. Und auch als die 
Hütte schließlich an eine Gesellschaft Wolfhager 
Bürger verpachtet war, waren trotz hoher Qua 
lität der noch heute im Landesmuseum zahl 
reich erhaltenen Gläser die Absatzmöglichkeiten 
bei den hohen Herstellungskosten zu gering. 
Der Handel im Ausland war übrigens stets 
nur den Hüttenmeistern erlaubt gewesen, der 
unproduktive Zwischenhandel also ausgeschlos 
sen. Auf der Hütte selbst schlossen die Kauf 
leute des In- und Auslandes ihre Lieferungs 
verträge ab, worauf die bestellten Waren durch 
Fuhrleute abgeholt wurden. Ab und zu holte 
auch ein hausierender Glasträger seine Ware
	        

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