Full text: Hessenland (40.1928)

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Zeit noch an manchen Orten die Leiche des 
Selbstmörders über die Hecke oder über die 
Mauer zum Friedhof gebracht, damit sie den 
Rückweg zum Umherwandern („waaneln", wie 
es im Kurfürstlichen Oberhessen heißt) nicht 
finden könne. Und wenn in Rheinhessen ein 
Haus, in dem ein Mord vorfiel, beim Verkauf 
fast wertlos ist, so erklärt sich auch das sicher 
aus dem Glauben, daß der Ermordete ruhelos 
gerade da umgehe, wo er vorzeitig und ge 
waltsam vom Liebt geschieden worden ist. 20 ) 
Der Wiedergängerglaube wirft seinen düsteren 
Schatten auch auf die Wöchnerin und auf das 
ganz jung, vielleicht schon als ungetaufter 
Säugling gestorbene Kind. Auch sie sind ja 
vom Schicksal um ein vielleicht langes und an 
Freude und Genuß reiches Leben schmählich 
betrogen worden und daher nach allgemeinem 
Volksglauben nur allzusehr geneigt, aus ihren 
Gräbern aufzustehen und sich in gefahrbrin 
gender Weise den Lebenden zuzugesellen. Auch 
innen gegenüber sind daher besondere Vor 
kehrungen am Platz. So darf eine Wöchnerin 
nicht inmitten des Friedhofs beerdigt werden, 
damit nicht etwa eine Frau ihr Grab über 
schreite, „das würde ihr Unglück bringen." 
Ueber ihr Grab breitet man ein Bettuch, das 
mit Steckhölzern befestigt wird, oder auch eine 
bzw. mehrere an den vier Ecken mit Steinen 
beschwerte Windeln ihres Kindes,^) dann kehrt 
sie nicht zurück. Gleiche Vorsicht wie die 
Wöchnerin heischen — es wurde schon bemerkt 
— die ganz jung oder gar als ungetaufte 
Säuglinge gestorbenen Kinder. Letztere wur 
den früher unter der Dachtraufe der Kirche 
beerdigt. Wenn mein Gewährsmann meint, 
damit habe man die ungetansten Kleinen unter 
den besonderen Schutz der Kirche stellen wollen, 
so vermag ich dem allerdings nicht beizupflich 
ten, möchte vielmehr darauf hinweisen, daß 
man ähnlich auch den Selbstmördern erst nach 
langem heftigen Widerstreben der Gemeinden 
nur den kümmerlich abseitigen Platz an der 
Kirchhofstnauer einräumte und, wie erwähnt, 
selbst die tote Wöchnerin nicht in der Mitte 
des Kirchhofs duldete. Ganz jung gestorbene 
Kinder werden von Mädchen, ungetaufte von 
der Hebamme während des Abendläutens zu 
Grab getragen. Der Trägerin wird zu dem 
Zweck ein „Kitzel" oder „Kringel" (in Großen- 
20 ) Nach einer mündlichen Mitteilung war dieser 
Glaube auch für die Großstadt vor wenigen Jahr 
zehnten noch eine Macht: „Aus der Zeil", der bekann 
testen und belebtesten Straße Frankfurts, mußte da 
nach ein nahe der Katharinenkirche gelegenes Haus 
Linden von schwarzer Farbe) auf den Haar 
schnatz gelegt. Unterwegs darf sie mit nie 
mand sprechen. Auf dem Friedhof nimmt ihr 
der Totengräber das Särglein ab. Den Kitzel 
wirft die Trägerin, ohne ihn anzurühren, rück 
lings ins Grab nach. Anrühren des Kitzels oder 
gar Zurückbehalten würde angeblich Ausfall 
des Haares zur Folge haben. In Waldeck im 
besonderen darf die Trägerin das Haar nicht 
flechten.^) Dem während des Wochenbettes 
gestorbenen, also noch ungetauften Säugling 
werden die Windeln aufs Grab gespreitet und 
durch Steckhölzer und durch an die Enden ge 
legte Steine befestigt (s. Anm.). Auch der un 
vermeidliche Zauberglaube stellt sich hier wie 
der ein. Wer z. B. verhindern will, daß ihm 
die Tauben wegfliegen, der nehme ein Brett 
von einer Bahre, auf der ein ungetanstes Kind 
zu Grab getragen wurde, und lege es unter 
das Flugloch des Taubenschlages. Die über 
das Brett ein- und ausgehenden Tauben 
müssen dann immer wiederkommen. Richt 
minder heftet sich der Aberglaube an die auf 
dem Grab liegende Windel des ungetanst ge 
storbenen Kindes, das sog. "Tränentüchlein". 
Es besitzt angeblich besondere Heilkraft. Wer 
sich daher über Nacht, um die Geisterstunde, 
einen Fetzen davon holt, hat daran ein treff 
liches Schutzmittel gegen Rotlauf, Schnupfen 
und andere Erkältungskrankheiten, - zugleich 
auch ein Heilmittel insbesondere gegen Zahn 
schmerzen und sonst als unheilbar geltende 
Krankheiten wie Geschwüre, Beinschäden usw. 
Wie überwältigend groß die Furcht gerade vor 
der toten Wöchnerin und ihrem Säugling, ge 
nauer der beiden zugeschriebenen Neigung 
zum Wiedergängertum gewesen ist, ersehen wir 
aus den um das Jahr 1000 gesammelten De 
kreten Bischof Burchards von Worms, denen 
zufolge man eine samt ihrem Kinde in den 
Wehen gestorbenen Frau fernhielt, indem man 
beide mit einem Pfahl im Grabe festheftete. 
Auch ein ungetanstes Kind wurde nach dem 
selben Burchard von Weibern mit einem Pfahl 
durchbohrt, damit es nicht aus dem Grabe auf 
stiege und Unheil anrichtete, und noch in neu 
erer Zeit sollen in Pommern Wöchnerinnen 
und ungetaufte Kinder in der angedeuteten 
grauenvollen Weise „unschädlich" gemacht 
worden sein. 
abgebrochen und neu ausgebaut werden, da es durch 
die gräuliche Ermordung seines Eigentümers, eines 
Klavierhändlers, unverkäuflich geworden war. 
2 *) Auch mündlich. 
22 ) Mündlich (Kurfürst!. Obevhöfsen, Kr. Marburg).
	        

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