Full text: Hessenland (40.1928)

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habe einen Griff nach ihm getan, seiner aber 
gefehlet. Und zu dem Bericht von den Wun 
derzeichen vor dem Ableben hessischer Fürsten 
fügt der Erzähler Kirchhof den Dreizeiler: 
Dies und sonst Größeres anders mehr 
Schickt Gott vor großen Dingen her, 
Sonst meint man, 's käm von ohngefähr. 
Zur Charakterisierung Landgraf Wilhelms 
aber sei zum Schluß noch eine treffliche Beur 
teilung angefügt, die er einmal einem ihm 
übersandten Buch zuteil werden ließ. Der 
Verfasser des Merkchens hatte darin seine Be 
obachtungen über die nach Norden hin immer 
kürzer werdenden Tage und längeren Nächte 
niedergelegt, sich aber jeder Erklärung ent 
halten. Vom Landgrafen befragt, woher 
denn solche Verkürzung des Tageslichtes 
komme, da es doch zur gleichen Zeit und 
Stunde in Rom viel länger Tag sei als in 
Stockholm, gab der Verfasser an, das sei, weil 
es Gott so haben wolle — eine Erklärung, über 
die Landgraf Wilhelm denn doch bedenklich den 
Kopf schüttelte. Die Zeiten, in denen solche 
Erklärungen befriedigen konnten, waren vor 
über; der Mensch begann zu ahnen, daß gar 
manches seine natürliche Aufklärung finden 
werde, vor dem man noch vor kurzem in from 
mem Schauder gestanden. Hier haben sich die 
gelehrten Bestrebungen zweier hessischer Für 
sten in ihrem Kreise und darüber hinaus för 
dernd ausgewirkt. 
Wintersehnsucht. 
Und immer stiller wird's um Rain und Ried, 
In leisem Schluchzen starb des Sturmes Lied. 
Tiefeinsamkeit ringsum. Ich geh' dahin, 
Von totem Glück durchsiebert Herz und Sinn. 
Die Zweige hängen blätterlos, zerfranzt. 
Dort hat voll Hohn der fahle Tod getanzt 
Bis nichts mehr blieb von aw der Sommerlust, 
Totwund das Land, totwund wie meine Brust. 
Nun komm, du weiße, weite Winternacht, 
Und lege deine kühlen Tücher sacht 
Auf alles, was da schlafen, träumen will, 
Und, wie die Heide, mich friedensstill. 
Sophie Nebel von Türkheim. 
Sieben Lichtleiy. 
Ich hab zum Heilgen Abend 
geputzt ein Tännlein grün, 
daß meinen sieben Söhnen 
auch sieben Lichter glühn. 
Ich habe einem jeden 
sein eignes Licht bestimmt 
und steu mich, daß von sieben 
solch heller Schein aufglimmt. 
Ich hab's für meine Sieben 
im großen Krieg getan 
und seh mit stillem Beten 
die sieben Lichter an. 
So ruhig brennen alle, 
so himmelan und licht. 
Nur eins, das flackert ruhlos, 
als schloß das Fenster nicht. 
Wie's hin und her sich windet 
und schwankt und zuckt und loht, 
da deucht mir's eine Seele 
in schwerer Todesnot. 
Es greift nach einem Aestlein. 
Da knistert Tannenduft 
und weht durch meine Stube 
wie Weihrauch um die Gruft. 
Mein Herz ist schwer und traurig 
um meines Jüngsten Licht. 
Dem armen Lichtlein helfen, 
vor Zittern kann ich's nicht. 
Ach, nun erlischt und stirbt es! 
ich weiß es ohne Frag': 
Eins von den sieben Herzen 
tat seinen letzten Schlag. 
(Aus: Heinrich Ruppel, Sohn der Erde. Gesammelte Gedichte. Heimatscholl en-Verlag. 1928.).
	        

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