Full text: Hessenland (40.1928)

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Der Anfall der Grafschaft Katzenelnbogen, 
die ihren Namen trug von einem Schlosse, das 
weiter im Inneren des Landes liegt, abseits 
vom Rhein, erfolgte durch den Sohn des Land 
grafen Ludwigs I., des Friedsamen, H e i n - 
rich II I., der Anna, die Erbtochter des 
letzten Grafen, Philipp des Aeltern, 
im Jahre 1458 heiratete. Philipps Vater, Jo 
hann III., hatte durch feine Heirat wieder die 
obere und die niedere Grafschaft vereinigt und 
auch die angeheiratete Grafschaft Diez 
damit in die Hand bekommen. Sein einziger 
Sohn aus der sehr unglücklichen Ehe war 
zu Brügge umgekommen. Es war Philipp der 
jüngere gewesen. Und als der alte Graf noch 
einmal das Eheglück versuchte mit einer nas- 
sauischen Gräfin, da unternahm ein Schloß 
kaplan einen Giftmordversuch gegen die junge 
Gräfin. Ihre Anverwandten bezichtigten den 
allgewaltigen Hofmeister des Landgrafen, 
Hans von Dörnberg, der Urheber 
schaft, aber die zu Köln geführte Verhandlung 
gegen den Kaplan erbrachte dafür nicht den 
geringsten Beweis. Noch vor der Hinrichtung 
des falschen Priesters gelang es dem Hans von 
Dörnberg zu Köln eine von Rat, Schöffen und 
Richtern bestätigte Erklärung zu erlangen, daß 
er nichts mit dieser Angelegenheit zu tun 
habe. Aber der Streit um Diez, wie 
um das ganze Erbe, auf das die naffauifchen 
Grafen immer erneut Ansprüche erhoben, en 
dete erst i. I. 1557 mit dem Verluste von Diez 
für Hessen, — eine Folge der Kapitulation 
von Halle, die auch nach der Befreiung des 
Landgrafen nicht wettgemacht ward. 
Sehr wesentlich für Hessen und die Erwei 
terung seiner politischen Wirksamkeit war die 
Erweiterung der Lehnsbeziehungen zu den 
rheinischen und fränkischen Territorialherren, 
die der Erwerb der Grafschaft Katzenelnbogen 
mit sich brachte. Es waren vornehmlich die 
vier rheinischen Kurfürsten von Köln, Mainz, 
Trier und der Pfalz sowie die Abtei Prüm, 
aber auch die Stifter Fulda und Würzburg, 
mit denen Katzenelnbogen lehnsrechtlich ver 
bunden war. 
Ehe wir nun einen Blick auf diese Auswir 
kungen werfen, möge nur noch ein kurzer Blick 
auf die inneren Verhältnisse des Landes ge 
stattet fein. Es ist das Beispiel typisch für 
eine ganze Reihe von öffentlich-rechtlichen Ver 
hältnissen und wie familiär man noch gegen 
Ende des 15. Jahrhunderts die steuerlichen 
Verpflichtungen der Untertanen auffaßte. Da 
ist nichts vom „finsteren", wohl aber viel vom 
fröhlichen Mittelalter! Die Nachricht stammt 
schon aus der Zeit, da Wilhelm III. seines 
Vaters Erbe am Rheine angetreten. Er wie 
sein Vater hatten noch die alte Sitte beibehal 
ten, wenn die Bauern kamen, um ihren Grund 
herren die Gefälle zu entrichten, daß sie dann 
reckt ausgiebig bewirtet wurden: „Speck und 
Erbsen, grün (d. h. frisches) Rindfleisch, mit 
Senf, Schweinefleisch in einer gelben Brühe, 
schönen Brots genug, vor- und nachher zweier 
lei Wein, was ihnen davon behagte, Alles zur 
Genüge, vor dem Abschied noch einen Trunk 
im Keller, war ihnen Not, auch Geleite aus 
und ein, ohne Gefäbrde." — Wie man sieht, 
war die damalige Art der Erledigung der 
Steuerpflichten keine allzu unangenehme! 
Sicher hat auch die Heirat von 1458 mit den 
sich damit verbindenden rheinischen Beziehun 
gen eingewirkt auf die Stellung, die des 
Landgrafen Heinrich jüngster Bruder Her 
mann im Stifte Kurköln gewann, wie schon 
der Vater, Ludwig I., in der Soester Fehde 
Einfluß in Westfalen gewann, zumal auch durch 
die dabei angeknüpften Lehnsverhältnisse zu 
Lippe und Rittberg sowie zum Stifte Korvey. 
Hatte bis dahin die Landgrafschaft Hessen sich 
in ihren Kernlanden behauptet, so ward jetzt 
ihr Gesicht nach Westen und Südwesten, dem 
Rheine als Zentrum der Reichsmacht, zuge 
kehrt. Das ward zweimal unterstrichen, als 
ein nachgeborener Sohn des hessischen Fürsten 
hauses zunächst noch als Administrator des 
Stiftes Köln den zähen Widerstand organi 
sierte, der sich um Neuß vornehmlich konzen 
trierte. Dort brach sich ja bekanntlich die Macht 
des Herzogs Karl von Burgund, 
nicht nur an der tapferen Bürgerschaft, son 
dern auch an dem Kern von hessischen Rittern 
und Kneckten, die Landgraf Heinrich III. sei 
nem Bruder zugesandt hatte. — Wenn 1927 
die Schweiz des Tages von Nancy gedachte, 
wie sie im Vorjahre die Feier der Schlacht von 
Murten beging, so hätte man sich dort auch 
des mehr als zehn Monate währenden Ringens 
entsinnen müssen, in dem Landgraf Hermann 
zu Neuß das burgundische Heer aufrieb, ehe 
der letzte Schlag für den Herzog Karl den 
Kühnen fiel, der ihn am 5. Januar 1477 vor 
Nancy Schlackt und Leben verlieren ließ. Vier 
zig Ritter und sechshundert Knechte waren aus 
dem Hefsenlande gen Neuß geeilt, um unter 
dem Administrator zu fechten, und wir dürfen 
vermuten, daß unter den Steinbüchsen, die in 
dem 12 Stunden währenden Zuge, der durch 
Frankenberg rollte, als Landgraf Heinrich III. 
seinem Bruder zu Hilfe kam und als die Spitze 
des Reicksbeeres zuerst Neuß die Befreiung
	        

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