Full text: Hessenland (40.1928)

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rote Maus heraus und auf den Sarg und 
schlüpft der Toten in den Mund. Das ging so 
flink, daß der Hannes noch nicht „Oh!" sagen 
konnte, und zugleich öffnete die Tote die 
Augen, setzte sich auf und sprach: 
„Ei, was macht ihr denn für Geschichten mit 
mir? Soll das ein Possen sein?" 
Und stieg aus dem Sarg. 
Der Hannes aber wie verrückt vor Freuden, 
fiel seiner Ilse um den Hals und lachte und 
heulte in einem Atem. Versprach auch der 
Mutter, die ihn verlegen beiseit nahm, gern, 
den sonderbaren Vorgang nicht weiter zu er 
zählen. 
Sprach sich aber doch herum, und die Ils- 
dorfer mieden von da an die Lauster-Mühle. 
Der Hannes aber hielt bald danach mit der 
Ilse Hochzeit. Dauerte nicht lang, so ließ er 
den Kopf hängen. War's mit seiner Lustigkeit 
vorbei. Merkte — wie so mancher etwas zu 
spät merkt! —, daß die Ilse, die ihm den Kopf 
verdreht, doch eine ganz verteufelt böse Hexe 
war, wie er keine schlimmer hätte finden 
können. 
Da die junge Frau im Dorf keine Magd 
bekommen konnte, nahm sie sich eine von aus 
wärts. Die war aber ein fpürnasig Ding und 
hatte es bald los, daß im Haus nicht alles in 
Ordnung war. Hörte auch genug Geschichten, 
die im Dorf von der Lauster-Ilse umgingen. 
Und die Burschen redeten ihr zu, sie solle in 
der Walbersnacht (Walpurgis) acht geben, ob 
die Müllerin nicht durch den Schornstein aus 
reite. Also versteckte sich die Magd in besagter 
Nacht in der Küche. Gegen Mitternacht kommt 
jemand leis die Stiege herab, tappt barfuß in 
der Küche herum und macht Feuer. Da sieht 
die Magd im Flammenschein, daß es die Mül 
lerin ist. Die Frau nimmt eine Pfanne, die 
sie unter schrecklichen Gebärden um sich 
schwingt und übers Feuer hält. Es kocht etwas 
darin auf, was übel und brenzlich riecht. Da 
mit salbt die Frau sich und ihren Besen, steigt 
rittlings auf und spricht halblaut: „Zum 
Schornstein hinaus über Hecken und Strauch!" 
Und hopp, hopp, muckt der Blasebalg auf 
wie ein mutig Roß und steigt in die Höhe und 
mit der Ilse zum Schornstein hinaus. 
Das ist lustig, dachte die Magd und ging 
ans Feuer. Da war noch ein Rest Salbe in 
der Pfanne. Mit der salbte sie sich und nahm 
den Blasebalg und salbte den auch. Stieg auf 
und sprach: 
„Zum Schornstein hinaus durch Hecken und 
Strauch!" 
Und hopp, hopp, muckt der Blasebalg auf 
wie ein mutig Roß und steigt in die Höhe und 
mit der Magd zum Schornstein hinaus. 
Jagte aber, weil sie den Spruch falsch gesagt 
hatte, nicht über, sondern durch Hecken und 
Strauch, also, daß' sie durch Gedörn und Ge 
strüpp bös zerrissen und zerkratzt wurde. So 
kam sie auf die Pfingstweide unter die Hexen 
buche. Da saßen eine Menge Hexen, junge und 
alte, und hatten rote und braune und schwarze 
und gefleckte Teufel zwischen sich, mit denen sie 
Wein tranken. Und die Magd erkannte einige 
Weiber aus Ilsdorf. Und da saß auch ihre 
Frau, die Lauster-Ilse und war die schlimmste 
von allen. Winkte ihr ganz unbefangen zu 
und wollte sich totlachen, daß sie den Spruch 
falsch gesagt hatte. Mitten unter der Linde 
aber saß ein großmächtiger Teufel. Der be 
nahm sich unreinlich, weshalb sie sich nicht zu 
ihm setzen wollte, obwohl er ihr mehrmals 
winkte. Plötzlich aber tat er zornig und schrie 
sie so an, zu ihm zu kommen, daß sie zitternd 
gehorchte. Als sie aber vor ihm stand, sprach 
er mit schrecklicher Stimme zu ihr: 
„Wir haben dich nicht geladen. Da du aber 
nun hier bist, mußt du auf unsere Sache schwö 
ren, sonst brechen wir dir das Genick!" 
Bei diesem Wort fuhren alle Hexen mit 
ihren Besen wider die Magd. Was sollte sie 
machen? Sie sagte: 
„Ich will schwören!" 
Da brachten sie einen rußigen Kessel, in dem 
viel unsauberes Zeug schwamm. Und der große 
Teufel sprach: „Run halte die Hand über die 
sen Kessel und ivrich nach, was ich dir vorsage. 
Aber gib acht, daß du nicht wieder verkehrt 
sprichst!" 
„So veracht ich meinen Gott 
Und glaube an diesen Pott!" 
Aber die Magd dachte: Run mag geschehen 
was will. Das schwöre ich nicht. Und sie 
hob die Hand über den Kessel und machte ihr 
dümmstes Gesicht, sprach aber fest: 
„So veracht ich diesen Pott, 
Und glaub an meinen Gott!" 
Da tat es einen Donnerschlag. Und war 
danach ein Kriechen und Heulen, als ob die 
Welt unterginge. Aber die tapfere Magd stieg 
wieder auf ihren Blasebalg und befahl: 
„In Gottes Namen bring mich heim!"
	        

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