Full text: Hessenland (40.1928)

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Begräbnis und Totenkult im hessischen Volksglauben. 
Von Heinrich Franz. 
Quellen: E. H. Meyer, Mythologie der Germanen. Hess. Blätter für Volkskunde; Mogk, Germanische 
Mythologie; Handbücher der Volkskunde; Wuttke, der deutsche Volksaberglaube der Gegenwart; 
Hess. Landes- und Volkskunde II; Curtze, Volksüberlieferung aus dem Fürstentum Waldeck; Kehrein, 
Volkssprache und Volkssitte in Nassau; Wolf, Beiträge zur deutschen Mythologie; Pfister, Sagen 
und Aberglauben aus Hessen und Nassau; Grimm, Deutsche Mythologie; Erwin Rohde, Psyche; 
Hessenland; Golther, Handbuch der germanischen Mythologie; Bindewald, Oberhess. Sagenbuch; 
Schönwerth, Oberpfälz, Sagen; Knapp, Sagen aus Hinterpommern; Grimm, Rechtealtertümer; Wein 
hold, Totenbestattung u. a. m. 
Es kann nicht die Aufgabe dieses Aufsatzes 
sein, feststellen zu wollen, was von den auf 
zuzeigenden Bräuchen und den sie bedingenden 
Glaubensanfchauungen zur Zeit, also im 
Jahre 1928, noch in Uebung und Geltung 
ist. Ilm einer solchen Aufgabe zu genügen, 
würde es eines neuen, verläßlichen, gleich 
mäßig aus möglichst vielen Orten des gesamten 
Hessischen Stammgebiets erflosfenen Materials 
bedürfen, eines Materials, über das zu ver 
fügen ich nicht in der glücklichen Lage bin. 
Mein Absehen kann mithin nur darauf hin 
auslaufen, unter Verwendung des gesamten 
schriftlich festgelegten Materials alter, neuer 
und neuester Zeit und unter tunlichster Her-an- 
holung auch der noch lebenden mündlichen 
Ueberlieferung ein möglichst allseitiges, nach 
künstlerischen Gesichtspunkten abgerundetes Bild 
des Gegenstandes zu entwerfen. 
I. 
Wie beim Tod, so werden beim Begräbnis 
und den anschließenden kultischen Handlungen 
die Einzelbräuche getragen und bestinunt von 
der einen uralten Grundanschauung, der 
Furcht vor dem Toten, genauer der Furcht, 
man möge ihm irgend eine Handhabe bieten, 
die Lebenden „nachzuziehen", oder ihn durch 
Tun oder Unterlassen reizen, als „Wieder 
gänger", d. h. als Gespenst zurückzukehren 
und die Lebenden zu schädigen, mindestens in 
gefahrdrohender Weise ihren Pfad zu kreuzen. 
Allerdings sind es gewisse Arten von Toten, 
wie Mörder, Selbstmörder, gewaltsam oder 
doch vorzeitig Umgekommene, Wöchnerinnen, 
ungetaufte Kinder u. a., die schon durch ihr 
besonderes Schicksal zum Wiedergängertum 
vorbestimmt sind. Indes nicht nur ihnen 
gegenüber, auch gegenüber denen, die ihr 
Leben gelebt hatten, um dann unter gewöhn 
lichen Umständen zu sterben und gebührend 
begraben zu werden, überwog ursprünglich 
die Furcht oder doch die Vorsicht die Pietät, 
die hingebende Verehrung, die erst später und 
auch dann vorzugsweise nur unter den höheren 
Ständen sich breitere Bahn gebrochen hat. Als 
Nachwirkung dieser uralten Furcht, daß die 
Seele des Verstorbenen jede ihr angetane 
Schmach rächen werde, wird es daher zu deuten 
sein, wenn selbst in wenig kirchlichen Gemein 
den auf die Gebräuche bei Tod und Begräb 
nis der größte Wert gelegt wird und jeder 
Verstoß gegen das Herkommen größte Emp 
findlichkeit weckt. Unter demselben Gesichts 
punkt steht es, wenn gefordert wird, daß Be 
gräbniskosten („was von dem Toten her 
kommt") bar bezahlt werden müssen. Einem 
Manne, der beim Bäcker Schulden hatte, wurde 
es deshalb arg verübelt, daß dazu auch Be 
gräbniskuchen gehörten. Man sah darin offen 
bar eine Kränkung des bezgl. Toten. Arme 
Leute legen sich daher schon lange zuvor eine 
Summe für ihr „Leichkar" (Sarg) zurück. Aus 
dem gleichen Grunde find Prozesse um ein 
Totes eine sehr ärgerliche Sache. Ein Dienst 
mädchen wollte daher beim Tode seines Kin 
des die schon so gut wie gewonnene Alimen 
tationsklage gegen dessen Vater zurückziehen 
und lieber alles selbst bezahlen unter der 
charakteristischen Begründung, „damit das 
Kind seine Ruhe habe". 
II. 
Daß die Menschen im Haus, soweit sie 
schlafen, nach eingetretenem Todesfall geweckt 
und in Kenntnis gesetzt werden müssen, wenn 
anders sie nicht auch dem ewigen Schlaf ver 
fallen sollen, ist früher berichtet worden, mag 
aber in diesem Zusammenhang noch ^einmal 
erwähnt sein. Aber auch den außerhalb des 
Hauses Wohnenden ist baldigst von dem be 
trüblichen Ereignis Nachricht zu geben. Es 
geschieht hie und da, entweder alsbald oder 
einige Zeit nach dem Todesfall durch „Zeichen 
läuten". Gleich nach der etwaigen Ankün 
digung durch Glockenläuten erfolgt die per 
sönliche Ansage, die vielfach mit gleichzeitiger 
Ladung zur Leichenfolge verbunden ist. Es
	        

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