Full text: Hessenland (40.1928)

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Haupttische führte der Halsdorfer Postmeister, 
Metzger mit Namen, gleichzeitig ein geschickter 
Advokat, der sich: „Herr Syndikus" titulieren 
ließ, ein dicker Mann mit rotem Gesicht und 
klugen braunen Augen, gar vornehm angetan 
in seinem kaffeefarbenen Ueberrock und mit 
zwei stählernen Uhrketten, die auf dem schlag 
flüssigen Bäuchlein baumelnd prangten. Er 
setzte der Versammlung, die trotz der frühen 
Nachmittagsstunde schon sehr erhitzt und stür 
misch sich anließ, den hochwichtigen Gegenstand 
auseinander, um den verhandelt wurde. Bor 
wenig Tagen war es nämlich von Kassel ge 
kommen, daß nach dem Regierungsbeschlusse 
vom 13. Mai 1809 die Gemeinde im König 
reich zur Staatsanstalt erklärt und ihr Ver 
mögen zum Staatsvermögen geschlagen werden 
sollte. Eine gefährliche Maßregel, welche, um 
in die ewige Ebbe der öffentlichen Kassen eine 
neue Flut zu bringen, gewaltsam eingriff in 
das, nach Sitte und Recht seit Jahrhunderten 
unangetastet und wandellos gebliebene Ge 
meindeleben. Der Syndikus hatte neben sich 
das abgegriffene, sehr zerlesene Blatt des Mo 
niteur, schlug mit der Linken drauf, daß die 
Gläser aufhüpften, und donnerte in das Ge 
murr der Stimmen hinein: 
„Da steht's ja! schwarz auf weiß, deutsch und 
französch, wie Jhr's habe wollt: Das Kom 
munalvermöge wird nit genomme, es wird 
bloß der Gemeind' als Staatsanstalt zuge- 
schriebe. Das Reglement vom 13. huju8 ist 
weiter nichts als die Fortsetzung des könig 
lichen Dekrets vom 11. März nnni eurrontis, 
das unsere Gemeindeverfassung reformiert 
hat." 
Ein alter Bauer aus Wohra schlug noch hef 
tiger auf den Tisch und schrie noch lautert) 
9 Wie bei jeb-er Mundart ist es auch bei der 
oberhessischen schwer, tneim nicht unmöglich, durch das 
Zeichen unserer 'Schriftsprache «den Laut genau aus 
zudrücken. ej klingt wie ein unklares ei, bas i nicht 
voll dabei; ch mit — wie !d'as ch in I ch ober Auch. 
Lange Selbstlauter fimb «durch - bezeichnet. Einzelne 
Irrtümer wird' ber 'geneigte Leser umso eher ent 
schuldigen, als ber Verfasser ben Dialekt «seiner Heimat 
seit einem Vierteljahrhundert verlernt hat und aus 
einem sehr spärlichen Schviftentum nachstubieren 
mußte. A n m. b. Vers. 
9 Das Donner Unheile! (Mehrzahl von Unheil). 
Herr Syndikus, Er schwätzt mir zu gelehrt, sag' ich. 
Cs liegt mir auch nichts «dran. Da haben wir eine 
lange Zeit herüber uiub« hinüber parliert, und endlich 
find wir gerad so klug wie im Ansang. Was «braucht 
„Des Donner Unhäler! Herr Syndefus, hej 
schwätzt mer zau gelährt, fahr ech. Es leit mer 
och naud dra. Do Hummer e lange Zaht eriw- 
wer un eniwwer barlährt, unn endlich sahn 
mer grod so kloug wej im Onfang. Wos 
brohgt mer sech denn ze schenire, fahr ech? 
Raus met der wille Katz, fahr ech. Sej hunn's 
drunne ahsgerachelt, fahr ech, daß sej naud 
mej hunn. unn do, fahr ech, kimmt de Reih 
an's Krimmenalvermäge."^) 
Seine Ansicht fand lärmende Zustimmung; 
ein kleiner Krämer aus Rauschenberg, be 
rühmt für seltene Spruch- und Bilderweis 
heit, bestätigte sie, indem er mit feiner Stimme 
über alle hinausfistelte: 
„De grüße Schissel is leerig worrn, nu steife 
sej de Schnoud in unser Dippge. Soll sej ä 
Gewitter verschmeiße!"^) 
Und ein brüllender Chorus fiel ein: „Mer 
geww' es net her! Bor wos Hummer de 
Schulze!?"') 
„Der Maire ist, leider, krank," — bemerkte 
fein Adjunkt. 
„Rix, Mähr, nix do, Herr Aschewenk! kän 
Mähr, kän Kontunksmähr, kän Aschewenk wolle 
mer hu; unsere Schulze wedder!"°) 
Durch die offenen Fenster scholl es jubelnd 
zurück: „Raus met de ladansche Brokke! Raus 
met de Pariser Hungerleeder! Raus met dem 
kläne Krotze, dem Ieronemus!"") 
Der Redner von Wohra kletterte inzwischen 
auf den Tisch und rief, halb hinaus zu den auf 
fahrenden Burschen, halb zurück in das volle 
Zimmer gewendet: 
„Aud ewer naud, fahr ech! En End foll's 
emohl hü met Räkelmanks unn Difchkreter. 
Dausend krammenengst, fahr ech, do kann naud 
man sich denn zu genieren, sag' ich? Heraus mit ber 
wilden Katze, sag' ich. Sie Habens «drunten (in Kas 
sel) ausgerechnet, sag' «ich, baß sie nichts mehr Haben, 
und «da, sag' ich, kommt «die Reihe an's Kommu- 
nalver mögen. 
3 ) Die große Schüssel ist leer geworden«, nun 
stecken sie «die Schnute (Schnauze) in unser Töpfchen. 
Soll sie ein« «Gewitter zerschlagen! 
9 Wir geben's nicht «her! Wofür Haben wir ben 
Schultheißen? 
5 ) Nichts Maire, nichts «da, H«err Abjoint! Kein 
Maire, kein Kantonsmaire; keinen Abjoint wollen wir 
haben; ^^1«^ «Schulzen wieder! 
6 ) Hinaus mit «den 'lateinischen Brocken«! «Hinaus mit 
ben Pariser Hungerleidern! Hinaus mit «dem kleinen 
Knirps, dem Hieronymus!
	        

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