Full text: Hessenland (40.1928)

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Wilhelmshöher Anlagen mit übernahm, an der 
Hand zahlreicher Pläne und Photos ein fes 
selndes und aufschlußreiches Referat über den 
Baubefund und die Zukunft der ganzen Anlage. 
Ausgehend von dem Umstand, daß der römische 
stuceatore weder das hessische Klima noch die 
sich ihm auf dem rauhen Kamm des Habichts 
waldes darbietenden Werkstoffe kannte, sah der 
Vortragende den verhängnisvollen Irrtum die 
ses Architekten darin, daß er die Technik seiner 
italienischen Heimat auf den nordischen Bau 
übertragen hatte. Der langsam abbindende 
Kalk und der minderwertige Bausand stellten 
niemals das von ihm erwartete homogene 
Gußmauerwerk dar. Guerniero selbst handelte 
in gutem Glauben; denn in Rom waren solche 
Paläste mit Gußmauerwerk von Dauer, weil 
das Gestein richtig gewühlt war und diesem 
auch der Frost nicht zusetzte. Bei den in un 
serem Klima vorhandenen Temperaturschwan 
kungen von 40 Grad mußte die abwechselnde 
Einwirkung von Frost und Sonnenhitze im 
Verein mit dem Regenwasser das Verhängnis 
bringen. Das Eindringen des Wassers in die 
Gewölbe unter der Plattform hat in der Haupt 
sache das Unheil hervorgerufen. Der Mörtel 
im Mauerwerk wurde so stark ausgelaugt, daß 
sich in manchen Hohlräumen Tropfsteinbil 
dungen (Stalaktiten) bis zu 20 Zentimeter 
Länge ansetzten. Durch Nässe und Frost erhielt 
das Gebäude immer mehr den Drang, sich nach 
allen Seiten auszudehnen, aber es war der da 
maligen Zeit nicht gegeben, durchgreifende 
Besserungen auszuführen. Messungen haben 
jetzt festgestellt, daß Ausweichungen aus dem 
Senkrechten von durchschnittlich 20 Zenti 
metern, vereinzelt bis zu 35 Zentimetern, 
stattfanden, also bei einem Zeitraum von zwei 
hundert Jahren wohl jährlich um einen Milli 
meter. Für seine Landschaft hatte Guer 
niero das richtige Gefühl, und es bleibt 
bedauerlich, daß ihm kein deutscher Architekt 
beratend zur Seite stand. Veranlassung zu 
den umfassenden jetzigen Reparaturen gaben 
mehrere Risse an der Nordwestseite. Man zog 
den bekannten Wiederhersteller des Mainzer 
Domes, Professor G. Rüth, Wiesbaden-Darm- 
stadt, zu einem Gutachten hinzu, der dem Wie 
derherstellungsplan eine statisch und technisch 
begründete Richtung wies und für eine gründ 
liche Durchbesserung des Riesenschlosses ein 
trat. Schon jetzt wird das von ihm empfohlene 
Verfahren an der Südseite (Treppenwange) an 
gewandt. Es besteht darin, daß Gesteinsbohrer 
etwa 1,20 bis 1,50 Meter tief in den Mauer- 
Eisenanker eingelassen werden. In die so ent 
standenen Bohrlöcher wird nun Zementmörtel 
eingespritzt; hierdurch werden die Hohlräume 
des Mauerwerks ausgefüllt und alle losen Ge 
steinsbrocken von dem hochwertigen Beton 
gleichsam umklammert. Dieses Verfahren hat 
sich nicht nur am Mainzer Dom, sondern auch 
an heimischen Bauten wie der Anstaltskirche 
in Breitenau sowie an der alten Brücke zu 
Melsungen und Witzenhausen aufs beste be 
währt. So wird es nicht nur möglich sein, 
dem Uebel gründlich zu steuern, sondern man 
wird auch daran gehen können, die unschönen 
Einbauten wieder zu beseitigen und einen Teil 
der früheren Durchblicke wieder frei zu legen. 
Falls es ferner gelingt, eine Dichtung der 
Terrassen- und Treppenflächen herzustellen, 
die allen Witterungseinflüssen trotzt, so wird 
das stolze Bauwerk eine Verjüngung erfahren, 
die ihm eine Dauer bis in die fernsten Zeiten 
sichert. Der Vortrag, der aus fachmännischem 
Munde die Gewähr gab, daß zu irgend 
welchen Befürchtungen für den 
Riesenbau keinerlei Grund vor 
liegt, zeitigte noch eine angeregte Aussprache, 
an der sich u. a. Bibliotheksdirektor vr. H o p f, 
vr. Hallo und Architekt Zahn beteiligten. 
Drei Kapitel aus Dingelstedts Roman „Sieben Jahre." 
Schluß. 
Gegenüber dem Posthofe zu Halsdorf liegt 
die Happelfche Schenke, die vornehmste und 
besuchteste im Ort, ein stattliches Haus mit 
hohem Erdgeschosse, zu dem von beiden Seiten 
eine schmale steinerne Treppe führt. Das 
Schenkzimmer, so groß es ist, genügte an dem 
letzten Maisonntage nicht für die Menge von 
Gästen; sie saßen noch dicht gedrängt in dem 
Hausehren, sie kauerten und hingen auf 
Stufen und Geländer der Treppe. Richt bloß 
die gesamte Einwohnerschaft von Halsdorf war 
beieinander; von nah und fern, kenntlich an 
dem Unterschiede der Tracht, hatten sich auch 
Besuche von andern Gemeinden Oberhessens 
eingefunden, aus dem Ebsdorfer Grund, von 
Treysa, Ziegenhain und Rauschenberg. Unter 
den weißen Bauernkitteln stach städtischer An 
zug hervor: das waren die Honoratioren, 
Maire, Adjoins, Förster, Schulmeister von 
Halsdorf und der Umgegend. Den Vorsitz am
	        

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