Full text: Hessenland (40.1928)

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ist, wie dabei der Landmann noch bestehen 
konnte. Bei solcher Ueberfülle des Schwarz 
wildes hatte die Jagd darauf auch weit mehr 
Gefahren, als das heute der Fall ist, und sel 
ten ging damals eine Jagd vorüber, in der 
nicht einige Menschen oder Pferde mehr oder 
minder verwundet wurden — der Hunde, die 
dabei verloren gingen, nicht zu gedenken. Am 
5. Dezember 1565, als Landgraf Philipp bei 
Schönstädt in Oberhessen jagte, geriet er durch 
die Kühnheit, mit der er eine Hauptsau an 
griff, in große Lebensgefahr, berichtete aber 
am folgenden Tag seinem Sohn Ludwig in 
Darmstadt ganz vergnüglich darüber: „Und 
wir sind abgesessen und neben Karlowitz (dem 
Jagdjunker), Jost Jäger und Hansen von Ro 
tenburg zu ihr gegangen, und wie die Sau un 
ser sichtig geworden, hat sie unser den nächsten 
begehrt, und ob wir sie wohl getroffen, hat sie 
uns doch angelaufen, daß wir auf dem Boden 
gelegen, desgleichen Karlowitz auch, und haben 
sie Jost Jäger und Hans von Rotenburg von 
uns gestochen; hat uns durch ein Stiefel ge 
hauen, aber nicht wund, und ist eine sehr 
lustige Jagd gewesen, und wäre es nicht so 
naß gewesen, wollten wir noch 20 Säue gefan 
gen haben." Die Zahl der jährlich erlegten 
Säue belief sich regelmäßig auf mehr als 1000, 
erreichte einmal, im Jahre 1561, sogar 1700, 
und nach einem Ueberschlag aus Wilhelms Zeit 
konnten in seinen Landen jährlich 1200 Säue 
erlegt werden, ohne daß die Wildfuhr dadurch 
Abbruch erlitt. 
Statistische Angaben über die Zahl des in 
Hessen vorhandenen Rotwildes finden sich erst 
seit dem 15. Jahrhundert und zeigen, daß 
diese Wildart verhältnismäßig nicht so zahl 
reich vorhanden war als das Schwarzwild. Weit 
reicher war der Thüringer Wald, wo auch 
die Hirsche stärker als in Hessen wurden. Doch 
war auch hier keineswegs Mangel an Rotwild. 
Als z. B. die Herzöge von Sachsen 1535 nach 
Kassel kamen, veranstaltete Landgraf Philipp 
neben anderen Festlichkeiten auch mehrere 
Hirschjagden, sowohl im Habichtswald als im 
Reinhardswald. Dabei wurden an einem der 
Jagdtage von 20 zugetriebenen Hirschen 9 er 
legt, darunter ein Achtzehnender. Für die 
Frauen war ein Schirm zum Zuschauen berei 
tet, in dem gespielt, gegessen, getrunken und 
allerlei Kurzweil getrieben wurde. Richt im 
mer freilich begnügten sich die Frauen da 
maliger Zeit mit dem Zuschauen, sondern gar 
manche Fürstin beteiligte sich leidenschaftlich 
an der Ausübung der Jagd; für Hessen ist das 
freilich nur für Margarethe von der Saale 
bezeugt, von der ihr Gatte Philipp im Jahre 
1561 berichtet, daß sie zwei Hirsche erlegt 
habe. 
Schluß folgt. 
Aus den Erinnerungen meiner Mutter (1846 bis 1849). 
(Schluß). Von Leonie v. Bodenhausen. 
(Aufzeichnungen der Frau Oberstleutnannt Jda Milsvn, deren erster Gatte Philipp Wachsmann mit Paul 
Manche Mitte der vierziger Jahre des vorigen Jahrhunderts eine der ersten Bahnstrecken in Kurhessen, 
die cüriedrich-Wilhelm-Äordbahn, baute). 
Herr Manche hatte für uns in Kassel eine 
Wohnung gemietet,und zwar in der vornehmen 
stillen Bellevuestraße (jetzt Nr. 9). Das Haus, 
das früher von dem Gesandten bewohnt wurde, 
entsprach natürlich allen Anforderungen. In 
der Mitte unseres Domizils lag der kleine 
Saal mit Balkon; rechts davon lagen Manches 
Zimmer, links die unsrigen. Rach rückwärts 
befanden sich in weiterer Flucht Schlafzimmer, 
Küche und die Büroräume; unten befanden sich 
die Stallungen. Bon meinen Fenstern aus 
erquickte mich täglich die entzückende Aussicht. 
Ein kunstvolles Eisengitter zog sich längs der 
Bellevuestraße hin und begrenzte damit zu 
gleich die tief unten liegende Au, Kassels welt 
berühmten Park. Nachdem wir uns wohnlich 
eingerichtet hatten, machten wir unsere An 
trittsbesuche bei den höheren Eisenbahnbeam 
ten, alles liebenswürdige, heitere Menschen. 
Die intimste Freundschaft wurde mit der Fa 
milie des Landsyndikus Dirks geschlossen, die 
eine prachtvolle Wohnung in dem palastähn 
lichen Ständehaus bewohnte. Die heitere 
Frau Dirks und auch ich wünschten uns ein 
mal einen Ball zu geben; der lebenslustige 
Herr Manche war sofort bereit, das nötige 
zur Erfüllung unseres Wunsches zu veran 
lassen. Nur fürchtete er, nicht genügend Tän 
zer und Tänzerinnen zu finden, doch Frau 
Dirks wußte Rat; sie, ein Kasseler Kind, 
überall beliebt, besaß eine Menge junger 
Freundinnen, sie schrieb deren Adressen auf, 
wie auch die der ihr bekannten jüngeren Offi 
ziere von der Garde du Korps. Da mein Gatte
	        

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