Full text: Hessenland (40.1928)

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als gottgewollte Einrichtungen erschienen, im 
Gegensatz zu den jüngeren, die überall Unge 
rechtigkeit und Einschränkung der Persönlich 
keit witterten; freilich trug er die Ueberzeu 
gung, selbst Persönlichkeit zu sein, als unbe 
wußtes Selbstgefühl in sich und war der An 
sicht, daß jeder auf seinem Platz etwas zu be 
deuten habe. So war es ihm vergönnt, feine 
Kraft unzersplittert an das Schöne geben zu 
können. 
Er hatte eine liebe, feine Frau und wohlge 
ratene Kinder, auch nannte er einen kleinen, 
gut verwalteten Wohlstand sein eigen. So 
wäre er eigentlich glücklich zu nennen gewesen, 
wenn nicht, ja, — wenn nicht sein Gehör sich 
langsam zu trüben begonnen hätte, lange be 
vor er der alte Rat Wiederhold war. 
Mein Gott, aber hatte er nicht seine gesun 
den Augen? 
Gewiß, — doch eben die Ohren waren für 
ihn der Einlaß des wahren Lebens, denn der 
Rat liebte aus frömmstem, tiefstem Herzen die 
Musik. 
Manchmal, von leichter Melancholie befallen, 
suchte er die beiden furchtbaren Gebrechen ein 
ander gegenüber zu stellen. Dann schloß er die 
Augen vor der Schönheit eines Bildes. Alles, 
was er an lebenden und toten Erscheinungen 
gesehen, schien in geheimer Kamera zu nisten, 
man nannte seinen Namen, es war da, etwa 
das Gesicht seiner Frau, oder ein besonders 
geliebter Platz in den Dünen der fernen Hei 
mat. Das stete Heben und Fallen des Meeres, 
das sanfte Neigen des starren Strandhafers 
waren greifbare Erlebnisse, so oft er sie be 
schwor, vor dem geschlossenen Auge zu er 
scheinen. 
Versuchte er sich aber einen Klang vorzu 
stellen aus seinem Johann Sebastian, oder ein 
warm gesungenes Duett seiner Mädels, so ver 
sagte die Vorstellung, und es blieb das leere 
Nichts. 
Hastig wies er dann wohl die böse Vorstel 
lung von sich, — Gott würde ihm das nicht 
antun. — 
In der kleinen, westlichen Grenzstadt trieb 
man gute, alte Traditionsmusik, ein Begnade 
ter, — Peter Faßbänder, leitete die Schar 
Männer und Frauen, machte seinen reinen 
Willen zu dem ihren und erreichte ungeahnte 
Erfolge. Zu denen, die nach des Tages Mühen 
und Lasten zu allen Proben kamen, gehörte 
Rat Wiederhold. Schwer errangen sie sich den 
herben Stoff, um so mehr war er dann ihr 
Eigentum. Und just in einer Aufführung der 
Matthäuspassion, gläubig an den heiligen Jo 
hann Sebastian und seine wunderbaren Chri 
stus- und Evangelistenworte hingegeben, ge 
schah es, daß ihn das Gehör ganz verließ. In 
strumente und Töne sanken in ein dunkles 
Grab, und das große Schweigen mauerte ihn 
unbarmherzig ein. 
Nun war er nicht etwa gleich verzweifelt, 
nein, er versuchte, sich mit seinem Geschick zu 
versöhnen, indem er einen tiefen, ausgleichen 
den Sinn in seine Härte legte. Löste man nicht 
die feinsten Wurzeln eines Baumes sanft aus 
dem Erdreich, wenn man ihn verpflanzen 
wollte? Lag es nicht im Sinn der Vernunft, 
daß man auch seine tiefsten Wurzeln beizeiten 
löste, um ihm den Abschied von der schönen 
Welt zu erleichtern? 
Eine große Dankbarkeit an das einst Ge 
hörte war in ihm. Kein einziges Konzert ver 
säumte er, verschlossenen Ohres saß er da und 
ehrte die großen Meister, indem er zu bitterem 
Gottesdienst zu ihnen trat. 
Am Ende blieb ja auch noch manche Mög 
lichkeit. So ging er allwöchentlich an seinen 
Stammtisch. Man hatte die reife Meinung 
des Rates dort geschätzt, seine besondere Art 
wobl erkannt. 
Aber immer schwerer wurde es, sich ihm zu 
verständigen, immer häufiger las er ihnen ein 
ungeduldiges Wort von den Lippen. Da wur 
den seine Augen voll Not. 
Eines Abends brachte er ein kleines be 
scheidenes Täfelchen mit an den Tisch, legte es 
sacht neben seine rechte Hand und einen zuge 
spitzten Stift darauf. Wie er nun die Span 
nung einer Diskussion um sich spürte, schob er 
die kleine Tafel ein wenig der Mitte zu, man 
konnte sie leicht übersehen, leicht den Blick ganz 
ungefähr vorbeilenken. Wessen Blick sie aber 
erfaßte, der erkannte die bittende Geberde der 
kleinen Tafel: „Nur ein Wort, damit ich nicht 
so ganz ausgeschlossen bin." 
Als nun die kleine Tafel leer blieb, ging der 
Rat Wiederhold still hinaus, wanderte stun 
denlang durch die einsame Nacht, und die 
Nacht seiner Seele war so dunkel, daß er sich 
verirrte. 
„Sind wir nicht eins um des anderen willen 
geboren?" dachte er, „ist der Sinn des Lebens 
nicht, daß wir einander helfen? And wenn 
nicht, warum habe ich dann gelebt?" 
So zweifelte er an allem, was er bisher ge 
glaubt. 
Es trieb ihn weit hinaus, aber überallhin 
nahm er sich selbst mit und seine Verzweiflung. 
In einem dumpfen Vorstadtlokal fand er sich 
endlich wieder. Hastig stürzte er Bier und
	        

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