Full text: Hessenland (40.1928)

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ob das goldene Edelfräulein mit silbernem 
Stimmchen singe. 
Aber das, was das Kinderherz am meisten 
entzückte, war auf der hohen Kommode zu 
sehen, die mit ihren vier mächtigen Schieb- 
sächern sich breitspurig an eine Zimmerwand 
hingestellt hatte. Aus dieser Kommode stand 
ein großer Glaskasten mit hoher Rück- und 
niedriger Vorderwand, den ein schrägliegen 
der Glasdeckel schloß. Um das Innere dieses 
Schaukastens überblicken zu können, mußte ich 
erst einen Stuhl erklettern, und dann fanden 
die Augen des Staunens und Bewunderns 
kein Ende. Das Glasgehäuse barg aber auch 
Dinge, die selbst das Herz eines Erwachsenen 
erfreuten. 
Da gab's Muscheln, wie aus Porzellan ge 
bildet, weiß mit braunen Tupfen und Strei 
fen, die Unterseite wie ein großer, scharf 
zahniger Mund anzusehen. Die hatten On 
kel und Tante von einer Reise nach Amster 
dam mitgebracht, wo „Onkel Schorsch", Mut- 
ters und Tantes Bruder, wohnte. Und das 
Seltsamste an den Muscheln war: wenn man 
sie ans Ohr legte, so hörte man deutlich in 
ihnen das Kochen und Rauschen der Nordsee, 
deren Kinder sie waren. Sie konnten die 
Stimme der Meermutter nicht vergessen, der 
das kleine Menschenkind mit geheimem Grau 
sen und Staunen lauschte. An der Rückwand 
des Schaukastens hingen ein paar Ostereier 
aus weißem Zucker an Oesen aus farbigem 
Seidenband, die durch einen schmalen Gold 
papierstreifen, der das Langrund des Eies 
umschloß, festgehalten wurden. Das Schönste 
an diesen Gaben eines Osterhasen alter Zeit 
war jedoch das Restchen aus gelbem Zucker mit 
bunten, winzigen Eierlein darin, das die Vor 
derseite jedes Eies schmückte. Und vor dem 
kleinen Rest saß ein Miniaturvogel, der mit 
ausgebreiteten Flügeln sein Heim beschützen 
wollte. O Wonne für Kinderauge und -herz! 
Dann alle die entzückenden Sächelchen, die 
der Wunderkasten außerdem noch enthielt! 
Heute weiß ich, daß es Kunstwerke waren, wie 
sie die Thüringer Glasbläser herstellen. Da 
mals aber erschienen sie mir wie Gebilde, die 
Feenhände aus dem Märchenlande in Tantes 
„gute Stube" getragen haben mußten. Da 
war ein Spinnrädchen aus hellem, durchsich 
tigem Glas, an dem keiner der Teile fehlte, die 
auch ein „ausgewachsenes" Rad aufweist. Das 
Rädchen selbst, das Trittbrett aus dünnen 
Glasstäben, und der „Knecht", der Rad und 
Trittbrett verbindet, waren beweglich. Am 
„Galgen", dem drehbaren Stab, der den 
Rocken mit dem Flachs trägt, baumelte das 
niedlichste Netztöpfchen, das man sich denken 
kann, aus Milchglas geformt. Einzelne Teile 
des zierlichen Spinnrads waren überdies far 
big bemalt. Als Gegenstück, gleichsam als 
Ergänzung dazu, stand neben dem Glasrädchen 
eine ebenso zierliche Weife (Haspel, Garn 
winde), deren Speichen sich gleichfalls drehen 
ließen. 
Bewundernswert war auch ein in natür 
licher bunter Färbung hergestellter Papagei, 
der sich in einem Bogen aus blauem Glase 
schaukelte. Er saß zwischen zwei Futternäpf 
chen auf weißer Glasstange, an die sein Fuß 
mit feinem Glaskettchen befestigt war. Dann 
stand da noch, grüngerändert, ein Blumen 
töpfchen aus Milchglas, aus dem eine Erd 
beerstaude emporgewachsen war. Ein paar 
schwellende, rote Früchte, zwischen grünen 
Blättern hervorleuchtend, waren so natur 
getreu dargestellt, daß man ihren würzigen 
Duft zu verspüren glaubte, und einige noch 
unreife Früchte neben zarten, weißen Blüten 
verhießen weitere Ernte. Und endlich kniete 
da noch unter einem mit Laubgrün umzogenen 
Bogengang ein betendes Engelein. Waren 
das nicht genug der Wunderdinge, die mein 
Kindesherz höher schlagen ließen, wenn ich in 
meine Paradiesstube eintreten und schauen 
und staunen durfte? 
Aber nicht nur der Tante, sondern auch dem 
Onkel galten häufig meine Besuche. Er war 
der zeitlich erste Postverwalter meines Hei 
matdorfes und hatte noch in Thurn und 
Taxis'schen Diensten gestanden. Sehr ur 
sprünglich waren damals noch die postalischen 
Einrichtungen daheim. Das Wohnzimmer war 
zugleich Dienstraum, der sich nur durch einen 
großen Schreibtisch, einen hohen Schrank, 
eine Waage und einige Büchergestelle als sol 
chen kennzeichnete. Die Platte des vor dem 
Sofa stehenden, mit Wachstuch bezogenen 
Tisches war über und über mit Siegellack 
klecksen bedeckt. Wurden doch auf ihm die 
Postbeutel verschnürt und versiegelt. Zu den 
Mahlzeiten verwandelte ein weißes Leinen 
tuch den Arbeitstisch in einen Eßtisch. In 
einer Zimmerecke war in der Wand ein Fenster- 
chen mit vier Scheiben, von denen sich eine 
öffnen ließ, angebracht. Durch dieses Fenster- 
chen, das auf die Treppe mündete, wurde der 
Schalterverkehr vermittelt. Unterhalb des 
Schalters befand sich in der Wand noch ein 
Schiebkasten, der an einem Knopfe nach innen 
und außen gezogen und im Dienstzimmer
	        

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