Full text: Hessenland (40.1928)

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Eimbeck über.Man hat für diese die alten guten 
Namen festgehalten; möge man auch das Beste 
ihrer technischen und geschäftlichen Ueberliefe 
rung nicht vergessen und, indem man sich der 
Reklame, die noch heute in dem Namen Eim 
beck liegt, weiter bedient, es zu einer neuen, 
dritten Blüte des Eimbecker Bieres bringen! 
Wer heute einen Ausflug nach Eimbeck un 
ternimmt, und die Baudenkmäler und Straßen 
bilder, die nächste und die weitere Umgebung 
lohnen einen solchen reichlich, möge, nachdem 
er sich an einem guten Tropfen gestärkt hat, 
auch die ehrwürdigen Häuser in näheren 
Augenschein nehmen, die noch heute mehr oder 
weniger deutlich die Erinnerung an das ruhm 
gekrönte alte Brauwesen festhalten; er kann 
gleich mit dem stattlichen Hause beginnen, in 
dem sich die „Altdeutsche Bierstube" befindet; 
er möge dann vorüber an der heutigen Rats 
apotheke am Marktplatz und dem Brauhaus an 
der Hullerserstraße (um 1550), vor allem das 
fast unverändert gebliebene schlichte Brau 
haus an der Münsterstraße aufsuchen und 
hier das Innere betreten, das, als Essig 
brauerei weiter benützt, in allem Wesentlichen 
noch den alten Zustand zeigt. 
Bei Onkel und Tante Postverwalter. 
Eine Kindheitserinnerung von Helene Brehm. 
Onkel und Tante Postverwalter hatten keine 
Kinder; ich war ihr Patchen. Da sie nun mit 
in unserem Hause wohnten, so hatte ich Ge 
legenheit, alle Vorteile zu genießen, die der 
Nichten- und Patenkindstand in günstigen 
Fällen im Gefolge hat. Gab's zum Beispiel 
bei Tante Postverwalter etwas besonders 
Gutes zu Mittag, so wurde ich zum Essen ein 
geladen. Einmal wurde Hackbraten aufge 
tragen, bei uns daheim „falscher Hase" ge 
nannt, der mir so gut mundete, daß ich nach 
dem Namen des Fleischgerichts fragte. „Das 
ist Dachsbraten," sagte mir Tante mit schalk 
haftem Lächeln. Am Nachmittag war ich zum 
Spielen im Nachbarhaus, und die Frau Dok 
tor fragte mich mit hausfraulicher Wißbegier, 
was wir denn heute zu Mittag gegessen hät 
ten. Da sagte ich, selbstbewußt aufprotzend: 
„Dachsbraten!" Machte da die Frau Doktor 
ein verdutztes Gesicht wegen der in unserm 
Hause herrschenden Schwelgerei und Genuß 
sucht! 
Oft war ich oben bei der guten Tante. Doch 
muß ich mich selbst in Schutz nehmen gegen 
den Verdacht, als ob die mir bei ihr zuteil 
werdenden Leckerbissen mich besonders zu 
meinen Besuchen bei Onkel und Tante ver 
anlaßt hätten. Nein, oben gab's auch Freuden 
ganz anderer, nicht kulinarischer Art, die mein 
Kinderherz lockten und anzogen. Das waren 
all die Herrlichkeiten, die es im Oberstock un 
seres Hauses zu sehen gab. In besonders gün 
stigen Fällen durfte ich nämlich, wenn ich die 
Füßchen auf der Strohmatte hübsch gesäubert 
hatte, mit in Tantes „gute Stube". 
Das große Zimmer war hell und freundlich 
durch die drei hohen Fenster, die die Sonne 
zur Einkehr luden, durch den weißen Anstrich 
von Tür- und Fensterrahmen, durch die hell 
farbige, buntgeblümte Tapete, die von Rein 
heit glänzenden gescheuerten Dielen, durch 
seine mattgelbe, polierte Kirschholzeinrich 
tung. Da hingen an den Wänden alte Stiche, 
in schmale Goldleisten gefaßt, oder in braunen 
Rahmen, deren Ecken schwarze Quadratchen 
aufgesetzt waren. Vor dem Sofa standen zwei 
zierliche Fußbänkchen, aus Stroh geflochten 
und mit dünner Holzleiste umgeben. Und in 
diesem Allerheiligsten der tantlichen Wohnung 
wurden allerlei Sehenswürdigkeiten verwahrt, 
die ich mir von Zeit zu Zeit wieder besehen 
und aufs neue bestaunen durfte. Da lag, um 
mit dem Geringsten zu beginnen, auf einem 
Tisch ein Kürbis, steinhart und über und über 
mit erbsengroßen Warzen bedeckt. Die einge 
schrumpelten Kerne drinnen schlugen mit hel 
lem Klinkern an die Wand ihres Gehäuses, 
wenn man das Ding schüttelte oder wie einen 
Ball auf den Boden warf, — aber was war 
dies seltsame Gebilde aus dem Naturreich 
gegen die Kunstprodukte, die das Zimmer ent 
hielt! 
Auf einem Eckbrett stand eine wunderherr 
liche Uhr unter einer Glasstülpe. An das Zif 
ferblatt mit seinen zierlichen Zeigern lehnte 
sich ein Rokokodämchen. Auf dem Boden aus 
gestreckt lag die Holde da im weiten, faltigen 
Bauschrock, den Kopf mit den feinen Zügen 
auf den schlanken Arm gestützt. Feines 
Spitzengewebe rieselte aus den halblangen 
Aermeln. Und das ganze wundervolle Kunst 
werk bestand aus lichter Goldbronze. Die 
glitzerte und gleißte, als ob das Gewand des 
Dämchens aus Seide gefertigt sei. Verkün 
dete aber die Uhr die Stunde, so war es, als
	        

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