Full text: Hessenland (40.1928)

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da ein vor einigen Monathen erlittener Beinbruch 
mir alle Hoffung raubt, auf die Wiederherstellung 
meiner Gesundheit Rechnung machen zu dürfen. 
Nur Me Höchstdenenselben angestammte landes 
väterliche Atilde, Huld und Gnade ist es, welche 
mich! aufrichtet, belebet und dem mich nagenden 
Kummer Grenzen setzet, ba ich mir bei meinem ge 
wiß traurigen Schicksal keine frohe Aussicht ver 
sprechen bars." 
Freilich mußte er schon nach einem halben 
Jahr um Wiederbewilligung dieses Postens 
einkommen, da ihn die Not zwang, den verhaß 
ten Unterricht wieder zu erteilen, da man ihm 
die so „durch seinen wunderlichen Eigendünkel 
freiwillig aufgegebenen vier Louisdor nicht 
aus dem Oekonomat wiederbewilligen wollte. 
Dutzende von Gesuchen beleuchten diesen ewi 
gen Krieg mit den jugendlichen Quälgeistern, 
darunter eine Beschwerde von 22 1 / 2 vollen Ak 
tenseiten gegen den Ltuäiosus Lentin. 
Auf Seiten seiner Richter glaubte er wenig 
Verständnis zu finden. In der angeführten 
Beschwerde „perhorresziert"^) er den Geheimen 
Hofrat Michaelis als seinen „aus Privat-Haß 
und Feindschaft handelnden Feind", und schon 
1787 hatte er ein Gesuch an den Landgrafen 
gerichtet, in dem er bat, sein „Feind" Michaelis 
solle in seiner Sache nicht votieren. So groß ist 
sein Mißtrauen gegen den Senat, daß er 1788 
sogar das Reskripts aus Kassel schwarz auf 
weiß zu sehen verlangt, als ihm die Universität 
Mitteilung von der Ablehnung eines seiner 
Gesuche durch den landgräflichen Geheimen 
Rat macht. 
Ueber seine Konflikte mit Bürgern und 
Professoren unterrichtet uns besonders ein ein 
gehender und mit Unterlagen versehener Be 
richt aus dem Jahre 1796. In dem Bericht der 
Marburger Polizei-Kommission heißt es: 
„Der bey hiesiger Universität angestellte Sprach 
meister Dach hat von jeher bald- mit diesem, bald 
mit jenem solche Händel angefangen, daß das Ein 
sehen der Commission nothwendig gewesen ist." 
Als Belege dafür dienen die Anlagen: „Ex- 
tract Polizeycommissionsprotocolli. Klagen 
gegen Sprachmeister Bach. 
A.) 1786: Streit mit dem Reg. Procurator Rie 
men n Schneider jun. 
1791: Streit mit dem Inden Hirsch Abraham 
und Juden Rabiner. 
1793: des Prof. Deauclair Kind auf der 
Straße geschlagen. 
r ’> lehnt als befangen, lab. 
°) Berfügung. 
1795: Streit gehabt mit d. Mahler Keßler 
und dem Perrükenmacher Kunz. 
L.) 1796: Kind von 11 Jahren auf dem Schuh- 
markt attaquiert, u. dasselbe im Ge 
sicht am Kinn angefaßt, gezogen, ge 
schimpft und außerdem mißhandelt. 
0,) 1796: Kind des BäckerMstr. Herrn. Runkel 
am Hirschberg ohne alle Ursache ange 
fallen und sehr geschlagen." 
Als vierte Anlage liegt diesem Polizeibericht 
das Schreiben Bachs an die Polizei-Kommis 
sion vom 17. August 1796 bei, das den Anlaß 
zur Weitergabe dieser Angelegenheit nach 
Kassel bildete. Bach schreibt: 
„Mir ist befohlen worden, zu erscheinen .... 
ich habe (jedoch) den Herrn Rath Hille bey hoch- 
sürstl. Regierung in alle meine angelegenheiten Per- 
horreszirt und ich mich benöthigt sehe den Herrn . 
Fiseal Oaortnor aus sehr bewegende Ursachen gleich 
falls zu Perhorrssziren, und zwahr mit dem beyfügen 
daß, so lange genannte beyde Herrn Sitz und Stimme 
bey F'ürstl. Pol. Eom. haben, ich allda nicht 'er= 
scheinen kann." Er protestiert ferner gegen Verhand 
lungen in seiner Abwesenheit und dringt auf eidliche 
Zeugenvernehmung. Ganz besonders wendet er sich 
gegen iòle Drohung, daß er auf der Hauptwache fest 
gesetzt werden sollte, 1. als persona lionoratior und 
2. ohne vorherige Untersuchung! 
Den Anlaß der letzten Klagen gegen Bach 
schildert der Polizeibericht so: 
„Vor einiger Zeit hat er albermalen wieder an 
gefangen, selbst kleine, jeder aktiven Beleidigung un 
fähige Kinder anzufallen, Sie auf der Straße zu 
schlagen und zu mishandeln, sogar dabei öffentlich zu 
erklären, er wolle mit der Commission nichts zu 
thun haben, sondern sich selbst Recht verschaffen. Die 
Ursache hiervon soll dem Vernehmen nach darinn 
bestehen, daß die Kinder, statt Bach, ihm zuweilen 
Detsch rufen, eben darum, weil er solches irrig als 
eine Beleidigung ansieht." — Darauf ist er ermahnt 
word>en, von dieser „Selbstrache abzustehen", „Bey 
Vermeidung als ein Ruhestörer auf Me Hauptwache 
gesetzt zu lwerden, und sich bey ber Gehörigen Obrig 
keit zu beschweren. Stattdessen reicht er beiliegendes 
Schreiben sub. D. ein, worin er droht, als recht 
schaffen bekannte und von jeder Partheylichkeit ent 
fernte Mitglieder yerhorresciren zu wollen." 
Daß Bach doch wohl nicht ganz Unrecht 
hatte, wenn er an der Objektivität der Mar 
burger Polizei zweifelte, zeigt der Bericht der 
Marburger Regierung an den Landgrafen, in 
dem manches von der Polizei sehr unklar und 
einseitig Dargestellte zu Bachs gunsten aufge 
klärt und berichtigt wird. Dieser Bericht ver 
dient als schönes Beispiel für behördliches 
Wohlwollen und menschliches Verständnis aus 
führlich wiedergegeben zu werden. 
„Unterthänigster Bericht der Regierung zu 
Marburg, wegen der vom Engl. Sprachmeister 
Bach alhier sich schuldig gemachten Polizei 
frevel.
	        

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