Full text: Hessenland (40.1928)

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militärischen Anlagen des Hinterlandes unter 
dem Titel „Straßenforschung" führte nun 
aber in zunehmendem Maße auch zur Auf 
deckung vorrömischer Anlagen, die anfangs den 
auf „Römisches" eingestellten Streckenkommis 
saren und Dirigenten einiges Kopfzerbrechen 
verursachten. Da war es nun sehr günstig, 
daß gleichzeitig und teilweise bereits vorher 
in Südwestdeutschland einzelne Forscher, wie 
Köhl in Worms, Schliz in Heilbronn, Forrer 
in Straßburg, Reinecke in München, in rasch 
zunehmender Menge im Lößgebiete Wohn- 
gruben und Gräber aus der frühesten Periode 
unserer Vorgeschichte, der jüngeren Steinzeit, 
aufdeckten und in ihnen die Beweise dafür 
fanden, daß die Bewohner bereits vor 4000 
Jahren von Ackerbau und Viehzucht gelebt 
hatten. Es folgten dann im letzten Jahrzehnt 
vor dem Ausbruch des Weltkrieges gleichartige 
Feststellungen für die ganze Wetterau und das 
untere Maingebiet sowie, teilweise dadurch an 
geregt, in Kurhessen und Südhannover wie 
in Thüringen und Sachsen. In allen diesen 
Landschaften waren sie begleitet von zahlrei 
chen Feststellungen über das Vorhandensein 
von Spuren der Anwesenheit verschiedener Be 
völkerungsgruppen, wie denn diese Jahre und 
wiederum das Jahrzehnt nach dem Ende des 
Weltkrieges so reich gewesen sind an Aufklä 
rungen über den Wechsel vorgeschichtlicher Kul 
turen in unserem Vaterlande wie kaum Jahr 
hunderte vorher. Die Ursachen dieser Erschei 
nung sind mannigfaltig: Der mit der Vermeh 
rung und Verbilligung der Verkehrsmittel 
wachsende Austausch von Beobachtungen zwi 
schen Ländern und Provinzen wie zwischen 
Land und Stadt derselben Gegend, die in der 
Umgebung der Städte durch die zahlreichen 
Neubauten und die Lehmgruben der dafür 
nötigen Ziegeleien, auf dem Lande durch tie 
feres Pflügen, vielfach vermittelst des Dampf 
pflugs, erleichterte Erforschung von früher 
überdeckten Bodenschichten, wie die in allen 
Ständen erwachte Wanderlust und Liebe zur 
Heimatforschung, sichern der letzteren vielfach 
werktätige Förderung durch Kreise, die ihr 
früher verständnislos, ja vielfach bewußt ab 
lehnend gegenüberstanden. Diese Forschung 
selbst aber betrachtet die in öffentlichen und 
Privatsammlungen niedergelegten Bodenfunde 
nicht mehr als ihre wichtigsten Objekte, sondern 
als Hilfsmittel zur Erkenntnis der vaterländi 
schen Kulturgeschichte auf ihren frühesten 
Stufen. Hat doch jüngst auch der norwegische 
Kulturhistoriker Brögger in bewußtem und 
formuliertem Gegensatz zu seinen nordischen 
Kollegen Sophus Müller und Montelius, den 
Gründern auch unserer prähistorischen Ehro- 
nologie und Typologie, Wesen und Ziele der 
norwegischen Vorgeschichte bezeichnet. Auch er 
ist zu diesem Standpunkt nicht vom typologi- 
schen Studium der in den Museen unterge 
brachten Antikaglien, was übrigens selbstver 
ständliche Voraussetzung ist, sondern von der 
Arbeit im Gelände aus gekommen. Daß es 
sich dabei in erster Linie nicht um die Ergeb 
nisse von Grabungen unter der Ackerkrume 
handelte, sondern um die seit Jahrhunderten 
auf den Felsplatten der westlichen Gebiras- 
ränder Norwegens lagernden Reste der Instru 
mente und Ergebnisse des Seefischfangs, er 
klärt sich aus der Verschiedenheit der Länder. 
(Vgl. A. W. Brögger, Kulturgesch. des nor 
wegischen Altertums, übersetzt von V. H. 
Günther, Oslo 1926). Heute haben hervor 
ragende Vertreter der alten und mittelalter 
lichen Kulturgeschichte wie der heimatlichen 
Altertumsforschung erkannt, daß nicht in der 
Geringschätzung der Nachbardisziplinen das 
Heil der eigenen Wissenschaft beruhe, sondern 
in der Kenntnisnahme und Verwertung ihrer 
sicheren Ergebnisse; und selbst klassische Phi 
lologen und Archäologen wie Germanisten 
haben auf dem Wege über die Interpretation 
von Tacitus Germania und die Ergebnisse der 
Reichs-Limesforschung den lange verschmähten 
Anschluß gefunden. Bezeichnender Weise sind 
es gerade hervorragende Vertreter die 
ser Disziplinen, die zum Teil unter ausdrück 
licher Anerkennung ihrer Bekehrung durch die 
nicht mehr zu verkennenden wissenschaftlichen 
Ergebnisse der vaterländischen Altertumsfor 
schung auf diesem Wege vorangegangen sind. 
Besonderen Dank aber schuldet andererseits 
die heimatliche Bodenforschung den Vertretern 
der Geographie und Geologie, die uns gelehrt 
haben, daß die Lößflächen unserer Heimat ihre 
gegenwärtige Beschaffenheit nicht einer aus 
gedehnten Abholzung in irgendeiner geschicht 
lichen Periode verdanken, sondern daß der Löß 
in allen vorgeschichtlichen Perioden seit der 
jüngeren Steinzeit waldfrei und nur höchstens 
von Steppenheide bedeckt gewesen sei. Damit 
war die Möglichkeit für die Entwicklung pri 
mitiven Ackerbaus gegeben, dessen Spuren wir 
in allen den zahlreichen Wohngruben finden, 
die, vereinzelt und in dörflichen Gruppen ver 
einigt, in der Wetterau und in gleichartigen 
Landschaften nördlich und südwestlich von ihr 
seit drei Jahrzehnten in früher nicht geahnter 
Dichte gefunden werden. Das Wohnen bei den 
von ihnen bebauten Aeckern setzte die stein
	        

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