Full text: Hessenland (40.1928)

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Von der Fuchsemnühle bei Aeustadt. 
In der Nähe der Otterbachquelle, südlich von 
Neustadt, in dem sogenannten Otterbachtale, 
einer landschaftlich schönen Gegend, von saf 
tigen Wiesen und herrlichen Buchenwäldern 
umgeben, liegt unmittelbar an der preußisch 
hessischen Grenze die Fuchsenmühle versteckt. 
Zu dieser Mühle gehört auch die angrenzende, 
auf hessischem Gebiet liegende sogenannte Rup- 
pertsmühle, die im 16. Jahrhundert von 
einem Bewohner des angrenzenden Dorfes 
Gleimenhain namens Friedrich angelegt ist. 
Beide Mühlen sind seit Anfang des 19. Jahr 
hunderts im Besitz der Familie Schultheis in 
Neustadt. Während die Ruppertsmühle schon 
seit vielen Jahren ihren Besitz eingestellt hat, 
klapperte die Fuchsenmühle bis zu dem im 
Jahre 1926 erfolgten Tode des Müllers Karl 
Schultheis mit einem Mehlgange. Da die 
vorhandene Wasserkraft für den Mahlbetrieb 
nicbt mehr ausreicht, Motorbetrieb aber un 
rentabel ist, so haben sich die Erben entschlossen, 
beide Mühlen der Stadt Neustadt zu verkaufen. 
Diese ist insofern an dem Besitz interessiert, als 
die Quellen der im Jahre 1904 erbauten städti 
schen Wasserleitung im Walddistrikt Rohrhecke 
unmittelbar an den Schultheis'schen Grund 
besitz angrenzen. Durch die Erwerbung des 
5V 2 Hektar großen Wiesenplanes ist es dritten 
Personen unmöglich gemacht, neue Quellen 
zu erschließen, die etwa zur Trockenlegung der 
städtischen Wasserleitung führen könnten. Der 
Erwerbspreis beträgt 15 000 RM. Die Stadt 
beabsichtigt, die beiden baufälligen Mühlen 
abzubrechen und für andere städtische Ge 
bäude (Försterhaus usw.) zu verwenden. 
Anfang des 18. Jahrhunderts war die „Rup 
pertsmühle" im Besitz von Jakob Weitzel, 
Adam's Sohn, in Gleimenhain, und die 
„Fuchsmühle" besaß der Müller Johannes 
Schlitt in Neustadt. Zwischen den beiden Nach 
barn soll es nach der mündlichen Ueberlie 
ferung der Bewohner Gleimenhains wegen des 
Mühlwassers häufig zum Streite gekommen 
sein. Der Müller Weitzel, dessen Mühle auf 
hessischem Gebiete der Gemarkung Gleimen 
hain etwas höher lag, hielt das ihm zu 
fließende Wasser des Otterbaches in seinem 
Teiche zurück, bis er überlief. Hierdurch fehlte 
es der tiefer gelegenen Mühle des Johannes 
Schlitt an der erforderlichen Wasserkraft. 
Hierüber kam es zu wörtlichen Auseinander 
setzungen, in deren Verlauf der Müller Schlitt 
Von Ioh. K e p p l e r , Neustadt. 
zur Schußwaffe griff und seinen Nachbar 
Weitzel tödlich verletzte. Ein verwitterter 
Grabstein an der Südseite der 1593 erbauten 
Pfarrkirche in Gleimenhain erinnert an dieses 
Ereignis mit folgender Inschrift: 
Hier ruht in Gott der ehrbare Jüngling 
Ioh. Jakob Weitzel, Adam Weitzels Sohn, 
geboren zu Kirtorf 1689, den 8. April. 
2. Januar 1720 bei der Mühle erschossen, 
war alt 30 Jahre 9 Monate, da er beerdigt ist 
worden. 
Auf der Rückseite des Grabsteines steht fol 
gende Inschrift: 
Leich: Text Sirach 5, 8, 9. 
Vergiß nicht, Dich zum- Herrn zu bekehren, und 
schieb es nicht von einem Tag auf den anderen, 
denn sein Zorn kommt plötzlich und wird sich' 
rächen und Dich- verderben. 
0 homo memento mori. 
Gedenke o Mensch, daß Du sterben mußt. 
Auf der Vorderseite des Grabsteins wird links 
der Erschossene in erhöhter Stellung, rechts 
der Müller Schlitt mit dem Gewehr, in der 
Richtung nach links zielend, dargestellt. 
Darunter befindet sich folgende Inschrift: 
Ach Bruder was Du getan, 
mein Blut klagt Dich im Himmel an. 
Ueber diesen Todesfall enthält das Totenbuch 
der Pfarrei Wahlen, zu der Gleimenhain ein- 
gepfarrt ist, folgende Eintragung: 
1720. Gleimenhain hat sich dieser oasus tra. 
ssieus gleich anfangs im neuen Jahre begeben, daß 
Johann Jakob Weitzel, Adam Weitzels Oder 
müllers Sohn, von Johannes Schlitt, ihrem 
Nachbar auch Müller, mit einer, mit Schrot ge- 
la-deuen Büchse, in den unteren Teil des Leibes 
ist geschossen -worden, den zweiten Tag Januar an 
-welchem -Schuß er am dritten Tag gestorben. 
Den 5. Tag bey Eröffnung des Körpers die Blaß 
ganz zerschossen und die Intestina kodiert be 
funden und den 7. Tag vor Dom. i. p. Ephinas 
bey einer volkreichen Versammlung mit gewöhn 
licher Cermonie zur -Erde bestattet worden, seines 
Alters 30 Jahre 9 Monate. 
Welche Strafe den rabiaten Schützen getrof 
fen hat, war nicht zu ermitteln. Da in dem 
Totenbuch der Pfarrei Neustadt kein Eintrag 
über das Ableben des Müllers Johannes 
Schlitt sich findet, ist anzunehmen, daß er sich 
durch die Flucht oder Auswanderung dem 
irdischen Richter entzogen hat.
	        

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