Full text: Hessenland (40.1928)

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rawane; drüben die Pyramiden, die alten 
Königsgesichter stolz und trotzig gezeichnet. — 
Warum ist er nicht selbst als König gekommen 
in seine bunte Welt — Jas Sinderkol mit den 
großen Künstleraugen statt so unbekannt 
sein Leben hier abrollen zu lassen? — 
Noch einen Raum hat der dort drüben. Da 
will er hineingehen, wenn ihm der schwarze 
Engel seine Stunde weist. Da hat er seine 
rauhe, treue Heimat festgehalten, Dänemarks 
einsame Seen, die stillen Hütten an den Forst 
aufstiegen, die sommerseligen Schwalben dro 
ben in der lichten, ungetrübten Himmelsherr 
lichkeit! Da will er sitzen in dem Schiffer 
boot, das mitten im Raum steht, und das er 
mit endloser Mühe nach dem Gedankenbild sei 
nes ersten Floßes gezimmert hat — und will 
weit weit hinausfahren im Traum — in die 
Heimat. 
Du siehst, mein Freund, es wird eine fried 
liche Nachbarschaft sein. — Nun sieh hinüber, 
wo die großen Nardushrosen über das kleine, 
weiße Haus brennen. Dort drüben lebt die 
erste Frau einsam für sich hin, die hier ohne 
Schutz und Halt einst Aufnahme für sich er 
flehte. Die Hilfe, die wir ihr damals gern 
boten, zahlt sie uns noch heute täglich zurück. 
Sie arbeitet wie ein Tagelöhner und weiß doch 
wieder so schwermütige Lieder nachts, daß man 
sich fühlt, als seien weiße Tempelsäulen rings 
erbaut und man müßte mit dem armen Men 
schenherzen selbst das große Erlösungsopfer 
bringen. Wir nennen die stille Frau einfach 
Halla, ihren russischen Namen vermochten wir 
nicht auszusprechen. Sie hat den melancho 
lischen Rhytmus ihrer heimatlichen Lieder noch 
im Gange beibehalten. Warum sie zu uns kam? 
Es hatte sie einer von ihrer Heimat mitge 
nommen, an dem sie hing, wie eine Perle in 
der Muschel haftet. Aber der Eine hat sich 
seines Schmuckes nicht würdig gezeigt, hat sie 
in Rio verlassen, und so fand sie in stolzer 
Verschlossenheit den Weg, den nicht alle 
kennen, nach Mitternachtshof. Es hat sie 
keiner gefragt, sie selbst hat sich uns anver 
traut, als die großen Regen uns eng zusam 
menschlossen. Und Du glaubst, Halla sei voll 
Haß gegen das Einst? Du irrst, mein Freund! 
Sie hat sein Bild mit den schönsten Nardush- 
rosen umkränzt. Sie lebt mit dem russischen 
Sprichwort: Nichterfüllung ist des Lebens ein 
ziger Adel! Sie geht lachend ihren starken 
Pfad der Arbeit und fühlt den neben sich, dem 
noch heute alle ihre Wege gehören. Du weißt 
nun, daß auf Mitternachtshof selbst der Tod 
ein frommer Freund ist. 
Dann will ich Dir noch Pitter Overists 
Blockbau zeigen. Drüben haust er mit seiner 
Maria. Sie sind das einzige Paar in unserer 
Estancia. Ein müder, erkenntnisreicher Hol 
länder, den einer schweren Verfehlung wegen 
die hohe Stufenleiter des Ruhms in den Ab 
grund stürzte, und der sich dann ohne große 
Aufregung eine Fahrkarte nach Rio nahm, um 
seine starke Kraft nicht untätig verrosten zu 
lassen. Seine junge Braut Maria, eine ver- 
wöbnte Ratriziertochter vom deutschen Nord 
strand, folgte ihm heimlich ohne Wissen der 
stolzen Eltern, angelockt von den Farben der 
bunten Freiheit dort unten. Sie hat's nicht 
bereut. Sie war zuerst wie ein junger Affe 
wißbegierig und neue Welt vermutend, jetzt 
leben sie beide wie echte Brasilianer und über 
bieten sich gegenseitig im menschengefälligen 
Wandel, haben es sich abgewöhnt, ihre Mit- 
menfchen zu kritisieren und leben wie die 
Kinder, ihre Ruhezeiten mit Spiel und Froh 
sinn füllend! 
Mein Freund, jetzt steigt der Mond auf 
drüben über Hallas Haus! Wir vom schweren, 
nordischen Heimatland können kaum soviel 
Glanz ertragen. Ich sage Dir aber nochmals: 
Du bist uns allen willkommen hier! Morgen 
wirst Du uns sagen, wo Du Dein Heim bauen 
willst, und wir werden Deine Gesellen sein; 
auch Jose Varnez, der einstige Fürstensohn 
aus Sevilla. Er kam mit einer Südexpedition 
hier vorüber und blieb in der Einsamkeit, da 
ihn alles draußen enttäuscht hatte, was ein 
Mensch als Glück und Gott anbetet. 
Nun kennst Du die Einsamen von Mitter 
nachtshof. Werde ein fester Baustein in unserer 
Mauer, die von der lärmenden Welt trennt! 
Schlafe ruhig in dem Glanz des nahen Mon 
des. . drüben singt Halla ein stilles Heimat 
lied. Möge sie Dir das Schlummerlied singen. 
Sie wacht weich wie eine Mutter über den 
Seelen unserer einsamen Welt.
	        

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