Full text: Hessenland (40.1928)

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Dienst durch das Leipziger Tor ... logierte im 
Gasth. am K. Pl." Eine spätere Schilderung 
aus der Erinnerung gab Goethe unter dem 
Jahre 1801 in den „Tag- und Iahresheften": 
. . Von da fGöttingen) begab ich mich nach 
Cassel, wo ich die Meinigen mit Professor 
Meyer antraf. Wir besahen unter Anleitung 
des wackeren Nahl fIoh. August 1752—1825. 
Geschichtsmaler. Professor an der „Académie 
de peinture et de sculpture", gegr. 18. X. 
1777 in Kassels, dessen Gegenwart uns an den 
früheren römischen Aufenthalt gedenken ließ, 
Wilhelmshöhe an dem Tage, wo die Spring- 
wasfer das mannigfaltige Park- und Garten 
lokal verherrlichten. Wir beachteten sorgfältig 
die köstlichen Gemälde der Bildergalerie und 
des Schlosses, durck)wandelten das Museum 
und besuchten das Theater." Aus Goethes 
Tagebuch können wir feststellen, daß sie am 
16. VIII. auf Wilhelmshöhe waren, am 16. 
morgens im Museum, wo Goethe Truchseß- 
Götz wiedertrifft: „Erfreulich war uns das Be 
gegnen eines alten teilnehmenden Freundes 
Major von Truchseß, der in früheren Jahren 
durch redliche Tüchtigkeit sich in die Reihe der 
Goetze von Berlichingen zu stellen verdient 
hatte." Abends sahen sie im Theater „Camilla" 
von Pär. Am 18. war Goethe mit Meyer in 
der Galerie, wie deren Besucherverzeichnis aus 
weist. Daß wir von dem Dichter keine ein 
gehenden Aeußerungen über die Kasseler Ga 
lerie haben, hängt wohl damit zusammen, daß 
Goethe für unsere Niederländer das rechte Ver 
ständnis fehlte, wie es auch sonst bezeugt ist, 
weil er durch seine italienischen Reisen allzu 
sehr dem Klassizismus nahegetreten war. Am 
19. August waren sie im landgräflichen Schloß, 
in dem „besonders der alte Rittersaal und der 
sogenannte goldene Saal merkwürdig sind." 
Am 21. reisten sie früh 4 Uhr von Kassel über 
Eisenach nach Gotha, wo sie am 24. VIII. ein 
trafen. — Später geplante Reisen nach Kassel 
(1809 und 1812) wurden nicht unternommen. 
(Schluß folgt.) 
Wolf Lins-Gedächtnisausstellung. Von Dr. Gustav etwa. 
Der siebzigjährige greise Künstler konnte 
noch die Glückwünsche der Freunde, Schüler 
und Verehrer in Empfang nehmen, noch ein 
mal den Abglanz des eigenen langjährigen un 
ermüdlichen Schaffens in einer Welt, die an 
ders geworden war, bei dem treuen Gedenken 
spüren, aber schon damals stand der unheim 
liche Sensenmann lauernd hinter ihm. Wenige 
Monate später hat er ihn dann wirklich zur 
Ewigkeit heimgeholt. Karl Bantzer, der ver 
stehende und mitstreitende Weggenosse und 
Vertraute der Willingshäuser Maler-Tafel- 
runde, hat ihm in diesen Blättern den warm 
herzigen Nachruf geschrieben, die liebenswür 
dige urwüchsige frische Persönlichkeit in ihren 
kleinen Zügen und in ihrer großen Gläubig 
keit an die Wunderkraft des bunten Lebens 
uns eindringlich beschworen und in ihrem 
schlichten Wesenskern gedeutet. Er sprach zu 
gleich die Hoffnung aus, daß nach Düsseldorf 
auch die Vaterstadt Kassel den Dahingeschiede 
nen im Kunsthaus durch eine Gedächtnisaus 
stellung ehren möge. Dieser Wunsch bat sich 
erfüllt und uns, wenn auch nur in einem be 
schränkten Ausschnitt von 42 meist Oelbildern 
(nur zwei waren Aquarelle) den feinsinnigen 
heimatverwurzelten naturfrohen Realisten in 
seiner klaren ungekünstelten und unkomplizier 
ten wirklichkeitsnahen kernhaften Eigenart, die 
durch mehr als fünf Jahrzehnte fast ohne jede 
Entwicklung geblieben ist, nach seinem bleiben 
den künstlerischen Wert erkennen lassen. 
Adolf Lins ist in seiner sorglosen, selbstge 
wissen Beständigkeit der gerade Gegenpol zu 
einem Manne wie etwa Christian Rohlfs, der 
noch um sieben Jahre älter ist und der doch alle 
Stilwandlungen und Strömungen leidenschaft 
lich mitmachte. Als Lins die Kasseler Kunst 
akademie bezog, berauschte man sich noch an 
Makartschem Prunk, an der klassizistischen Geste 
Böcklinscher und Feuerbachscher Phantasie, im 
ponierte die geisterfüllte Kraft Lenbachscher 
Gestalten, lenkten Leibl, Sperl und Thoma von 
der pathetischen Komposition zur elementaren 
Natur zurück, — und als Lins starb, schien die 
Stunde den intellektuellen Experimenten und 
Suggestionen der Kokoschka, Dix, Klee und 
Pechstein zu gehören. Dazwischen steht nun 
dieser Gänse- und Kindermaler, dieser hessische 
Landschafter, der bereits vom ersten Augenblick 
an merkwürdig fertig ist, mit seinen einfachen, 
im engen Kreis sich bewegenden Motiven, die 
nur in der Lichtbehandlung einen leichten 
Wechsel der Auffassung und nur in der Technik 
der Farbtönung einen leisen Wandel des male 
rischen Ausdrucks kaum merklich offenbaren. 
Gewiß ist nicht zu übersehen, daß Lins immer 
wieder zu den Gänsen und Enten zurückkehrte, 
daß sie ihm unentbehrlich sind auf der Dorf 
straße und auf der Weide, am Steg und am
	        

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