Full text: Hessenland (40.1928)

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Vieh ihren Anteil an der Besoldung des Vieh 
hirten zu entrichten, aber auch in Bezug auf 
die Reallasten bestanden wieder einzelne Pri 
vilegien. Mit den Ortschaften, in denen die 
Bergleute in größerer Anzahl wohnten, kam es 
über diese Abqabenfrage zu manchem Zwist. 
Zu Garnisondienst waren sie nicht heranzu 
ziehen, worauf sie hohen Wert gelegt zu haben 
scheinen. 
Unter dem Vorsitz des Berghauptmannes be 
standen Berggerichte, die mit einem Schösfen- 
meister und 11 Schöffen, „ehrlich geborenen, 
frommen, unbescholtenenMännern",besetzt und 
in allen persönlichen Klagen gegen Bergleute 
zuständig waren. Diese Zuständigkeit erstreckte 
sich auch auf die Ehefrauen der Bergleute. 
Bei Forderungen anderer gegen Bergleute 
mußten die Gläubiger beim Bergbeamten diese 
Forderung anmelden. Wurden sie als richtig 
befunden, so wurden für den Gläubiger Teile 
vom Wochenlohn einbehalten. Um möglichst 
den Betrieb der Werke nicht durch Vorladun 
gen zu stören, wurden den Gerichten alljähr 
lich namentliche Listen der Bergleute einge 
reicht. Ihrer Stellung als besonders aner 
kannter Stand entsprechend wurden die Berg 
leute feierlich in Pflicht genommen, worüber 
ein förmliches Verpflichtungsbuch angelegt 
wurde, in das die Namen der Verpflichteten, 
sowie die Zeit ihrer Verpflichtung und in 
wessen Gegenwart sie vorgenommen, einge 
tragen wurden. Schließlich bestand noch die 
Bestimmung der Hinterlegung von 1 Prozent 
der jährlichen Ausbeute durch die Werke zum 
Unterhalt alter und beschädigter Bergleute, die 
man wohl als den Anfang unserer jetzigen 
knappschaftlichen Versicherung betrachten kann. 
Wenn wir nun die Pflichten betrachten, so 
wurde als erste völlige Pünktlichkeit verlangt. 
Rach einem Patent vom Landgraf Wilhelm VI. 
vom 31. 5. 1652 lief die Frühschicht von 4 Uhr 
morgens bis 12 Uhr mittags, die Mittags 
schicht von 12 Uhr mittags bis 8 Uhr abends, 
war eine Nachtschicht notwendig, die also nur 
aushilfsweise zur Anwendung kam, so lief 
diese von 8 Uhr abends bis 4 Uhr früh. Jede 
Sticht umfaßte also 8 Stunden. Allgemein 
war es wobl üblich, daß vor Beginn der Arbeit 
ein gemeinsames ^>ebet verrichtet wurde, und 
nach diesem die Verlesung stattfand. Wer zu 
spät kam, oder zu früh die Arbeit verließ, dem 
wurde entsprechend der Lohn gekürzt zugunsten 
der Armenbüchse. Zum Teil wurde auch ge 
stattet, die Arbeit nachzuholen, damit Weib und 
Kinder nicht mitbestraft wurden. Streng un 
tersagt war das unberechtigte Fernbleiben von 
der Arbeit, zum Nachteil des Werkes. Dies 
zog den Verlust des Wochenlohnes nach sich. 
Ebenso durften die Bergleute nicht wegen be 
sonderer Vorfälle wie Hochzeiten usw. fern 
bleiben, sondern mußten die Arbeit zuvor ver 
richtet haben. Wenn einer eine Gedingearbeit 
angenommen, vor ihrer Fertigstellung ohne 
Einverständnis des Vorgesetzten abgekehrt war, 
so war der verdiente Lohn verwirkt, auch sollte 
er bei anderer Arbeit auf dem Werk nicht zuge 
lassen werden. Sonnabends scheint auf den 
meisten Werken nicht gearbeitet worden zu sein, 
wegen der an diesem Tage stattgefundenen Löh 
nung. Wenn bei dieser ein Arbeiter die Ar 
beit kündigte — in diesem Falle scheint keine 
Kündigungsfrist bestanden zu haben — so 
mußte er sofort nach richtiger Rücklieferung 
seines Bergzeuges „seinen Stab fortsetzen" und 
durfte durch sein Feiern und Müßigang andere 
im Anfahren nicht hindern oder abhalten. Man 
sieht, daß etwaige Versuche, Streik durch 
Postenstehen herbeizuführen, im Keime erstickt 
werden sollten. Zunächst scheint früher Man 
gel an tüchtigen Bergarbeitern geherrscht zu 
haben, da auch 12- und 14jährige Knaben zur 
Bergarbeit herangezogen wurden und zwar 
unter Gewährung von Vergünstigungen, da 
sonst die Eltern nicht leicht ihre Söhne zu der 
beschwerlichen Grubenarbeit schicken würden. 
Am Ende des 18. Jahrhunderts scheint dies 
anders geworden zu sein, denn im Jahre 1782 
wurde den Bergbeamten aufgetragen, dahin zu 
sehen, daß jedem Bergmann künftig nur ge 
stattet sein sollte, einen Sohn zur Bergarbeit 
anzulernen und zur Beihilfe im Alter zu ge 
brauchen. Die übrigen Söhne sollten zur Er 
lernung eines Handwerks oder zum Ackerbau 
erzogen werden. 
Die Entlohnung erfolgte in der Weise, daß 
der Gewinnlohn nach der Anzahl der geför 
derten Tonnen berechnet wurde. Es wurde also 
an vielen Stellen auch schon die noch jetzt üb 
liche Gedingearbeit geleistet. So bekam ein 
Förderer beim Wilhelms- und Führbacher 
Stollen am Ende des 18. Jahrhunderts für 
das Lachter 5^ Reichstaler (1 Lachter — 7 
Fuß), stellenweise auch mehr, wenn die Arbeit 
besonders beschwerlich war. Die Gedinge wur 
den jedesmal durch den Oberaufseher, den 
jetzigen Betriebsführer, und durch den Berg 
schreiber vor Ort gesetzt und abgenommen. Im 
Bransroder- und Friedrichs - Stollen wurde 
hingegen nach Schichtlohn gearbeitet. Ein 
Kohlenhäuer bekam hier für die Schicht 8 
^esien-Albus, der Hundeläufer, der jetzige 
Schlepper, der im Bransroder Stollen 7 mal
	        
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