Full text: Hessenland (40.1928)

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Rhenanus, der auf das Kohlenvorkommen am 
Meißner aufmerksam gemacht hatte, ein wil 
liges Ohr. Dem unermüdlichen Wirken die 
ses Pfarrers, der durch feine unerschütterliche 
Ueberzeugung von dem guten Ausgang seiner 
Pläne alle Zweifel und Schwierigkeiten über 
wand, ist es zuzuschreiben, daß der neue In 
dustriezweig ins Leben gerufen wurde. Die 
durch den Berghauptmann Hermann Schulzen 
vorgenommene Besichtigung verlief so günstig, 
daß der Landgraf dem Pfarrer Rhenanus so 
fort den Befehl gab, im Einvernehmen mit 
dem Richter und Hüttenschreiber Georg Beck 
die Arbeiten zu beginnen. Als Vorschuß wur 
den 40—50 Gulden bewilligt und dem Ober 
förster die Anweisung erteilt, das erforderliche 
Holz kostenfrei anzufahren. Das Streben nach 
Gewinnung von Kohle wurde beim Land 
grafen auch durch den Gesichtspunkt unter 
stützt, daß die Saline in Sooden zum Sieden 
des Salzes beträchtliche Holzmengen aus den 
umliegenden Wäldern verbrauche. Hierdurch 
bestand für den Bestand des Waldes die Ge 
fahr, die man durch die Verwendung der 
„Steinkohle" zu beseitigen hoffte. Man sieht, 
daß auch schon damals bei einigen Stellen die 
Erkenntnis vorhanden war, daß vom allgemein 
wirtschaftlichen Gesichtspunkt die Kohle gegen 
über dem Holz das zweckmäßigere Heizmittel 
ist, eine Erkenntnis, die besonders in den hessi 
schen ländlichen Gemeinden leider auch heute 
noch nicht Allgemeingut geworden ist. 
„Gleich als ob man im Meißner eine Wün 
schelrute gefunden hätte", sagt Landau, „fand 
man nun rasch hintereinander auch die meisten 
übrigen Lager unseres Landes." Auf dem 
Meißner selbst entstand der Friedrichs-, der 
Bransroder-, der Wilhelms- und der Führ 
bacher Stollen, 1579 begann man das Kohlen 
werk auf dem Habichtswald. Weitere Werke, 
die zum Teil wieder eingingen, wurden „aus 
gemacht" bei Zwehren, bei Elgershausen, bei 
Lenterode im Amte Homberg, bei Holzhausen 
am Reinhardswald, bei Roßbach in der Nähe 
von Witzenhausen, am Hirschberg bei Groß 
almerode. Der Wert der Kohlen für den Ge 
brauch in der Küche und zum Heizen, zum 
Kalk- und Ziegelbrennen, zum Schmieden, zum 
Salzsieden, in Glashütten und zum Erz 
schmelzen wurde durch fortgesetzte Versuche fest 
gestellt. Das Bestreben, sich der Kohle auch 
zum Zwecke der Glasbereitung zu bedienen, 
scheiterte dagegen anfangs völlig, obwohl der 
Landgraf auf das Gelingen einen Preis von 
200 Talern gesetzt hatte. Erst dem Baumeister 
Müller gelang es. die Wünsche des Landgrafen 
zu erfüllen, dadurch, daß er auf den Gedanken 
kam, die Kohle zu dörren. Das Dörren führte 
bald zum „Verkohlen", dies nannte man „Pur 
gieren", wodurch die Kohlen auf ein Fünftel 
ihres Gewichts gebracht wurden. So ist also 
nicht nur die Erfindung der Kohlentrocknung, 
sondern auch die des Kokses eine hessische. 
Wenn die Landgrafen auf die Hebung des 
Berg- und Hüttenwesens bedacht waren, so 
hatten sie dabei auch ihren eigenen Nutzen im 
Auge. Die vom Landgraf Philipp am 3. Juli 
1536 erlassene „Bergwerksfreiheit", die durch 
die vom Landgraf Moritz im Jahre 1616 ergan 
genen Verfügungen über „Bergfreiheit" und 
„Bergordnung" ihre Ergänzung fand, sah vor, 
daß dem Landesherrn bei dem Bau auf Kupfer 
der zehnte Zentner, bei dem Bau auf jedes 
andere Metall aber die zehnte Mark zustehen 
sollte. Mit diesem eigenen Vorteil war natür 
lich auch der des Landes verknüpft, für dessen 
Bewohner das Aufblühen der Werke eine nicht 
unerhebliche Vermehrung der Arbeitsgelegen 
heit bedeutete. Die vielen Verordnungen für 
den Bergbau aus der damaligen Zeit zeigen 
weiter, welches Interesse man an diesem In 
dustriezweig nahm. 
Hierzu gehört weiter der Umstand, daß auch 
die Bergleute in Hessen nicht unerhebliche Vor 
teile genossen, die sie fast wie einen Staat im 
Staat erscheinen ließen. Wenn man ihre Rechte 
und Pflichten betrachtet, die sich je nach den 
obwaltenden Umständen bald günstiger, bald 
weniger günstig "»stalteten, so ergibt sich, was 
das Recht zunächst anbetrifft, etwa folgendes 
Bild. Seit der „Bergwerksfreiheit" des Land 
grafen Pbilwv waren die Bergleute befugt, 
sich freie Wohnhäuser zu errichten, zu denen 
ihnen das nötige Brennholz geliefert wurde. 
Bier und Wein durften sie nach ihrem Ge 
fallen kaufen und ungehindert ohne Umgeld 
verschenken und vertreiben. Anderes Gewerbe, 
das zur Mehrung ihres Unterhalts diente, 
konnten sie nach Belieben betreiben. Sie ge 
nossen Akzise- und Lizenzfreiheit, waren also 
aller Abgaben auf die zu ihrem Haushalt er 
forderlichen Nahrungsmittel, namentlich auch 
auf ihren Haustrunk, ledig. Besaßen sie keine 
eigenen Häuser, sondern wohnten zur Miete, 
so war es den Hauswirten verboten, sie durch 
zu hohen Mietzins zu belasten. Die Bergleute 
genossen Freiheit von Boten-, Fron-, Wacht-, 
Jagd-, Wegebau- und anderen Personal 
diensten, und namentlich von den Personal 
steuern, mit Ausnahme des Gerichtsgeldes und 
der Reallasten, die sie wie jeder andere zu 
tragen hatten. Dennoch hatten sie von ihrem
	        
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