Full text: Hessenland (40.1928)

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tausend Masken gerade auf die Fledermaus, 
welche in ihrer Nische fest zu hängen schien. 
Wie scharf dieses Äuge sah, wissen wir und 
wundern uns deshalb nicht, wenn in der näch 
sten Pause der Quadrille Caliste durch die 
Menge glitt und unter dem Vorwände, eine 
Schleife an ihrem Kleide zu ordnen, gerade 
auf die Nische und die Fledermaus in der 
selben zueilte. Valentin wollte davon, aber 
sie rief ihm zu: „Resteda, pauvre chauve- 
souris; tu es bien à ta place, et je ne te 
dérangerai pas." Kein Ton in ihrer kalten, 
Hellen Stimme verriet, wie anders diese an 
dasselbe Ohr noch kurze Zeit zuvor geklungen. 
Ihre linke Hand wies spottend auf die In 
schrift der Bude, woran Valentin lehnte, wäh 
rend sie mit der Rechten eine diamantene 
Agraffe fester in die gelockerte Busenschleife 
steckte. Valentin blickte um sich und las über 
der Tür: à fidèle berger! Erzürnt eilte die 
Fledermaus aus ihrem Versteck hinweg und 
verschwand unter der Menge. 
Gabriele, welche ein paar Tage zuvor ihren 
neuen Dienst als „Danae d’annonce" bei der 
Königin angetreten hatte, schloß als die letzte 
ihres Gefolges den Zug. Sie schaute so ernst 
und fremd darein, schritt so gemessen und fei 
erlich einher, als fühlte sie in diesem Kreise 
sich wenig heimisch oder an falscher Stelle. Es 
lag in dem schönen ruhigen Gesichte, das eher 
einer Britin als der Französin hätte ange 
hören können, ein solcher Ausdruck von Teil 
nahmlosigkeit an allem Aeußern, vorüber 
gehend sogar von Kälte und Strenge, daß Va 
lentin, welcher ihr mit den Blicken folgte, bei 
nahe davor erschrak. Mit tiefer Spannung 
Heimat und Fremde. 
H o ch f ch uln a chri cht e n. M a rbur -g : Am 
31. Mai starb 85jährig einer der berühmtesten Ge 
lehrten unserer Universität, der ord. Prof, für rö 
misches und bürgerliches Recht Geh. Iustizrat Dr. 
jur. Ludwig E n n e c c e r u s. In Wenigen Wochen 
hätte er sein 69jähriges Doktorjubiläum begehen kön 
nen. Ans Neustadt in Hannover gebärtig, übernahm 
er schon 1873 eine Professur an unserer Universität, 
wo er bis zu seiner là erfolgten Emeritierung rö 
misches und deutschles bürgerliches Recht vertrat und 
1882/83 das Amt des Rektors bekleidete. Weiten 
Kreisen bekannt wurde er durch seine hervorragende 
Mitarbeit am Bürgerlichen Gesetzbuch; sein Handbuch 
hat alle ähnlichen Werke überflügelt. Neben seiner 
wissenschaftlichen Tätigkeit war er lange Jahre hin 
durch Reichstags-' und Landtagsabgeordneter und 
einer der Führer der 'nationalliberalen Partei, ferner 
Vertreter des Kreises Marburg im Provinzial land tag 
und über '25 Jahre Mitglied des Provinzialrats in 
Kassel. Auch an der Leitung des deutschen Juristen- 
hing er an ihren reinen Zügen, und diese 
Spannung wuchs bis zur Angst, so oft in zu 
fälliger Fügung der Tanzfiguren der König 
in Gabrielens Nähe geriet oder ihre Hand 
faßte. Ihm kam es dann vor, wie wenn über 
einen glänzenden Spiegel ein trüber Hauch 
flöge. Der galante Schatten des Bearners 
drängte sich mit sichtlicher Beflissenheit und 
wiederholt an Gabriele. „Sie sind", flüsterte 
er ihr in einem En-avant-deux zu, „wenig 
im Charakter Ihrer Rolle, schöne Gabriele." 
— Wie das, Sire? — „Kennen Sie die Ge 
schichte unseres schönen Frankreichs so wenig, 
um nicht zu wissen, daß die Gabrielen viele 
Güte für die Heinrich haben müssen?" Hier 
zerriß der Tanz die leise Unterhaltung; aber 
Ierome verfehlte nicht, bei der nächsten Tour 
wieder anzuknüpfen. „Soll ich, wie Heinrich 
um Gabriele, als Bauer verkleidet um Sie 
werben, da Ihr Auge noch immer so finster auf 
den König blickt? — Sire, erwiderte sie, und 
suchte vergeblich zu entschlüpfen, ich dachte 
eben an das Ende jener Geschichte: an die 
Orange, welche der armen Gabriele so schlecht 
bekam. — „Von mir, Mademoiselle, erhielten 
Sie eine andere Frucht: den Apfel, wenn ich 
Paris wäre." — Der Apfel ist eine verbotene 
Frucht, so steht in der Bibel. — „Sind die 
verbotenen Früchte nicht die süßesten?" —- 
Für Kinder vielleicht, gewiß nicht für einen 
König! — „Sie ist zum Entzücken", sagte Ie 
rome vor sich hin, während Gabriele kalt und 
ernst, mit einer tiefen Verbeugung, seine Hand 
losließ. Die Quadrille trennte sie. 
(Fortsetzung folgt.) 
tages war er in hervorragender Weife 'beteiligt. Durch 
feine grundlegenden Arbeiten über das Rechtsgeschäft 
des gemeinen Rechts und fein Lehrbuch- der bürger 
lichen Gesetze hat er sich ein bleibendes Denkmal ge 
fetzt. — Dem a. o. Professor für -alte Geschichte, Ober 
studienrat Dr. Wilhelm Enßli n-, wurd-e ein Lehr 
auftrag zur Vertretung der Geschichte d-er späteren 
römischen Kaiserzeit mi-t besonderer Berücksichtigung 
der Kultur und Wissenschaft erteilt. — Der Privat 
dozent Dr. ing. et php. Friedrich Wachtsm u t h 
wird an der Wissenschaftlichen Expedition zur Unter 
suchung und Ausgrabung der Ruinenstätten von 
Ktesiphon und Seleukia am Tigris bei Bagdad im 
kommenden Winter teilnehmen. — Am 22. Mai hielt 
Dr. phil. Jost Trier feine AntrittsVorlesung über 
„Innere Sprachform". — Am 19. Mai fand die end 
gültige Immatrikulation der Studierenden d>es 'Som 
mersemesters statt, die durch den Rektor Iber Univer 
sität, Freiherrn v. Soden, in einer Ansprache begrüßt 
wurden. Neu eingeschrieben ftnb diesmal 1745 Stu-
	        

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