Full text: Hessenland (40.1928)

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la battre que chez eile. On te mettra au 
castel; triste prison oü tu mangeras de l'eau 
et boiras du pain." Laut schallendes Geläch 
ter, während dessen einzelne Zuschauer weiter 
zogen zu einem Quacksalber, der im Scharlach 
rocke, unter einer großen, gepuderten Flachs 
perücke, mit Manschetten und Papier und 
einem riesenhaften Fächer angetan, seine 
Kranken auf dem Markte behandelte: „Voila, 
messieurs et dames; nur heran, als heran! 
hier is ssick su sseen, wie ein Franzos eine 
blinde Eß stein Staar stickt! Kost gar nix, 
steine steer outerhalti! Voila, Mesdames et 
messieurs, wie ein Franzos eine alte Eß ssein 
lange Sopf absneit! Kost gar nix, ssein steer 
lustik!" Der blinde Heß, eine sehr charakte 
ristische Figur aus der bekannten alten Schule, 
krümmte sich gewaltig unter der ungeheuren 
Nadel und Schere des Arztes, welche ihm in 
das trübe Glasauge stach und den langen, 
steifgewickelten Zopf mit kühnem Schnitte am 
putierte. Wiederum schallendes Gelächter, und 
wiederum weiter zu dem italienischen Im 
provisatore, der seine Kanzonetten in neapo 
litanischem Volksdialekte absang und mit der 
Guitarre begleitete, zu dem Sklavenmarkte, 
wo ein bärtiger Türke Frauen aller Farben 
und Formen ausstellte, zu der französischen 
Bauernhochzeit, der russischen Bauernschenke, 
dem westfälischen Bauerntanze, — von einem 
Bild, von einem Kreise zum andern, die in 
holder Verschlingung einander ab- und auf 
lösten und, wie im treuesten Spiegel, Gestalten 
und Szenen jeder Zeit und jeder Zone wech 
selnd vorüberführten. — 
*) Hier, an ¡bet Grenze zwischen Wahrheit und 
Dichtung, bin ich item Leser eine Erklärung über 
beider Verhältnis zu einander schuldig. Mein Ro 
man hat natürlich leine Menge erfundener Gestalten: 
so der Held, Valentin, itrib seine Schwester Marie, 
deren Bekanntschaft in der ersten Mitteilung an diese 
Blätter flüdbtigi bereits angeknüpft wurde; so Ga 
briele und ¡der Tiroler, welche in diesem Bruchstücke 
zu erscheinen die Ehre haben werden. Reben solchem 
Eigentume des Dichters steht daun, was er als 'ge 
schichtliche Ueberlieferung an sich nahm: der König, 
die Königin, ihr Hofstaat in einzelnen, hervorragen 
den Figuren, wie Moria, der ebenfalls schon einge 
führt worden ist. Natürlich habe ich mir in den Be 
ziehungen meiner erdichteten Personen zu benen der 
Wirklichkeit alle Freiheit genommen; aber ich bin 
'auch- einen Schritt weiter gegangen und habe, wo es 
nötig wurde, erdichtete Personen den geschichtlichen 
In solchem Gewühle hat, verzeihlicher- 
masten, unsere Erzählung ihre eigenen Ge 
stalten für eine Weile aus dem Auge ver 
loren. Suchen wir dieselben auf.*) 
Valentin flatterte als graue Fledermaus 
in dem Lichtermeer umher. Aber seine Flügel 
waren leichter als sein Sinn. Zum ersten 
Male seit dem entscheidenden Bruch mit Ma 
dame Morio begegnete er ihr auf dem Balle, 
nachdem er wochenlang, ob aus Mut oder 
Schwäche, absichtlich jede Gelegenheit vermie 
den, sie zu sehen. Auch hier wünschte er nicht, 
ihr gegenüberzustehen; er hätte ganz weg 
bleiben mögen, wenn ihn nicht das Interesse 
an Gabriele in den Wirbel gezogen. O wie 
klopfte ihm das Herz, als beide, die Frau und 
das Mädchen, welche ihn so nahe angingen, 
im ersten Zuge der Königin an ihm vorüber 
schwebten! Caliste erschien ihm schöner, als 
er jemals sie gesehen: das feine Ebenmaß ihres 
Wuchses, jene schlangenhafte Beweglichkeit der 
Gestalt, wie sie den Kreolinnen eigen ist, der 
unaussprechliche Zauber, welcher als die voll 
endetste Verbindung natürlichen Reizes und 
künstlicher Ausbildung ihr ganzes Wesen um 
schwebte, das alles überschlich und umstrickte, 
wie er von fern stand, seine Sinne wieder mit 
berückender Gewalt. Er mußte die Hand fest 
aus das Herz pressen, um ein ungestümes 
Bocken niederzuhalten. „Caliste", murmelte 
er in sich, „ja wahrhaftig, Caliste, die Schönste 
von allen!" Sie war, wie der gesamte könig 
liche Zug, ohne Larve. Ihr Auge, — gibt es 
denn wirklich einen magnetischen Zug und 
Strom in der geistigen Welt der Leidenschaf 
ten? — ihr großes Auge fiel unter den fast 
untergeschoben. So namentlich Madame Morio. Adele 
Morio kommt in keiner der zahlreichen Quellenschrif 
ten und- Zeitdenkmäler, welche ich für meine Zwecke be 
nutzt, als „galante Frau" vor; im Gegenteil wird 
ihres schönen Verhältnisses zu dem Gatten und ihrer 
Trefflichkeit als Frau und' Mutter ebenso oft wie 
ihrer ¡Schönheit rühmliche' 'Erwähnung getan. Diese 
Gestalt paßte nicht in meine Komposition': ich habe 
deswegen eine eigene, etdichtete Madame Morio 
hinter die geschichtliche gestellt und' sie deswegen 'auch 
aus Adele in Caliste umgetauft. 'Gleiche Freiheit 
nahm ich mir an feiner Stelle mit ¡dem tragischen 
Ende ihres ¡Gemahls, das ich als Tatsache beibehielt, 
aber in ¡seinen Motiven verwandelte. Ich bemerke 
das nur, um Reklamationen zu begegnen, 'die eben 
sowohl aus persönlichen Gründen, wie aus 'geschicht 
lichen Bedenken gegen mich sich erheben könnten. 
A n m. d. V e r f.
	        

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